Über Gewalt an Frauen reden – aber richtig

    Userkommentar5. Juli 2017, 11:53
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    Die Berichterstattung erweckt den Eindruck, der gefährlichste Ort für Frauen sei die Öffentlichkeit, und die gefährlichsten Personen seien fremde Männer. Über die viel häufigeren und typischeren Fälle im sozialen Umfeld wird kaum berichtet. Eine Medienkritik

    Man könnte glauben, für Frauen sei die Öffentlichkeit der gefährlichste Ort. Im Online-STANDARD etwa wurde im vergangenen Monat insgesamt achtzehnmal über versuchte oder erfolgte Vergewaltigungen berichtet: Die meisten Berichte betrafen dabei "junge Afghanen", einmal gemeinsam mit "einem Österreicher", die im Donaupark, am Donauinselfest, in einem österreichischen Zugabteil beziehungsweise in einem Kellerabteil in Linz versucht hatten, junge Frauen zu vergewaltigen; ein Artikel thematisierte eine bereits im Jänner erfolgte Vergewaltigung im Bundesschulzentrum Tulln, deren Täter "vermutlich Österreicher sei", im Gegensatz zu einem "anderen Fall" in Tulln, in dem zwei der drei Täter ("ein Afghane und ein Somalier") mittlerweile in Haft seien; fünf weitere Meldungen erfolgten über Indien, wo Männer – manchmal in Gruppen, manchmal allein – Frauen in Taxis vergewaltigt oder auf Dorfplätzen sexuell bedrängt hatten; weitere Artikel berichteten über einen "Unbekannten", der einen "jungen Mann" in einem Stiegenhaus zum Oralsex gezwungen haben soll; und einen "55-jährigen Mann", der am Landesgericht Feldkirch wegen versuchter Vergewaltigung seiner "damaligen Freundinnen" verurteilt worden war.

    Einzig bei den Gerichtsreportagen gleicht kein Fall dem anderen: Hier ging es um einen "pädophilen Deutschen", der "Minderjährige" sexuell missbraucht haben soll, einen "47-jährigen Mann", der die "elfjährige Tochter seiner damaligen Partnerin" vergewaltigt haben soll, einen "36-jährigen", der seine "Freundin" jahrelang misshandelt und einmal vergewaltigt haben soll, und einen "35-Jährigen", der eine "Prostituierte" in einem Auto zu Oralsex gezwungen haben soll.

    Angesichts dieser Berichte und der Aussage des oberösterreichischen Landespolizeidirektors Andreas Pilsl – "Wenn es eine ethnische Gruppierung gibt, die auffällig ist, dann sind es die Afghanen" – fragt Hans Rauscher im Einserkastl konsterniert: "Was tun?"

    Was wir über Gewalt an Frauen wissen

    Auf Basis all dessen, was wir wissenschaftlich über sexuelle Gewalt an Frauen wissen, antworten wir auf diese Frage: Über Gewalt an Frauen reden, aber richtig! Dazu ist es zunächst unumgänglich klarzustellen, was wir insgesamt über Gewalt an Frauen wissen, und dazu mit einigen Mythen aufzuräumen: vorneweg mit dem Mythos, der gefährlichste Ort für Frauen sei die Öffentlichkeit, und die gefährlichsten Personen seien fremde Männer.

    Erstens wissen wir, dass der gefährlichste Ort für Frauen nicht die Öffentlichkeit ist, sondern ihr soziales Umfeld. Wie es der 2014 vom Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser herausgegebene "Leitfaden Verantwortungsvolle Berichterstattung für ein gewaltfreies Leben" formuliert: "Männliche Beziehungsgewalt ist die meistverbreitete Form von Gewalt an Frauen in Europa und weltweit."

