Chinesischer Dissident Liu Xiaobo gestorben

13. Juli 2017, 15:35
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Der leere Stuhl von Oslo wurde zum Symbol für den bekanntesten Bürgerrechtler, den China einsperrte. Erst als er im Sterben lag, war Peking zu humanitären Gesten bereit

Die Zwei-Zeilen-Nachricht, wonach der "Häftling Liu Xiaobo" unheilbar krebskrank sei und Haftbefreiung zur medizinischen Behandlung im Spezialkrankenhaus Nummer eins Shenyang erhalten hat, erschien auf der Webseite der Shenyanger Justizverwaltung am 28. Juni. Es war nach sieben Jahren die erste amtliche Information über den eingesperrten Bürgerrechtler. Erst als er im Sterben lag, war Peking zu humanitären Gesten bereit.

Der 61-Jährige erhielt als erster Bürger der Volksrepublik im Oktober 2010 den Friedensnobelpreis. Statt stolz zu sein, tobte Peking. China hielt Liu seit Oktober 2008 eingesperrt und verurteilte ihn Ende 2009 zu elf Jahren Haft – aus den gleichen Gründen, für die ihn Norwegens Nobelkomitee mit Lorbeeren auszeichnete. Der einflussreiche Liu forderte die Demokratisierung Chinas und politische Reformen. Das machte ihn für die Partei zum potenziellen Staatsumstürzler, besonders als er sein Freiheitsmanifest "Charta 08" verfasste. Für Oslo war Liu dagegen ein Aufklärer im besten Sinne, der mit friedlichen Mitteln für den evolutionären Wandel Chinas zu rechtsstaatlichen Verhältnissen stritt.

Leerer Stuhl als Symbol

Von der Preisverleihung am 8. Oktober 2010 erfuhr Liu im Gefängnis. Peking ließ weder ihn noch seine Frau Liu Xia zur Entgegennahme des Preises nach Norwegen ausreisen. Am Ende stand ein leerer Stuhl auf der Bühne. Er wurde zum Symbol für Liu.

Seine Verfolgung begann im Frühjahr 1989 mit den großen Studentendemonstrationen, die zum Tian'anmen-Massaker des 4. Juni führten. Der damals 33-jährige Literaturdozent an einer Pekinger Universität kehrte vorzeitig von seinem USA-Forschungsaufenthalt an der Columbia-Universität im April 1989 zurück. Er schloss sich einer Gruppe liberal denkender Intellektueller an, die sich mit den Protesten solidarisierten. Zugleich versuchten sie aber auch auf die hitzköpfigen Studenten mäßigend einzuwirken, als sie den Tian'anmen-Platz besetzten und Hungerstreiks inszenierten.

Liu war in der Schicksalsnacht auf den 4. Juni unter den Studenten, als die Volksbefreiungsarmee zur Räumung des Platzes durch die Innenstadt anrückte und dabei um sich schoss. Er gehörte zu den vier Intellektuellen, die als Vermittler einen Abzug der Studenten mit der Armeeführung aushandeln konnten. Auf dem berühmten Platz floss anders als auf den Zufahrtsstraßen in der Nacht kein Blut.

"Geistiger Anstifter"

Die Kommunistische Partei hat Liu für seine Vermittlung nie gedankt. Am 6. Juni verschleppten ihn Polizisten, Parteiideologen nannten ihn einen "geistige Anstifter". 20 Monate sperrten ihn die Behörden ein, ohne ihm strafrechtlich etwas zur Last legen zu können.

Anfang 1991 war er frei, aber stigmatisiert. Für die Partei war der 4. Juni ein Super-GAU, für Liu der Wendepunkt in seinem Leben zum Bürgerrechtler. Immer wieder warnte er die Mächtigen, dass sie wegen Tian'anmen zur Verantwortung gezogen würden. Am 18. Mai 1995 wurde er dafür als Unruhestifter mit acht Monaten Arrest bestraft. Am 8. Oktober 1996 steckten ihn die Behörden deswegen nach "administrativem Polizeirecht" für drei Jahre in Lagerhaft – "Reform durch Arbeit".

Friedlicher Wandel

Die Willkür radikalisierte ihn nicht: Aller Wandel müsste friedlich geschehen. Das brachte ihn zwischen alle Stühle. Dissidenten im Exil, die Chinas Partei gewaltsam stürzen wollten, forderten vom Nobelpreiskomitee, ihm auf keinen Fall den Preis zu verleihen.

Liu, so sagte einst sein Freund Yu Jie, ließ sich von liberalen Bürgerrechtlern wie Martin Luther King, Nelson Mandela und Václav Havel beeinflussen. Das Internet wurde sein Medium. Über 1.500 kritische Artikel, Aufrufe und Essays hat er vor seiner Festnahme 2008 veröffentlicht. Das Gericht zitierte sechs Berichte in seinem Urteil als Beweismittel für seine angeblichen Umsturzpläne. Ein Aufsatz hieß "Der diktatorische Patriotismus der Partei". Liu kritisierte, dass die Partei die Liebe zu ihrer Herrschaft mit der Liebe zu China gleichsetze. Als Verbrechen wurde Liu sein Manifest "Charta 08" angekreidet. Er stellte darin 19 Forderungen nach Freiheitsrechten und nach dem Umbau Chinas zum "konföderierten Staatenbund im Rahmen einer demokratischen Verfassung".

Lius Verteidigungsrede vor Gericht am 23. Dezember 2009 machte Furore im Internet. Er sagte: "Ich betrachte keinen der Polizisten, die mich seit 20 Jahren überwachten, verhafteten und verhörten, keinen der Staatsanwälte, die mich anklagten, und keinen der Richter, die mich verurteilten, als meine Feinde."

Liu Xiaobo starb am Donnerstag im Alter von 61 Jahren an den Folgen seiner Krebserkrankung. (Johnny Erling aus Peking, 13.7.2017)

  • Demonstration für die Freilassung Liu Xiaobos in Hongkong Ende Juni.
    foto: apa/afp/anthony wallace

    Demonstration für die Freilassung Liu Xiaobos in Hongkong Ende Juni.

  • Liu Xiaobo auf einer Archivaufnahme aus dem Jahr 2008.
    foto: ap photo

    Liu Xiaobo auf einer Archivaufnahme aus dem Jahr 2008.

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