Toto Wolff: "Jetzt ist der Gegner klar zu erkennen"

Interview7. Juli 2017, 08:42
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Vor dem Grand Prix von Österreich am Sonntag hält Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff die Fronten zwischen Lewis Hamilton und Sebastian Vettel für geklärt. Dem Geschäft schadet die Konkurrenz nicht

STANDARD: Sie meinten vor bald zwei Wochen, nach der Kollision von Baku, Lewis Hamilton und Sebastian Vettel seien "Krieger". Würde einem Teamchef verbales Abrüsten nicht besser stehen?

Wolff: Man muss nicht jedes Wort auf die Waagschale legen. Ich möchte nicht jede Aussage glätten, man muss bei aller Vorsicht authentisch bleiben. Emotionen gehören dazu, davon lebt der Sport, davon lebt die Formel 1. Das Rennen hatte mich an einen Gladiatorenkampf erinnert.

STANDARD: Die Fahrer wirken gereizt, die Stimmung ist aufgeheizt. Wohin wird das führen?

Wolff: Die Gemüter haben sich schon wieder beruhigt. Das Verhältnis der beiden Piloten wird durch solche Episoden aber nicht unbedingt besser. Man kann als Fahrer nicht alles vergessen, manches bleibt hängen.

STANDARD: Immer wieder wird die Vorbildfunktion der Fahrer angesprochen. Ist das bei Piloten, die mit 350 Sachen über einen Stadtkurs rasen, nicht grotesk?

Wolff: Die Fahrer sind Sportler mit großer Medienpräsenz, ihr Verhalten hat einen Abstrahleffekt auf das Publikum. Ja, sie fahren mit sehr hohem Tempo, aber nur auf abgesperrten Strecken. Es gibt einen Rahmen, es gibt Regularien und das Gebot der sportlichen Fairness.

STANDARD: Das wurde von Vettel durch die herbeigeführte Kollision gebrochen.

Wolff: Wenn Sebastian die Zeit zurückdrehen könnte, würde er dieses Manöver nicht wiederholen. Man darf das Risiko eines Folgeschadens nicht vergessen. Sekunden später fahren die Autos wieder in voller Geschwindigkeit. Da sollte dann besser nichts auseinanderbrechen.

STANDARD: Sie wollten mit Vettel sprechen. Ist es dazu gekommen?

Wolff: Ich wollte nicht direkt mit ihm sprechen, sondern nur seine Sichtweise hören. Ich bin nicht sein Teamchef, er ist mir keine Erklärung schuldig. Ich denke, er hat sich in der Wut zu einer Aktion verleiten lassen, die ihn den Sieg gekostet hat.

STANDARD: Früher mussten Sie teaminterne Konflikte zwischen Nico Rosberg und Lewis Hamilton schlichten. In dieser Saison ist das Feindbild quasi ausgelagert. Gefällt Ihnen diese neue Konstellation etwas besser?

Wolff: Auf jeden Fall. Das macht es einfacher. Wir hatten alle Hände voll zu tun, die Rivalität unserer Piloten einigermaßen in Zaum zu halten. Wir mussten negative Impulse auf das Team verhindern. Jetzt ist der Gegner klar zu erkennen – Sebastian Vettel im Ferrari. Das ist reizvoll und verbessert die Stimmung.

STANDARD: Auch scheint die Hierarchie bei Mercedes erstmals klar abgesteckt. Darf man Valtteri Bottas als Nummer zwei bezeichnen?

Wolff: Bezeichnungen sind nebensächlich. Wir geben Valtteri Zeit, um in unserem Team Performance zu zeigen. Wir wissen, was wir an ihm haben.

STANDARD: Die Formel 1 ist aber nicht für große Geduld bekannt.

Wolff: Lewis ist im fünften Jahr dabei, Valtteri hat unseren Anruf im Jänner erhalten. Er verkauft sich sehr gut, hält auch im Qualifying dagegen. Die beiden lernen voneinander, was die Abstimmung des Autos betrifft. Im Moment spricht die Statistik aber für Lewis, das ist Tatsache.

STANDARD: Am Wochenende steht der Grand Prix von Österreich auf dem Programm. Die Tickets für Spielberg verkaufen sich nach zwei Jahren leichter Flaute wieder wie die warmen Semmeln. Ist da bereits die Handschrift des neuen Rechteinhabers Liberty Media erkennbar?

