"Ein Chanson für dich": Tristesse in Pastell

7. Juli 2017, 12:00
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Isabelle Huppert und Kévin Azaïs brillieren in Bavo Defurnes charmantem Feel-Good-Movie

Wien – Manchmal sind Fragen nach Überlebenden aus dem Tierreich leichter zu beantworten als nach verblassten Größen des Showbusiness. In Souvenir / Chanson für dich bringt eine für den Kandidaten zu schwierige TV-Quizfrage zumindest den beiden Hauptfiguren Gewissheit. Der 22-jährige Boxer Jean (Kévin Azaïs) sieht sich vor dem Fernsehgerät in einer Bar in seinem Verdacht bestätigt, dass es sich bei der gesuchten Sängerin Laura um seine unauffällige Kollegin Liliane (Isabelle Huppert) aus der Pastetenfabrik handelt.

foto: thimfilm
Wird in "Souvenir" von einem jungen Boxer an ihre Vergangenheit als Sängerin erinnert: Isabelle Huppert.

Liliane wiederum kann ab diesem Punkt ihre Vergangenheit gegenüber ihrem Bewunderer nicht länger leugnen. Beim Eurovision Song Contest vor fast 30 Jahren musste sie sich nur von Abba geschlagen geben, seit der Scheidung von ihrem Manager ist sie in einem grauen Alltag versunken. Ein aus Gefälligkeit absolvierter Auftritt bei einer Benefizveranstaltung bringt die Steine wieder ins Rollen, nicht nur was ein musikalisches Comeback betrifft. Wer vermutet, dass sich zwischen dem jungen Mann und der reifen Sängerin eine Liebesbeziehung mit ungewissem Ausgang entspinnt, liegt natürlich richtig.

Der belgische Regisseur Bavo Defurne taucht seine Geschichte mit melodramatischem Potenzial von Anfang an in ein bisweilen märchenhaftes Licht, spielt mit Versatzstücken und Klischees. Die übliche Konstellation älterer Mann / junge Frau stellt er auf den Kopf. Anders als Xavier Giannoli, der 2006 Gérard Depardieu als abgehalfterten Chansonsänger in Chanson d'Amour / Quand j'étais chanteur durch die französische Provinz tingeln ließ, ist Defurne nicht wirklich an einer realistischen Milieubeschreibung interessiert.

Stattdessen setzt er auf eine Atmosphäre der Künstlichkeit, nicht nur was die Rückprojektionen bei gemeinsamen Fahrten auf dem Motorroller betrifft. Die Pastetenfabrik erinnert mit ihren monochromen Farben an den Blick, den Jacques Tati einst in Mon oncle und Playtime auf die moderne Arbeitswelt geworfen hat, selbst die stickige Wohnung Lilianes atmet noch Retrocharme. Tristesse kommt in Souvenir allemal noch als gepflegte Langeweile daher.

studiocanaluk

Die großartige Isabelle Huppert bringt ihre Figur zum Vibrieren und stattet jede Faser mit Leben und Glaubwürdigkeit aus. Egal ob als geschmeichelte, enttäuschte oder widerborstige Geliebte, ob als linkische Tänzerin oder als Sängerin im Altenheim – Huppert trifft immer den richtigen Ton. Und auch die Chemie mit ihrem charmanten Gegenüber, Kévin Azaïs, seit dem Film Les Combattants (2014) an vorderster Front unter Frankreichs Nachwuchsschauspielern, stimmt.

Musikalischer Glücksgriff

Und die Musik? Mit der eklektischen US-Band Pink Martini, die sich auf Swing und Lounge-Jazz ebenso versteht wie auf Fado oder Latin, hat Regisseur Defurne einen guten Griff getan.

Die drei von Bandchef Thomas M. Lauderdale und Koautoren beigesteuerten, von Huppert mit Verve und Witz interpretierten Chansons beweisen den notwendigen Pop-Appeal und fügen sich perfekt ins retroinfizierte, ganz auf das Hauptdarstellerduo zugeschnittene Gesamtbild. Sich Einsichten ins Musikgeschäft zu erwarten hieße von falschen Voraussetzungen ausgehen. Figuren wie der von Johan Leysen sympathisch als Lebemann im Bademantel verkörperte Exehemann und Musikmanager Tony Jones bleiben witzige Abziehbilder.

Dafür kann es leicht passieren, dass man beim Rausgehen aus dem Kino eines der gehörten Chansons nachhallt. Souvenir mag nicht auf der Höhe von Hupperts ebenfalls im vergangenen Jahr gedrehten Meisterwerken Elle und L'avenir sein, ein zu jeder Jahreszeit sehenswertes Feel-Good-Movie ist er allemal. (Karl Gedlicka, 7.7.2017)

Ab 7.7. im Kino

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