Gesicht der tätowierten Dame rekonstruiert

5. Juli 2017, 11:46
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Die Señora de Cao stammt aus dem 4. Jahrhundert und dürfte zu Lebzeiten einen hohen gesellschaftlichen Rang bekleidet haben

foto: reuters/guadalupe pardo

Lima – Wir kennen nicht ihren Namen. Und wir kennen auch nicht den genauen gesellschaftlichen Rang, den sie einst innehatte. Wie sie aussah, davon haben wir nun aber eine ziemlich gute Ahnung: Die Gesichtszüge der sogenannten Señora de Cao, benannt nach der Ausgrabungsstätte Huaca Cao Viejo in Peru, konnten dank forensischer Archäologie rekonstruiert werden. Das Ergebnis präsentierte der peruanische Kulturminister Salvador del Solar am Mittwoch in den Räumlichkeiten seines Amtsgebäudes in Lima.

2005 waren Archäologen in der Ausgrabungsstätte El Brujo auf die mumifizierten Überreste der Frau gestoßen, die im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung im Alter von Mitte 20 gestorben war. Eingewickelt in mehrere Tuchlagen, war ihr Körper mit zahlreichen Tätowierungen bedeckt, die Schlangen, Spinnen und weitere Symbole von vermutlich spiritueller Bedeutung zeigten. Darstellungen eines "Spinnengotts" kennt man nicht nur aus der Moche-Kultur, der die Frau angehörte, sondern auch aus deren Vorläufern, die bis vor die Zeitenwende zurückreichen.

foto: reuters/guadalupe pardo
Die Mumie der Señora de Cao liegt im Museum von El Brujo und ist nur eingeschränkt zu sehen.

Die Moche-Kultur prägte lange vor dem Imperium der Inka den Nordwesten Perus, ungefähr vom Ende des 1. bis zum beginnenden 8. Jahrhundert. Sie hat vor allem eine Reihe von Grabmälern mit den auf natürliche Weise mumifizierten Leichnamen hochgestellter Persönlichkeiten hinterlassen.

Weibliche Mumien weisen darauf hin, dass diese Kultur keine rein patriarchalische gewesen sein dürfte – allen voran der Aufsehen erregende Fund der Dame von Cao. Zu ihren Grabbeigaben gehörten Schmuckstücke aus Gold, aber auch Waffen: Anzeichen für den hohen gesellschaftlichen Rang der Bestatteten.

Ebenfalls beigelegt wurde der noblen Toten der Leichnam einer erdrosselten Jugendlichen, die möglicherweise geopfert wurde, um die Señora ins Leben nach dem Tod zu begleiten. Sowohl bildliche Darstellungen als auch Skelettfunde belegen, dass Opferungen in der religiösen Praxis der Moche eine zentrale Rolle einnahmen – bis hin zur Dekarnation, also der Entnahme der Weichteile, und möglicherweise sogar rituellem Kannibalismus.

foto: reuters/guadalupe pardo

Laut den peruanischen Archäologen könnte die Señora, die keine Anzeichen für eine Krankheit aufwies, an den Komplikationen einer Geburt gestorben sein. Mangels schriftlicher Aufzeichnungen kann darüber aber ebenso wie über ihren genauen Rang – ob Priesterin, Herrscherin oder Ehefrau eines Herrschers – nur spekuliert werden, betont der an der Untersuchung beteiligte Anthropologe John Verano von der Tulane University. Unklar ist weiterhin auch, wie hierarchisch und zentralistisch die Moche-Kultur als Ganzes organisiert war.

Die Rekonstruktion des Gesichts dauerte insgesamt zehn Monate. Laser-Scans des Schädels dienten als Grundlage, zudem flossen ethnografische Daten über die indigene Bevölkerung in die Rekonstruktion ein. Die mit Goldschmuck versehene Büstendarstellung der Señora de Cao wird die vom Zerfall bedrohte Mumie ergänzen, die im Museum von El Brujo ausgestellt ist. Sie solle den Menschen Perus ihr reiches kulturelles Erbe vergegenwärtigen, sagte Kulturminister del Solar. "Wir können der Welt nun ihr Gesicht zeigen, ein Gesicht, in dem wir Peruaner uns selbst sehen." (jdo, 5.7.2017)

foto: reuters/guadalupe pardo
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