Psychologie: Misstrauen ist nicht einfach das Gegenteil von Vertrauen

8. Juli 2017, 14:30
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Forscher ließen eineiige und zweieiige Zwillinge für ein Spiel antreten

Tucson – Rein sprachlich mag Misstrauen das Gegenteil von Vertrauen sein. Psychologisch betrachtet sieht es aber etwas komplizierter aus, berichten Forscher der University of Arizona. Es handle sich nicht um zwei einander gegenüberliegende Werte auf derselben Skala, sondern um zwei getrennte Eigenschaften mit unterschiedlicher Entstehungsgeschichte.

Das Experiment

Zu diesem Schluss kommt das Team um Martin Reimann nach einer Zwillingsstudie mit über 500 Beteiligten. Es handelte sich um 324 eineiige und 210 zweieiige Zwillinge. Alle waren bereits erwachsen, wodurch drei Faktoren beachtet werden konnten: genetische Grundausstattung, gemeinsame Sozialisation und individuell gemachte Erfahrungen.

Diese Probanden mussten an einem Spiel teilnehmen, in dem sie zum einen entscheiden sollten, wie viel Geld sie einem anderen Probanden zukommen lassen (als Indikator für Vertrauen) – und in einem zweiten Durchlauf, wie viel sie einem anderen wegnehmen (stellvertretend für Misstrauen).

Ergebnis und Interpretation

Es zeigte sich, dass sich eineiige Zwillinge, die ja genetisch weitgehend identisch sind, in Sachen Vertrauensbeweise ähnlicher verhielten als zweieiige. Das spricht dafür, dass das Ausmaß des Vertrauens genetisch mitbedingt ist. In der Misstrauensrunde des Spiels konnte hingegen kein solcher Unterschied zwischen ein- und zweieiigen Zwillingen festgestellt werden. Die Folgerung: Die Gene spielen hier keine Rolle. Und die Folgerung der Forscher daraus: Misstrauen ist etwas anderes als das Gegenteil von Vertrauen.

Die Forscher versuchten auch, die drei oben genannten Faktoren zu quantifizieren. Wie wörtlich man die so errechneten Zahlen nehmen kann (z. B. "30 Prozent des Vertrauens sind erblich") sei dahingestellt. Zumindest eine Grundtendenz kann man aus der in "PNAS" erschienenen Studie aber ablesen: Individuell gemachte Erfahrungen sind immer noch der wichtigste Faktor, sowohl bei Vertrauen ("70 Prozent") als auch Misstrauen ("81 Prozent"). Doch hätten die Gene beim Vertrauen eben ein kleines Wörtchen mitzureden. (red, 8. 7. 2017)

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