    Perfiderweise sind es gerade die intimsten Beziehungen von Frauen, in denen die größten Wahrscheinlichkeiten für sexuelle, körperliche und verbale Gewalt lauern, und es sind die – meist männlichen – vertrautesten Personen (von Vätern und Stiefvätern über andere Verwandte hin zu Lebenspartnern, Bekannten oder Freunden), von denen diese Gewalt statistisch gesehen am häufigsten ausgeht.

    Wir wissen auch, was dies für die psychischen Konsequenzen heißt, die Frauen als Überlebende dieser Form von Gewalt zu tragen haben: Sind die Täter enge Bezugspersonen, kommt es nicht selten zu komplexen und kumulativen Traumatisierungen, da sich die Übergriffe und Gewalttaten nicht auf ein Ereignis beschränken, sondern oftmals über Jahre erfolgen, wobei sich zudem häufig unterschiedliche Formen von Gewalt (psychisch, körperlich, sexuell) überschneiden. Darüber hinaus besteht oftmals ein emotionales oder finanzielles Abhängigkeitsverhältnis zu den Tätern, welches sowohl die Gewalt als auch das Herauslösen aus der gewaltvollen Beziehung erschwert.

    Verzerrte Darstellung in Medien

    Erstaunlich, dass sich in der Berichterstattung keineswegs widerspiegelt, dass es unter Frauen bestimmte Personengruppen gibt, die besonders vulnerabel sind. Dazu gehören etwa Migrantinnen und geflüchtete Frauen, Transfrauen, lesbische Frauen, ältere und pflegebedürftige Frauen, Mädchen und, besonders im Hinblick auf sexuellen Missbrauch und sexuelle Übergriffe, Frauen mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen.

    Dennoch thematisiert die Berichterstattung kaum je diese vulnerablen Gruppen, sondern fokussiert überwiegend auf mehrheitsgesellschaftliche Frauen. Gegipfelt ist diese verzerrte Darstellung im Rahmen der Berichterstattung zu den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015/16. Besonders herausgestrichen wurde dabei immer wieder, dass die Opfer mehrheitsgesellschaftliche Frauen, die Täter Angehörige einer "fremden" Ethnie seien.

    Auch das ist ein Aspekt, der bei Analyse der Berichterstattung zu sexueller Gewalt auffällt: Als Täter besonders problematisiert werden Männer, die aus Regionen des sogenannten Orients stammen. Was hier passiert, ist zweierlei: Zum einen erscheint der "ausländische Mann" in Folge solcher Thematisierung als besonders gefährlich, zum anderen ermöglicht diese Überbetonung eine Verschleierung mehrheitsgesellschaftlicher sexueller Gewalt, und gerade in dieser Hinsicht ist die gegenwärtige Berichterstattung über Gewalt an Frauen für uns äußerst problematisch.

    Was wir über Gewalt an Männern wissen

    Für Männer stimmt es, dass die Öffentlichkeit der gefährlichste Ort für das Widerfahren von Gewalt ist, denn statistisch gesehen ist es für Männer am wahrscheinlichsten, in der Öffentlichkeit Opfer eines Gewaltakts durch einen oder mehrere andere Männer zu werden. Wird allerdings Gewalt an Frauen durch die Brille von Gewalt gegen Männer behandelt, nämlich so, als ginge es hier vor allem um Übergriffe im öffentlichen Raum, ergeben sich fatale Konsequenzen. So werden die spezifischen Dimensionen von Gewalt, denen Frauen (statistisch gesehen) am ehesten ausgesetzt sind, offensiv verdrängt, und es geraten die häufigsten Opfergruppen wie auch die häufigsten Tätergruppen aus dem Blick.

    Die zentrale Achse, auf der sich Täter von Nichttätern unterscheiden, läuft weder – wie in der derzeitigen Berichterstattung und besonders von Rauscher nahegelegt – entlang der Nationalität der Täter noch entlang Klasse, Religion oder Ethnie. Gewalt gegen Frauen, auch sexuelle Gewalt, kommt in allen Ländern, in allen Schichten, in allen Milieus vor. Statistisch gesehen werden vor allem Männer zu Tätern, die mit den Opfern in einem sozialen Naheverhältnis stehen, viel weniger häufiger sind es Fremde. Dass Frauen natürlich auch in der Öffentlichkeit diverse Formen von Gewalt widerfahren und dass auch Männer in Beziehungen Opfer von Gewalt, durch andere Männer wie auch (weniger häufig) durch Frauen, werden, soll dabei weder geleugnet noch verharmlost werden.

