Frächter suchen tausende Mitarbeiter

6. Juli 2017, 09:00
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Das Transportgewerbe heuert mehr Frauen und ältere Arbeitslose als Lkw-Fahrer an. Selbstfahrende Laster könnten ab 2030 über die Autobahnen rollen

Wien – 2030 sollte es so weit sein. Dann könnten in Österreich erste selbstfahrende Lkws über die Autobahn rollen, ist Alexander Klacska, Obmann der Sparte Transport und Verkehr der Wirtschaftskammer, überzeugt. Tests im Gewerbe laufen bereits in den USA – allerdings auf Straßen, die nie Eis und Schnee ausgesetzt sind und damit weitaus kleinere Herausforderungen an die Sensorik stellen.

Wenn Laster automatisch bremsen, wird der Abstand zum vorderen Fahrzeug zu gering, und dass sie sich der Fahrbahnmitte zuwenden, wenn sie der Sperrlinie zu nahe kommen, ist hierzulande mittlerweile Realität. In der Zukunft bedürfen die Lkws auf Knopfdruck keines Lenkers und kommunizieren eigenständig miteinander.

Innerhalb nur einer Generation wird sich vollautomatisches Fahren in der Transportwirtschaft in Europa nicht durchsetzen, glaubt Klacska. "Wer jetzt als junger Fahrer beginnt, wird wohl sein Leben lang ein Lenkrad in der Hand halten." Zumal ja jeder Laster irgendwann von der Autobahn runter in den Überlandverkehr und hinein in die Städte müsse. Dass die Zeit, in der die Lkws das Steuer übernehmen, für Fahrer als Ruhephase einzustufen ist, bezweifelt er.

Ungeklärte Fragen

Leichter wird's für die Branche nicht. Hürden, die es wohl bald zu bewältigen gilt: Wie gelingt es etwa, in Notsituationen einzugreifen, wenn drei Viertel der Arbeitszeit passiv verbracht werden? Wie sind Schuldfragen bei Unfällen zu klären? Wie agieren die Versicherungen? Und was sind in der Praxis die tatsächlichen Folgen, treffen selbstfahrende auf traditionelle Fahrzeuge? Bis 2050 werde man sich im Verkehr auf jeden Fall auf den Mischbetrieb einstellen müssen, ist sich Klacska sicher.

Fix ist: Der Job der Lkw-Fahrer erhält stärkere technische Facetten. "Das könnte den Beruf durchaus sexy machen." Derzeit freilich fehlt es den Frächtern an Reizen.

Zieht die Konjunktur weiterhin nachhaltig an, braucht die Branche bis zu 10.000 zusätzliche Mitarbeiter, rechnet ihr Obmann vor. "Wir haben teils 100 freie Stellen angeboten. Gekommen sind zehn Bewerber, und nur ein, zwei unter ihnen waren willig zu arbeiten."

Mindestlohn belastet kaum

Klacska vermisst in Österreich die positive Grundstimmung zum Thema Arbeit. Die Transportwirtschaft wachse: Viel Potenzial drohe derzeit aber an grenznahe Konkurrenten verlorenzugehen. Dass magere Löhne den Nachwuchs abschrecken, weisen die Arbeitgeber zurück. Entsprechend entspannt sehen sie den neuen Mindestlohn von 1.500 Euro. Die Einstiegsgehälter liegen bereits jetzt darüber, sagt Klacska; weniger verdienten nur Hilfsarbeiter. Er hält eine Anpassung ihrer Löhne bis 2020 für durchaus realistisch.

Die Transportwirtschaft will in Zukunft nun mehr Frauen und ältere Arbeitslose als Fahrer gewinnen. "Es ist keine schwere körperliche Arbeit mehr."

Eine weitere komplexe Baustelle der Branche bleibt Kabotage, die Abwicklung nationaler Transporte durch nichtansässige Betriebe. Ein Fünftel des Inlandsverkehrs in Österreich wickeln bereits ausländische Frächter ab, hatte eine Studie der Wiener Wirtschafts-Uni mit Hinweis auf entgangene Umsätze und Jobs im Vorjahr erhoben. Darunter sind allerdings auch österreichische Unternehmen, die ausgeflaggt haben – also aufgrund geringerer Kosten mit einer ausländischen Zulassung im Transitverkehr unterwegs sind.

EU drängt auf Liberalisierung

Die EU hat im Sinne größerer Liberalisierung und weniger leerer Kilometer nichts dagegen. Im Gegenteil: Sie hat Mitte Juni ein Maßnahmenpaket verschickt, mit dem sie Kabotage erleichtern will. Statt drei Fahrten innerhalb einer Woche nach dem Grenzübertritt sollen künftig beliebig viele Transporte innerhalb von fünf Tagen übernommen werden dürfen.

"Ausländische Anbieter könnten damit in Österreich etwa montags bis freitags unbegrenzt Lebensmittel ausliefern", klagt Klacska. Setze sich die EU mit dem Vorhaben durch, seien hiesige Betriebe gut beraten, noch stärker als bisher im Ausland zu investieren.

Österreich sucht im Widerstand gegen die Pläne aus Brüssel nun den Schulterschluss mit Deutschland. Was in diesem Konflikt laut Klacska offensichtlich wird, seien die teilweise völlig konträren Interessen West- und Osteuropas.

Wirtschaftlich gesehen erleben Frächter Aufwind. Ihr Transportaufkommen stieg im Vorjahr hierzulande um rund sieben Prozent. Die Zahl an Lkw-Neuzulassungen erhöhte sich heuer von Jänner bis April um mehr als sechs Prozent. (Verena Kainrath, 6.7.2017)

  • Das Transportaufkommen in Österreich steigt – die Zahl an Lkw-Neuzulassungen ebenso.
    apa

    Das Transportaufkommen in Österreich steigt – die Zahl an Lkw-Neuzulassungen ebenso.

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