"Lokale NGOs nehmen das Risiko, internationale den Ruhm"

20. Juli 2017, 09:00
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Studie bescheinigt internationalen Hilfsorganisationen zu wenig Präsenz in Krisengebieten

Als die Luftangriffe der saudisch geführten Koalition im Jemen immer intensiver wurden, zogen die Vereinten Nationen ihr Personal aus dem Bürgerkriegsland ab. Ihnen folgten weitere internationale Hilfsorganisationen und diplomatische Vertreter. Das war im Jahr 2015 und für Pete Buth der Moment, in dem ihm klar wurde, dass oft die Sicherheitsexperten bei Hilfsorganisationen und den UN das Sagen haben.

Der ehemalige Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen will im Gespräch mit dem STANDARD nicht über die Entscheidungen von Sicherheitsbeauftragten oder Verantwortlichen von Hilfsorganisation urteilen. Jeder müsse seine eigene Entscheidung in Sachen Sicherheit treffen, doch "es war ein Problem, dass nur so wenige Leute im Jemen geblieben sind", sagt Buth: "Risiken auf sich zu nehmen ist Teil der humanitären Arbeit." Daraufhin reflektierte er auch Anfang des Jahres in einer Arbeit für MSF, die sich damit befasst, wie viel Risiken humanitäre Akteure auf sich nehmen können, um mehr Menschen zu erreichen.

Zu wenige Hilfsorganisationen

Mehr. Das ist die Antwort einer kürzlich veröffentlichten Studie im Auftrag der UN-Abteilung für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) und des Norwegian Refugee Council. "Präsenz und Lage" ist der übersetzte Titel des Berichts, der zu dem Schluss kommt, dass zu wenige Hilfsorganisationen in den Regionen sind, wo die meisten Menschen Hilfe brauchen, und umgekehrt.

"Große Hilfsorganisationen halten sich eher von der Front entfernt", sagt Ashley Jackson, eine der Studienautorinnen, zum STANDARD. Vor allem seit dem Jahr 2003 – als das UN-Hauptquartier in Bagdad angegriffen wurde – seien Hilfsorganisationen vorsichtiger, sagt sie. "Die meisten NGOs verstecken sich aber immer noch hinter Stacheldraht", sagt Jackson. "Das muss nicht sein." Denn lokale Hilfsorganisationen würden beweisen, dass man auch in gefährlichen Gebieten noch helfen und gleichzeitig seine Mitarbeiter schützen kann.

Spendengelder gehen verloren

Ein Trend, den die Studienautoren während ihrer Recherche beobachten konnten, war die zunehmende Weitergabe von humanitärem Engagement an lokale Hilfsorganisationen: "Lokale NGOs werden als Subunternehmer engagiert, wo es für große Organisationen oder die Vereinten Nationen zu gefährlich ist", sagt Jackson. Dabei würden Spendengelder verlorengehen, da jede Ebene – von der internationalen bis zur lokalen NGO – eine gewisse Summe einbehalte, sagt die Autorin.

Da die großen Organisationen eben nicht vor Ort seien, könnten die kleinen NGOs auch fast nicht kontrolliert werden. Außerdem würden die lokalen Mitarbeiter nur in wenigen Fällen die Sicherheitsschulungen der internationalen Helfer erhalten. "Die kleinen Organisationen erhalten das Risiko, die großen Organisationen den Ruhm", fasst Jackson zusammen. Die Zahlen belegen, dass weltweit 2015 siebenmal so viele lokale wie internationale Helfer Opfer von Angriffen wurden.

Keine leichtsinnige Entscheidung

Niemand würde leichtsinnig Personal aus Krisenregionen abziehen, sagt Isabelle Misic, die Leiterin der Notfallvorsorgeabteilung des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR: "Es ist ein Balanceakt zwischen der Sicherheit der Mitarbeiter und dem Risiko, das wir für die Menschen in Not nehmen wollen." In den vergangenen Jahren habe sich vor allem der Informationsaustausch zwischen den UN-Einrichtungen und den Hilfsorganisationen verbessert: "Es gibt nun noch gemeinsame Analysen", sagt Misic. In Sachen Sicherheit gebe es beim UNHCR regelmäßige Mitarbeiterschulungen, die in gefährlichen Einsatzgebieten wöchentlich absolviert werden müssen.

Für Iain Levine, Programmdirektor bei Human Rights Watch, gibt es einen triftigen Grund, wieso Hilfsorganisationen vorsichtiger geworden sind: "Es sind Leute gestorben, und die erste Verantwortung jeder Organisation ist die Sicherheit ihrer Mitarbeiter." Für ihn sind es oft die Regierungen, die Hilfseinsätze schwierig gestalten: So etwa in Syrien, wo Hilfskonvois die Einreise verweigert wurde, oder im Südsudan, wo die Regierung die Visa für Helfer von 1.000 auf 10.000 US-Dollar anhob. Außerdem beeinflussten gezielte Budgetkürzungen von Regierungen die Entscheidungen, wo Organisationen tätig sein können, sagt Levine: "Aber es stimmt schon. Hilfsorganisationen sind prinzipiell flexibler als der Apparat der Vereinten Nationen."

Langsame Sicherheitsfreigaben

Ein Beispiel für die Behäbigkeit des UN-Apparats hat Jackson im Zuge einer ihrer Recherchen im Jemen erlebt: "Da musste jede Reise von einem zum anderen Gebiet von der UN-Abteilung für Sicherheit in New York abgesegnet werden", erzählt sie: "Das hat lange gedauert. Dabei muss das Personal vor Ort Sicherheitsentscheidungen treffen können."

Dass die Arbeit für Hilfsorganisationen immer schwieriger wird, daran glaubt Hugo Slim, Experte des Internationalen Komitees des Roten Kreuz nicht: "Es hat nie das goldene Zeitalter der humanitären Arbeit gegeben", sagt er. Man habe schon immer schwierige Entscheidungen zwischen Hilfe und Sicherheit treffen müssen. Doch Slim ist sich sicher, dass der humanitäre Imperativ, die selbstauferlegte Pflicht zu helfen, trotz aller Sicherheitsdebatten bleiben wird: "Das ist ein Teil vom Menschsein." (Bianca Blei, 20.7.2017)

  • Internationale Hilfsorganisationen verwenden immer mehr Suborganisationen, wie eine Studie zeigt.
    foto: apa/afp/karam al-masri

    Internationale Hilfsorganisationen verwenden immer mehr Suborganisationen, wie eine Studie zeigt.

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