    Wie über Gewalt an Frauen berichten?

    Eine Orientierung an statistischen Häufigkeiten ist keine Patentlösung, denn sie bringt mit sich, dass Abweichungen, Einzelfälle oder geringere Häufigkeiten weniger in den Blick geraten. Wenn allerdings in der medialen Berichterstattung systematisch die Abweichungen thematisiert werden und die viel häufigeren und typischeren Fälle viel weniger oder gar nicht beachtet werden, so macht uns dies stutzig und soll vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Faktenlage über Gewalt gegen Frauen nicht unwidersprochen bleiben.

    Es geht uns hier nicht darum, dass über die eingangs zusammengefassten Fälle nicht medial berichtet werden soll, sondern um die Frage, wie mediale Berichterstattung über Gewalt an Frauen aussehen sollte, damit in der Öffentlichkeit kein verzerrtes Bild entsteht.

    Wenn wir über afghanische Männer, die österreichische Frauen vergewaltigen, reden, dann müssen wir dies im Rahmen einer breiten Debatte über Gewalt an Frauen tun, die nicht ohne eine systematische und auf Fakten basierende gesellschaftliche Kontextualisierung von Gewalt an Frauen und die Machtverhältnisse, die jene ermöglichen, auskommt. Es gilt natürlich nicht, die Gewalt kleinzureden, die den jungen Frauen angetan wurde, über die Rauscher besorgt ist. Keinesfalls aber darf der Diskurs über diese Vergewaltigungen dazu dienen, die Aufmerksamkeit wegzulenken von jener Gewalt an Frauen, die in Österreich wie auch anderswo am endemischsten ist, aber dennoch medial am wenigsten thematisiert wird. Wir plädieren im Gegenteil dafür, die jüngsten Berichterstattungen zum Anlass zu nehmen, um eine allgemeine Debatte über Gewalt an Frauen anzustoßen, die keine Täter entschuldigt oder vor öffentlicher Sichtbarkeit bewahrt.

    Dazu lohnt es, einige Vorschläge aus dem "Leitfaden Verantwortungsvolle Berichterstattung für ein gewaltfreies Leben" herauszugreifen, die uns für die momentanen Problematiken in der Berichterstattung besonders relevant erscheinen:

    Gesellschaftliche Kontexte

    1. In der Berichterstattung ist nicht nur das Ereignis hervorzuheben, sondern eine Einbettung in gesellschaftliche Kontexte vorzunehmen, die Ursachen und Folgen verständlich werden lässt. Dabei geht es zum einen um die gesellschaftliche Ungleichheit von Frauen und Männern, aber auch um die Überschneidung von vergeschlechtlichten Macht- und Herrschaftsverhältnissen mit anderen strukturellen Ungleichheiten, die sich zum Beispiel auf Nationalität- und Aufenthaltsstatus, körperliche beziehungsweise psychische (Un)-Versehrtheit, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität, Hautfarbe, Alter et cetera beziehen.

    Gewalt findet immer in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen statt und wird durch sie erst ermöglicht und gestützt, denn Gewalt hängt untrennbar mit Macht und Herrschaft zusammen. Diese Bedingungen zu benennen, scheint uns ein wesentlicher Auftrag von Qualitätsjournalismus zu sein.