Wolff: Es wurden richtige Schritte gesetzt, das Fahrerlager ist zugänglicher, die Social-Media-Aktivitäten wurden ausgebaut. Es ist eine Gratwanderung: greifbarer werden, aber doch den traditionellen Glamourfaktor bewahren. Die Formel 1 muss ihrer DNA treu bleiben. Wir sind auf einem guten Weg.

STANDARD: Das allein erklärt aber wohl nicht den Ansturm.

Wolff: Je mehr Teams siegfähig sind, umso interessanter wird es für die Fans. Fehlende Abwechslung bei den Siegern hat dem Entertainment nicht gutgetan. Mit Ferrari ist eine neue Komponente im Spiel, damit steigt die Spannung. Die Formel 1 braucht den Wettkampf, jetzt haben wir ihn.

STANDARD: Sie klingen geradezu euphorisch. Überwiegt nicht doch der Ärger, dass die Dominanz von Mercedes gebrochen ist?

Wolff: Das war kein Normalzustand, diese Überlegenheit war außergewöhnlich. Irgendwann musste diese erdrückende Dominanz zu Ende gehen. Neue Reifen und neue Aerodynamikregeln haben dazu beigetragen, dass Ferrari ein echter Titelkandidat geworden ist. Wir stehen nicht mehr ständig vorn, das ist die neue Zeitrechnung. Trotzdem hat unser Team ein starkes Zeichen gesetzt.

STANDARD: Inwiefern?

Wolff: Wir konnten beweisen, dass die Strukturen bei Mercedes derart gefestigt sind, dass wir auch über eine große Regeländerung hinweg konkurrenzfähig bleiben. Unser Ziel war immer, Rennen zu gewinnen und um die Meisterschaft zu fahren. Beides ist uns nach wie vor möglich.

STANDARD: Wie kommt Mercedes mit der neuen Rolle des Jägers zurecht?

Wolff: Die Rolle ist psychologisch etwas einfacher. An unserer Herangehensweise hat sich aber nicht viel verändert, wir hatten auch in den vergangenen drei Jahren nicht den Eindruck, dass es einfach wäre. Ich sehe uns mittlerweile auch nicht mehr als Jäger, wir haben im Laufe der Saison einen Nachteil aufgeholt und sind wieder auf Augenhöhe.

STANDARD: Andere Baustelle: Österreich sehnt sich seit Jahren nach einem Formel-1-Fahrer. Der 22-jährige Tiroler Lucas Auer ist in der DTM auf Mercedes zum Siegfahrer gereift. Darf man sich Hoffnungen machen?

Wolff: Er hat sich zu einem wirklichen Leistungsträger entwickelt und hat realistische Chancen auf den Gewinn der Meisterschaft. Ein erster Test in der Formel 1 wäre die logische Konsequenz. Die Konzentration muss aber der DTM gelten, da geht es um Zählbares.

STANDARD: War seine außerordentliche Entwicklung absehbar?

Wolff: Nein, nicht in dieser Form. Das ist in der Tat beeindruckend und über dem zu erwartenden Maß. Es ist faszinierend, wie unterschiedlich sich Fahrer entwickeln. Lucas ist ganz vorn dabei, die Zukunft steht ihm offen. (Philip Bauer, 7.7.2017)

TOTO WOLFF (45), Ex-Rennfahrer aus Wien, ist seit 2013 Motorsportchef bei Mercedes.

  • "Die Gemüter haben sich schon wieder beruhigt. Das Verhältnis der beiden Piloten wird durch solche Episoden aber nicht unbedingt besser."
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    "Die Gemüter haben sich schon wieder beruhigt. Das Verhältnis der beiden Piloten wird durch solche Episoden aber nicht unbedingt besser."

  • "Fehlende Abwechslung hat dem Entertainment nicht gutgetan. Die Formel 1 braucht den Wettkampf, jetzt haben wir ihn."
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    "Fehlende Abwechslung hat dem Entertainment nicht gutgetan. Die Formel 1 braucht den Wettkampf, jetzt haben wir ihn."

  • "Jetzt ist der Gegner klar zu erkennen – Sebastian Vettel im Ferrari. Das ist reizvoll und verbessert die Stimmung."
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    "Jetzt ist der Gegner klar zu erkennen – Sebastian Vettel im Ferrari. Das ist reizvoll und verbessert die Stimmung."

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