"Der zerbrochne Krug": Splitter in der Autowerkstatt

6. Juli 2017, 16:23
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Heinrich von Kleists Lustspiel in Kobersdorf

Kobersdorf – Am Anfang von Der zerbrochne Krug öffnet sich kein Vorhang, sondern ein Garagentor. Aus einem zerbeulten Lloyd Alexander kriecht – mindestens so ramponiert wie das Auto – Dorfrichter Adam. Der Kopf blutet, das Bein ist aufgeschunden, und der Gerichtsschreiber ruft bei seinem Anblick: "An der Wange fehlt ein Stück!" Mehr als das fehlende Fleisch beunruhigt Adam jedoch der Verlust der Richterperücke. Noch während er in seine Hose steigt, klopfen schon die ersten Kläger am Tor des Gerichtshofs.

Ein zerbrochener Krug ist Gegenstand der ersten Klage, die der Richter kahlköpfig bestreiten muss. Eine elegante Dame mit Fuchspelz um den Hals (herrlich hysterisch: Hannah Hohloch) beschuldigt den Verlobten ihrer Tochter Eve, das Tonstück zerbrochen zu haben. Dieser beharrt jedoch darauf: Ein Unbekannter habe den Krug bei der Flucht aus Eves Gemach aus dem Fenster geworfen. Gerade noch habe er dem Halunken eins überziehen können.

Selbst Kleist-Neulinge wittern, dass etwas faul ist im Gerichtshof. Im Rahmen der Schloss-Spiele in Kobersdorf feierte Kleists Justizkrimi in einer Inszenierung von Werner Prinz Premiere. Das Bühnenbild besteht aus einem asymmetrischen Glashaus mit rauem Autowerkstättencharme. Autoreifen stapeln sich neben Polstermöbeln, EAV singt aus einem Radiogerät, und ein Poster von Johan Cruijff hängt an der Wand – Prinz verlegt die Geschichte in die 1970er-Jahre.

Wahrheit siegt

Warum Kleists Stoff in einer gläsernen Autowerkstatt spielt und die Kostüme auffallend pelzlastig sind, bleibt unklar. Textlich hält sich die Inszenierung an die klassische Vorlage, moderner ist die Auffassung der Geschlechterrollen: Mit an die Brust gedrückter Handtasche tritt Erich Schleyer als Frau Brigitte auf. Als sie die Perücke des Richters vor Eves Fenster findet, fällt bei der feinen Gesellschaft der Groschen. Aber was tun, wenn die Instanz der Gerechtigkeit ein gar so unrechtes Spiel treibt? Kleist-Neulinge seien beruhigt: Am Schluss siegt tatsächlich die Wahrheit. (Eva Walisch, 6.7.2017)

  • Wolfgang Böck (re.) ermittelt.
    foto: vogus / schloss-spiele kobersdorf

    Wolfgang Böck (re.) ermittelt.

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