Peter Sloterdijk: Das Menschsein als ewiges Pflichtprogramm

    6. Juli 2017, 09:00
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    Seinen unlängst gefeierten 70. Geburtstag versüßt der Philosoph sich und seinen Lesern mit einem Aufsatzband, in dem er zentrale Motive seiner Lehre von der menschlichen Selbstvervollkommnung anstimmt. "Nach Gott" bietet aufregende Lektüre

    Wien – Wer sein neues Buch "Nach Gott" nennt, der zeigt an, dass er fähig ist, den freigewordenen Platz womöglich selbst zu besetzen. Philosoph Peter Sloterdijk hat erst unlängst seinen 70. Geburtstag gefeiert. In den deutschen Medien wurde des Wiegenfestes überwiegend freundlich gedacht. Es scheint, als hätten die ehemals so zahlreichen Gegner und Verächter des in Karlsruhe wirkenden Gedankenakrobaten klein beigegeben.

    Die Titelzeile "Nach Gott" nimmt nicht nur die berühmte Verlustanzeige Friedrich Nietzsches von Gottes Tod aus dem 19. Jahrhundert dankend auf. Sloterdijk kommt in seinen kompilierten Gelegenheitsarbeiten in der Tat auf einige für ihn zentrale Themen zurück. Wiederum zeigt sich: Die Nachricht von Gottes Ableben macht nur Sinn in Bezug auf die menschlichen Kräfte der Selbstformung.

    Mit Glaubensfragen im engeren Sinne gibt sich Sloterdijk nicht ab. Wichtiger schon scheint Religionsgeschichte als ständig wechselnder Schauplatz. Sie ist die Theaterspielstätte für das Drama des in die Freiheit entlassenen Subjekts. Und so wird man dankenswerterweise auf ein Schlüsselkapitel aus Sloterdijks Opus "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" (2014) zurückverwiesen. Der blendende Erzähler nimmt darin noch einmal einen beispiellosen Selbstermächtigungskomplex aufs Korn. Diesem zufolge beschleicht einen jüdischen "Zimmermannssohn" aus Nazareth der unabweisbare Gedanke, er sei der Sohn Gottes.

    "Patro-poietisches Delirium"

    Sloterdijk beschreibt die Folgen dieser Suggestion als "patro-poietisches Delirium". Aufgrund unklarer oder sogar dubioser Herkunftsbestimmungen wirft sich Jesus zum Gottessohn auf. Von nun an wird von den Christen auf die ehrwürdige Tradition der gesicherten Erbfolge polemisch Verzicht geleistet. (Erst später sollten die "Väter" mit Macht zurück in die Kirchenhierarchie drängen.)

    Jesus verfolgt eine überirdische Vaterkonzeption. Es leiten sich nicht mehr die empirischen Söhne von den empirischen Vätern und Großvätern ab. Mit dem Akt der Taufe tritt jeder, der guten Willens ist, in eine Sukzession ein, durch die das Ich gegen ein transzendentes Selbst eingetauscht wird.

    Der Gedanke mag nicht ganz neu sein. In Sloterdijks Werk beschreibt er im Kern das Schauspiel der Mündigwerdung. Vieles deutet darauf hin, dass die eigene Loslösung von der Schriftkultur der Kritischen Theorie Sloterdijks intellektuelle Biografie überhaupt erst in Gang gesetzt hat.

    So wie einst Jesus die Pharisäer mit Hinweis auf den Vater im Himmel delegitimierte, so begründete Sloterdijk in den 1980ern sein Einzelgängertum mit dem Hinweis auf die notorische Unfruchtbarkeit linker Theorie. Diese ersetzte der Karlsruher durch ein Konzept der Anthropotechnik. Menschliche Selbstbildungskräfte werden durch vertikale Spannungen aktiviert. Hineingeschleudert in seine Existenz, muss der Mensch nicht nur den "göttlichen" Blick von oben ertragen. Er führt ein auf die Blicke der anderen berechnetes Dasein.

    Ethos des Athleten

    Dem Menschen eignet nicht nur das Potenzial für Heuchelei und Verstellung. Er sieht sich mit der Eifersucht von "Göttern" konfrontiert, die, weil sie ihr Dasein bereits beendet haben, dem Menschen den irdischen Auftritt neiden. Das Leben gipfelt im Work-out. Auf den Plan treten Athleten der "autoplastischen" Selbstvervollkommnung. Der Mensch ist das zur Sinnstiftung verdammte Tier. Er wird von Sloterdijk als das Geschöpf eingeführt, das nur dann zu sich selbst kommt, wenn es weit über sich hinausgeht.

    Als Anthropologe ist Peter Sloterdijk vielleicht tatsächlich ein nachmetaphysischer Denker. Seine ganze Fürsorge gilt den Virtuosen menschlicher "Selbsteinwirkung". Der Mensch lebt im Differenzstress seines eigenen Sein- und Werdenkönnens – nicht nur "nach Gott", sondern zunächst nach Sloterdijk.

    Dieser unendlich beredte Kult der Selbstoptimierung ruft verlässlich Polemiker auf den Plan. Der Denker selbst würde das wohl als vulgären Egalitarismus abtun: als die unbegründeten Angriffe derjenigen, die hinter ihren eigenen Möglichkeiten zurückbleiben. In dieser elitären Auffassung liegt die Provokation, die von Sloterdijks Denken mehr denn je ausgeht. (Ronald Pohl, 6.7.2017)

    Peter Sloterdijk, "Nach Gott". € 28,80 / 368 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2017

    • Frohbotschafter der menschlichen Mündigkeit: Peter Sloterdijk in der Lieblingspose des ungerührten Gedankenartisten.
      foto: imago/zuma press

      Frohbotschafter der menschlichen Mündigkeit: Peter Sloterdijk in der Lieblingspose des ungerührten Gedankenartisten.

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