G20: "Brennendes Polizeiauto ist Politik"

Interview6. Juli 2017, 09:00
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8.000 Autonome wollen gegen den G20-Gipfel demonstrieren. Andreas Blechschmidt erklärt, warum Polizeiautos brennen und Fenster splittern können

STANDARD: "Welcome to Hell" lautet das Motto der Demo, die Sie für den Donnerstagabend angemeldet haben. Warum so martialisch?

Blechschmidt: Weil G20 mit neoliberaler Politik für höllische Verhältnisse in der Welt sorgt: Hungersnöte, Kriege, wirtschaftliche Probleme, keine ausreichende medizinische Versorgung. Deshalb wollen wir G20 hier in Hamburg die Hölle heißmachen.

STANDARD: Es gibt unzählige Protestveranstaltungen während des Gipfels in Hamburg. Ihre Demo bereitet der Polizei am meisten Sorge. Ist das eine Genugtuung für Sie?

Blechschmidt: Ich finde das problematisch. Es ist eine bewusste Eskalation durch die Polizei. Der Polizeipräsident warnt vor Gewaltexzessen und Krawallen. Dahinter steckt die Absicht, radikale linke Proteste zu dämonisieren. Das drängt unsere Inhalte in den Hintergrund.

STANDARD: Wie unterscheidet sich Ihr Protest von anderen?

Blechschmidt: Das autonome Spektrum erkennt das staatliche Gewaltmonopol nicht an. Wir haben auch den bewussten Regelbruch als politisches Mittel. Da sind wir aber in der Kontinuität zu den studentischen Protesten von 1968 und militanten Protesten der Anti-AKW-Bewegung. Aber man darf es nicht darauf verengen. Für uns gehören Demonstrationen und Kundgebungen genauso dazu.

STANDARD: Auf Ihrem Plakat brennt Hamburg. Ganz harmlos?

Blechschmidt: In der Politik gibt es immer auch den Meinungskampf, und der wird von vielen mit drastischen Worten geführt. Das ist eine Bildersprache, die auch was ausdrücken soll. Im Hundekuchen ist ja auch kein Hund drin.

STANDARD: Ist Gewalt für Sie in Ordnung bei der Demo?

Blechschmidt: Für mich ist es nicht okay, wenn Menschen zu Schaden kommen. Das ist ganz klarer Konsens in der autonomen Szene. Aber bei der Konfrontation mit der Polizei setzt man sich zur Wehr. Da hat man es ja auch mit gut ausgerüsteten Kräften zu tun, die ihrerseits nicht nur mit einem Rosenstrauß ausgestattet sind.

STANDARD: Wie schaut es mit Sachbeschädigung aus?

Blechschmidt: Wenn es ein Schaufenster der Deutschen Bank ist, hat das inhaltlichen Bezug. Ein leeres brennendes Polizeiauto ist eine militante Aktion, die sich gegen die repressive polizeiliche Taktik richtet. Das ist Teil unserer Politik.

STANDARD: Es gab beim G8-Gipfel 2007 in Rostock Krawalle, bei der Eröffnung der EZB im Jahr 2015 in Frankfurt ebenso. Rechnen Sie für Donnerstag auch damit?

Blechschmidt: Das hängt immer davon ab, wie die Polizei sich verhält. Wenn sie das so eskalierend tut wie in den vergangenen Tagen, wenn eine Demo von 300 Menschen von 1.000 Kräften und Wasserwerfern begleitet wird, dann trägt das nicht dazu bei, dass sich die erhitzen Gemüter beruhigen. Unser Ziel ist nicht die Konfrontation, wir wollen unsere Anliegen auf die Straße bringen. Aber wir werden uns zur Wehr setzen, wenn die Polizei in die Demo reingeht oder Leute verhaftet.

STANDARD: Ihre Seite hat den größten schwarzen Block aller Zeiten angekündigt. Trägt das zur Deeskalation bei?

Blechschmidt: Sich schwarz zu kleiden hat auch den Grund, sich gegenüber der Polizei weniger identifizierbar zu machen. Das ist seit 30 Jahren Teil einer selbstbewussten Protestkultur, davon muss ich mich nicht distanzieren.

STANDARD: Wann wäre die Demo für Sie gelungen?

Blechschmidt: Wenn wir wie geplant am Fischmarkt starten und zur Messehalle kommen, um dort einen Tag vor dem Gipfel sagen zu können, was wir davon halten. Wir wünschen uns statt G20 einen internationalen Rahmen, in dem die betroffenen Menschen auf Augenhöhe aushandeln, wie die Ressourcen verteilt werden. (Birgit Baumann, 6.7.2017)

Andreas Blechschmidt (51) ist Aktivist im linksautonomen Hamburger Kulturzentrum Rote Flora. Er hat die Demo "Welcome to Hell" angemeldet.

  • Andreas Blechschmidt will die Hölle in Hamburg.
    foto: apa/afp/frank zeller

    Andreas Blechschmidt will die Hölle in Hamburg.

  • Polizeieinsatz gegen Demonstrierende in Hamburg-Entenwerder am Sonntag.
    foto: reuters/fabian bimmer

    Polizeieinsatz gegen Demonstrierende in Hamburg-Entenwerder am Sonntag.

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