Bachmannpreis: Apokalypsen und zu viel Kunst

6. Juli 2017, 17:08
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Keiner der Texte am Donnerstag konnte wirklich überzeugen. Drei Österreicher waren unter den Kandidaten

Klagenfurt – Kein Text überzeugte am ersten Lesetag der 41. Tage der deutschsprachigen Literatur wirklich. Wenig falsch gemacht hat vielleicht John Wray. Begeisterung erntete der Amerikaner mit Kärntner Wurzeln mit einem Text zwischen Schriftstellerei, Geschwistern und einem Ornithologen. Doch nur einerseits. "Man könnte sich bedanken, dass ein Profi vorbeigekommen ist in Klagenfurt", meinte Klaus Kastberger.

Wo auch Hubert Winkels erst "Kunstfertigkeit sondergleichen" ortete, war STANDARD-Redakteur und Juror Stefan Gmünder aber "der Autor als Spieler, der eine Karte nach der anderen ausspielt, fast zu viel". Das aufgewandte Übermaß von Handwerkszeug begeisterte erst Meike Feßmann und machte auch sie auf den zweiten Blick zweifeln. Wobei: Könne man doch einem Text nicht seine Virtuosität zum Vorwurf machen?

Etwas "messy" (Hildegard Keller) und "super gemacht, aber zu wenig zwingend" (Neo-Juror Michael Wiederstein) erinnerte der Beitrag mit der zuerst realistischen, dann fantastisch hoppenden Schachtelstruktur an den Siegertext Sharon Dodua Otoos vom Vorjahr. Kalkulation?

Weltuntergang mal zwei

Den Tag und Bewerb eröffnet hatte Karin Peschka mit einer Weltuntergangsgeschichte – nicht der einzigen. "Wiener Kindl" erzählt von einem Kind mit Hunden in einer Postapokalypse, ist großes Drama in kleinen Wahrnehmungen. Winkels war dieses "Emblem", in das bloß Einzelheiten eingetragen seien, aber "zu einfach". Für Keller funktionierten Sprache und Motive nicht. Wiederstein hätte dieser "Ursprungslegende" (Sandra Kegel) gekürzt, was von der Poesie ihrer Bilder ablenke. Gmünder hätte den Text dann zu lieblich gefunden.

Damit kam Peschka aber besser weg als Noemi Schneider, die Europa untergehen und zwei rotzig plappernde Freundinnen gen Süden fliehen ließ. Zwar ironisch-kritisch auf allerlei referierend (Flüchtlingskrise, Konsumismus ...), hatte diese poppige Attitüde aber wenig zu sagen. Alle bis auf Kegel ("dieser Clash aus banal und Katastrophe ist interessant") und Winkels fanden den Text platt oder "unangebracht". Für Wiederstein waren die Protagonistinnen "keine Übertreibung in Richtung Wahrheit, sondern Karikaturen". Für ein Spiel müsse mehr Fleisch am Knochen sein, so Keller.

Unbeholfen und zu knapp

Björn Treber las mit "Weintrieb" die Beschreibung einer Beerdigung vor. Da autobiografisch begründet, fanden das alle mutig, den Text selbst aber nur Gmünder ("Zoom ans echte Leben") und Keller ("frisch") gut. Er bot auch kaum mehr als äußerliche und recht repetitive Wahrnehmungen. Feßmann fehlte in dem Allgemeinen ein spezifischer Blick. Ob eine aggressive Stimmung sich gegen den Toten oder die Trauergäste richte, führte zwischenzeitlich zu Irritation, Winkels sah hingegen Unbeholfenheiten und sprachliche Ungenauigkeiten im Text schuld am Eindruck.

Es schloss Daniel Goetsch mit der zweiten Schriftstellergeschichte des Tages über einen Autor, der auf Stoffsuche einen US-Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg kennenlernt. Gmünder spürte zwar die Recherche, aber nicht das, was "Kern des Textes hätte werden können". Jener sei "papieren". Viel sei in dem Romanauszug angelegt, befand Kastberger, funktioniere in der kurzen Form aber nicht. "Weit hinter dem, was man über den Holocaust erzählt, zurück", meinte Kegel und fand ihn zudem "viel zu konventionell erzählt".

Am Freitag sind Ferdinand Schmalz, Barbi Markovic und Verena Dürr dran (ab 10 Uhr). Am Nachmittag (ab 13.30 Uhr) folgen ihnen Jackie Thomae und Jörg-Uwe Albig. (wurm, 6.7.2017)

  • Am linken Bildrand: Björn Treber bei seiner Lesung. Jury und Autor befinden sich im ORF-Theater wieder in Duellstellung, die Sitzplätze für's Publikum fallen heuer aber knapper aus.
    foto: apa/gert eggenberger

    Am linken Bildrand: Björn Treber bei seiner Lesung. Jury und Autor befinden sich im ORF-Theater wieder in Duellstellung, die Sitzplätze für's Publikum fallen heuer aber knapper aus.

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