Herbie Hancock beim Jazzfest: Aus dem Zauberreich der Routine

    5. Juli 2017, 17:16
    4 Postings

    Der Pianist und Komponist gastierte beim Jazzfest in der Staatsoper

    Wien – Der musikalische Meisterdenker und Bewohner wohl aller jazzigen Geschichtsbücher, also Herbie Hancock, macht es sich zwischen edlem Fazioli und computeranimierten Sounds gemütlich und lässt seine Kunst einfach erscheinen. An der Oberfläche ist in der Wiener Staatsoper ein soundpraller Jazzrock zu vernehmen, der – auch dank seines Zupfgitarristen – in folkloristischen Afrofantasien mündet.

    In der ersten Loge sitzend, also quasi neben der Band, ist der Sound zwar recht breiig zu erleben. Dass es bei dieser Reminiszenz an die 1970er-Jahre unter der Oberfläche allerdings durchaus komplex rumort, ist doch einigermaßen zu erahnen. Schon zum recht frei gestalteten Beginn wird evident, dass diesmal der Freiheit des improvisierten Augenblicks reichlich Raum eingeräumt wird und ein ausgiebiges Greatest-Hits-Programm nicht zentral auf dem Menüplan steht.

    Epische Längen

    Aus dem Sounddschungel erwächst schließlich vom Schlagzeug aus jene hitzige Stilistik, die der selige Trompeteninnovator Miles Davis gerne bei seinen psychedelischen Fusionexzessen zur Ideenbefeuerung einforderte und auch zeitlich großzügig auszukosten pflegte. Etwas seltsam jedoch, dass mit Fortdauer des Abends bei allem instrumentalen Spitzenkönnen ein gewisser Leerlauf der vielen Noten Einzug hielt.

    Mitunter durch technische Pannen bedingt, die Hancock betrafen, groovt es oft einfach nett dahin, ohne dass Hancocks pianistische Einwürfe besonderen Charme entfalten können.

    Hin und wieder natürlich, wenn er mit seinem Schlagzeuger im Dialog rhythmisch-harmonisch für Kulminationen sorgt, hebt die Musik ab, verdichtet sich das Geschehen zu einem so impulsiven wie raffinierten Fest der Kommunikation.

    Etwas Kompaktheit

    Bisweilen stellt sich auch die Hithistorie als Zitat ein: Kurz wird das funkige Chameleon aus 1973 angetupft oder später das soulige Stück Cantaloupe Island zelebriert. Immerhin: In diesem so oft gecoverten aphoristischen Edelsong ergibt sich bei aller ausgiebigen Improvisation Kompaktheit. Jeder soliert ein bisschen, das Thema kehrt zurück, und weiter geht es mit munterer Ideenproduktion in Echtzeit. Eine solch elegante Vermählung zwischen Stückform und Inhalt war zuvor vielfach leider in epischen Ausflügen zu rasenden Tonkaskaden untergegangen.

    Das kann natürlich vorkommen – beim guten alten und gerne protzigen Jazzrock: Virtuosen und rhythmische Zauberkünstler geraten in seinem Revier gerne in Bereichen des routinierten instrumentalen Vielsprech. Hancock, für so viele Glanzmomente des Jazz verantwortlich, mit Routine in Verbindung bringen zu müssen ist allerdings ungewohnt. (Ljubiša Tošić, 5.7.2017)

    Am Donnerstag beim Jazzfest Wien in der Staatsoper: Gitarrist George Benson, 19.30

    • Etwas langatmig: Herbie Hancock in der Wiener Staatsoper.
      foto: apa/herbert neubauer

      Etwas langatmig: Herbie Hancock in der Wiener Staatsoper.

    Share if you care.