Russland forciert Gasexport an Ukraine vorbei bis nach Wien

7. Juli 2017, 13:00
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Gazprom hat nach dem Scheitern der Pipeline Southstream eine neue Route über die Türkei ausgegraben

Ungarn will russisches Gas über die Turkstream-Leitung beziehen. Eine entsprechende Absichtserklärung haben Vertreter der Regierung in Budapest und Gazprom nun geschlossen. Zuvor hatte der russische Gasexportmonopolist im Juni schon ähnliche Vereinbarungen mit Bulgarien und Serbien getroffen. Damit reanimiert Gazprom faktisch das 2013 nach massivem Widerspruch aus Brüssel gescheiterte Projekt der Schwarzmeerpipeline Southstream.

Im Gegensatz zur ursprünglich geplanten Leitung, die aus Anapa kommend an der bulgarischen Küste anlanden sollte, führt die neue Route über den türkischen Badeort Kiyiköy nahe Istanbul. Auch diese Route, von Kremlchef Wladimir Putin nach dem Southstream-Ende als Ersatz verkündet, lag nach den russisch-türkischen Streitigkeiten in Syrien lange Zeit auf Eis. Seit Mai wird der erste Strang mit einer Kapazität von 15,75 Milliarden Kubikmeter im Schwarzen Meer verlegt.

Kreml gegen Ukraine-Transit

Da diese Menge von der Türkei allein verbraucht wird, soll ein zweiter Strang die Verbraucher in Südosteuropa versorgen. Dieser soll 2019 in Betrieb gehen. Perspektivisch ist eine Erweiterung von Turkstream auf insgesamt vier Stränge und 63 Milliarden Kubikmeter Gas angedacht. Damit wäre theoretisch auch eine weitere Verlängerung Richtung Österreich möglich. Spätestens 2020 soll die Pipeline aus der Sicht Moskaus den Transit über die Ukraine obsolet machen. Die bisherigen Transitverträge gelten noch zwei Jahre, eine Verlängerung lehnt die russische Führung ab.

Unter ähnlicher Zielstellung – die Umgehung von Transitländern – wird in der Ostsee die Erweiterung der Nord-Stream-Pipeline projektiert, für die sich auch die OMV interessiert. Gegen beide Projekte laufen daher neben der Regierung in Kiew auch die baltischen Länder und Polen Sturm.

Ungarns Außenminister Péter Szijjártó zeigte sich von den Argumenten seiner Kollegen wenig beeindruckt. Für ihn gehe es darum, die Gasversorgung auch nach 2019 sicherzustellen. Turkstream sei dafür die optimale Variante. "Aus diesem Grund ist Ungarn daran interessiert, Gas aus dem Süden zu bekommen", sagte er. Die Liefermenge soll zugleich von 5,7 auf acht Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr steigen.

Dass die Pipeline nach der Zusage der Transitländer nun realisiert wird, davon sind selbst russische Experten nicht restlos überzeugt: "Gazprom erinnert sich genau, wie es von Bulgarien 2013 hängengelassen wurde", sagte der Energieexperte von Small Letters, Witali Krjukow. Er verwies darauf, dass das Projekt auf politischen Widerstand in Brüssel stoßen werde. Bulgarien und Ungarn hätten dort bei weitem nicht die Lobby Deutschlands, um ihr Projekt forcieren zu können, warnte er. Brüssel pocht darauf, dass die Pipeline unter das dritte Energiepaket fällt, das unter anderem eine Bereitstellung der Transportkapazitäten für konkurrierende Anbieter vorsieht.

Alternative

Zudem hat Gazprom selbst noch eine Alternative im Ärmel, die mit der Balkanroute schwer vereinbar ist: In Rom unterzeichnete der Konzern Absichtserklärungen mit dem italienischen Versorger Edison SpA und der griechischen Depa-Gruppe, eine Pipeline durch das Mittelmeer nach Süditalien zu bauen. Die Leitung unter dem Namen Poseidon würde auf die gleiche Ressourcenbasis wie die Route Bulgarien-Serbien-Ungarn zurückgreifen. Zwar sind die Baukosten unter Wasser wesentlich höher, dafür hätte Gazprom aber wohl finanziell potentere Partner im Boot.

Am Ende werde die Route davon abhängen, wie sich die "europäischen Partner" organisierten und ihre Position gegenüber Brüssel durchsetzen könnten, machte Gazprom-Chef Alexej Miller deutlich. So lange halten sich die Russen alle Optionen offen. (André Ballin aus Moskau, 7.7.2017)

  • Geht es nach Russlands Präsident Wladimir Putin und Ungarns Präsident Viktor Orbán, sollen Ingenieure bald nicht nur in Beregdaróc, einem von mehreren bestehenden Gasübertrittspunkten in die EU, die Effektivität des Verteilsystems prüfen, sondern bald auch an einer neuen Leitung Hand anlegen. Es geht um die Verlängerung der Turkstream von der Türkei nach Zentraleuropa.
    foto: reuters / laszlo balogh

    Geht es nach Russlands Präsident Wladimir Putin und Ungarns Präsident Viktor Orbán, sollen Ingenieure bald nicht nur in Beregdaróc, einem von mehreren bestehenden Gasübertrittspunkten in die EU, die Effektivität des Verteilsystems prüfen, sondern bald auch an einer neuen Leitung Hand anlegen. Es geht um die Verlängerung der Turkstream von der Türkei nach Zentraleuropa.

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