Aufschwung: Athen lockt Investoren wie Künstler

    8. Juli 2017, 10:00
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    Immobilien sind in keiner europäischen Hauptstadt so billig wie in Athen. Nach acht Jahren Krisenstimmung stabilisieren sich jetzt die Preise

    Raymond Merhi und seine Freunde haben schon um die 35 Wohnungen beisammen. Das Ziel ist eine ganze Straße, der Wertsteigerung wegen, so erklärt der libanesische Bauunternehmer. Das Ganze hört sich natürlich an wie Monopoly. Aber es ist kein Spiel, es ist der Athener Immobilienmarkt. "Die Preise liegen in manchen Vierteln noch unter den Baukosten", sagt Merhi. "Das ist sehr, sehr interessant."

    In acht Jahren Finanz- und Wirtschaftskrise sind die Immobilienpreise in Griechenland um die Hälfte gefallen. Die Sturzfahrt begann etwas verzögert 2011, der wirklich tiefe Einbruch kam 2015 mit Alexis Tsipras und seiner linksgeführten Regierung, als die Banken schlossen und das Land vor dem Hinauswurf aus der Eurozone stand. Erst jetzt, so sagen Makler übereinstimmend, stabilisiert sich der Markt in einigen Bereichen.

    "Vorher musste man ein bis eineinhalb Jahre warten, um ein Objekt zu verkaufen. Jetzt ist es innerhalb von drei Monaten weg", sagt Ellen Sannier, eine Französin, die seit 2005 ein Maklerbüro in Athen leitet und griechische wie ausländische Kunden hat. Für 500 Euro den Quadratmeter kann man eine tadellose Wohnung in einem einfacheren Viertel in der Innenstadt kaufen wie Patisia oder Kypseli, wo Alexis Tsipras wohnt. Aber es geht auch billiger.

    Weg aus der Krise

    Kleine Wohnungen für 20.000 bis 50.000 Euro sind Merhis Trophäen, Metaxourgiou, nur drei U-Bahnstationen weit vom Syntagma-Platz, dem Zentrum Athens, ist sein bevorzugtes Revier. Manche dieser Wohnungen müssen renoviert werden, andere kann der Libanese ohne größere Instandsetzungen gleich weiter vermieten. Sein Kalkül: In wenigen Jahren bereits werde sich der Quadratmeterpreis auch in verarmten Vierteln wie Metaxourgiou verdoppeln und verdreifachen – auf 1000 oder 1500 Euro. Denn Griechenland ist auf dem Weg aus der Krise, so glaubt Merhi, "sie haben ihre Finanzierung geregelt".

    PricewaterhouseCoopers sieht das ganz anders. Die renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hatte in einer im Herbst vergangenen Jahres veröffentlichten Marktstudie vorausgesagt, die Immobilienpreise in Griechenland würden erst ab 2050 auf das Niveau der Jahre vor der Krise zurückkehren. Doch die Marktbeobachtungen der Athener Makler widersprechen dieser nüchternen Einschätzung. Es sind ja nicht nur Investoren aus arabischen Ländern wie Raymond Mehrhi, wohlhabende Russen oder die neuen chinesischen Manager des Hafens von Piräus und deren Familien, die nun Häuser und Wohnungen in der griechischen Hauptstadt aufkaufen. Athen wird Kult.

    Den wunden Punkt Europas, halb totgespart, aber weiter rebellisch, finden auch andere mit einem Mal ausserordentlich anziehend: Künstler, Freelancer mit ihren mobilen Heimbüros, Revolutionstouristen oder auch das türkische Bürgertum, das vor Tayyip Erdogan, dem autoritären Staatschef, flüchtet.

    "Plan B" für Türken

    Rund 40 Anrufe am Tag gehen derzeit beim Maklerbüro Central Real Estate allein von türkischen Interessenten ein, Emails und andere Kontaktaufnahmen über Internet nicht eingerechnet. Nur ein Teil der Kunden kommt dann tatsächlich nach Athen und entschliesst sich auch zum Kauf. Doch der Trend ist erkennbar seit dem Putsch und der Verhängung des Ausnahmezustands im Juli vergangenen Jahres. In türkischen Medien wird das der "Plan B" genannt: die Wohnung in Athen, 50 Flugminuten von Istanbul, nur für den Fall der Fälle.

    Konstantin Arslanoglu, ein Makler bei Central Real Estate, der selbst zur griechischen Minderheit in Istanbul gehörte und nun mit www.investgreece.gr, einer eigenen Marke, den türkischen Markt bearbeitet, will nicht über politische Motive seiner Kunden spekulieren. "Die Türken sehen hier Gelegenheiten, weil die Preise so niedrig sind", sagt er. Kulturelle Ähnlichkeiten sind mindestens ebenso wichtig. "Wir haben im Türkischen ein Wort für "Nachbar" – "komşu". Griechenland ist das einzige Land, das Türken in den Sinn kommt, wenn sie "komşu" hören." Doch Athen, die Hauptstadt der Nachbarn, ist mittlerweile für viele ein Ort geworden, an dem sie sich wohlfühlen.

    Mehr Freiheit

    Der Zusammenbruch des griechischen Immobilienmarkts ist die Klammer, die alle diese Gruppen zusammenhält. Wohnungen und Häuser mieten oder kaufen ist derzeit in keiner europäischen Hauptstadt so billig wie in Athen. 400 Euro zahlen Alyssa Moxley und Stéphane Charpentier, ein amerikanisch-französisches Künstlerpaar, für ihre mittelgrosse Dachwohnung im Innenstadtbezirk Neapoli mit Blick auf den Lykabettus, einem der Stadtberge Athens. Völlig undenkbar in Paris oder in London, wo Alyssa Moxley lange lebte.

    Die enormen gesellschaftlichen Umwälzungen durch Rezession und Sparpolitik, aber auch der nie verstummende Protest der Griechen kommen hinzu. "Ich mag die Energie dieser Stadt, die Art, in der man hier lebt", sagt Moxley, eine Komponistin und Performancekünstlerin. Griechenland mag eine Schuldenkolonie geworden sein, doch die Freiheit ist grösser in Athen als anderswo im Westen, so hört man von den Neuankömmlingen im Arbeiterviertel Kerameikos, das nun "trendig" wird, oder in der Revoluzzer-Hochburg Exarchia. Zoe Holman, eine 35-jährige Historikerin und Freelance-Journalistin, hat sich dort in einer WG einquartiert. "Griechenland ist wirklich anders", sagt die Australierin, die gerade einen Buchvertrag unterschrieben hat. "Es ist nicht wie in London oder in Australien, wo ich das Gefühl habe, alle fünf Minuten irgendeine verdammte Verordnung zu übertreten." (Markus Bernath aus Athen, 8.7.2017)

    • Die Freiheit ist größer, die Miete gering: Die australische Freelance-Journalistin und Buchautorin Zoe Holman übersiedelte von London nach Athen.
      foto: tina pfäffle

      Die Freiheit ist größer, die Miete gering: Die australische Freelance-Journalistin und Buchautorin Zoe Holman übersiedelte von London nach Athen.

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