    Häusliche Gewalt thematisieren

    2. Das dargestellte Gewaltspektrum ist zu erweitern und die eigene journalistische Auswahl von berichtenswerten Fällen kritisch zu hinterfragen. Hier geht es zum einen darum, die Faktenlage adäquat widerzuspiegeln und etwa dementsprechend öfter über – die tatsächlich viel häufiger stattfindende – häusliche und im "Privaten" stattfindende Gewalt an Frauen sowie über weniger "spektakuläre" Gewaltformen wie etwa psychische Gewalt zu berichten.

    Zum anderen gilt es, nicht nur über Weiße, heterosexuelle, körperlich und psychisch unversehrte Frauen mit österreichischem Pass zu berichten, sondern die Öffentlichkeit auch über Gewalt an besonders vulnerablen Frauen sowie Frauen, bei denen sich unterschiedliche Formen struktureller Gewalt überschneiden, zu informieren. Gleichzeitig hält der Leitfaden Berichte über Gewalt zum Beispiel gegen Migrantinnen nur für hilfreich, wenn dabei nicht wiederum Vorurteile geschürt werden. Auch hier bewähren sich gesamtgesellschaftliche Einbettungen.

    Niemanden aus der Verantwortung nehmen

    3. Die Berichterstattung muss vermitteln, dass Gewalt gegen Frauen alle angeht. Indem Gewalt gegen Frauen auf "Afghanen" oder – wie auch oft der Fall – nach "Indien" ausgelagert sowie fahrlässigerweise und fälschlicherweise der Eindruck vermittelt wird, (sexuelle) Gewalt gegen Frauen fände vor allem im öffentlichen Raum statt, werden diejenigen aus der Verantwortung genommen, die statistisch gesehen am häufigsten für Gewalt gegen Frauen verantwortlich sind: Bekannte, Freunde, Partner, Verwandte. Es gilt dagegen, ausnahmslos allen potenziellen und aktuellen Tätern klarzumachen, dass in der Öffentlichkeit und im sozialen Umfeld nicht über ihre Gewaltakte hinweggesehen wird, dass ihr Handeln Konsequenzen hat und dass es aber auch Anlaufstellen und Unterstützungsangebote für Gewalttäter gibt.

    Gerade in diesem Punkt geht es nicht darum, alle Männer unter Generalverdacht zu stellen, sondern alle Personen, und hier natürlich auch Männer, dafür zu sensibilisieren, unter welchen Bedingungen von wem Gewalt gegen Frauen ausgeübt wird, und dass sie gerade oft in Intim- und Nahebeziehungen auftritt, sowie dazu zu ermuntern, aber auch in die Verantwortung zu nehmen, genau und sensibel hinzuhören und nachzufragen, wenn eine Frau über psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt in Beziehungen berichtet, und über Anlaufstellen und Unterstützungsmöglichkeiten informiert zu sein und zu informieren. Es gilt auch hier: über Gewalt an Frauen informiert sein, aber richtig! (Nora Ruck, Katharina Hametner, 5.7.2017)

    Nora Ruck ist Assistenzprofessorin für Psychologie an der Fakultät für Psychologie der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien. Sie ist diplomierte und promovierte Psychologin (Universität Wien), absolvierte ihr Studium an der Radboud Universiteit Nijmegen und forschte unter anderem in Baltimore (Johns Hopkins University), Toronto (York University) und Berlin (Humboldt-Universität). Schwerpunkte: Sozialpsychologie, Psychologiegeschichte. noraruck.net

    Katharina Hametner ist Universitätsassistentin an der Sigmund-Freud-Privatuniversität. Sie promovierte an der Universität Wien im Fachgebiet Psychologie. Schwerpunkte: Sozialpsychologie, Migration, Rassismusforschung.

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    Zum Thema

    • Es sind die intimsten Beziehungen von Frauen, in denen die größten Wahrscheinlichkeiten für sexuelle, körperliche und verbale Gewalt lauern, und es sind die – meist männlichen – vertrautesten Personen, von denen diese Gewalt statistisch gesehen am häufigsten ausgeht.

      Es sind die intimsten Beziehungen von Frauen, in denen die größten Wahrscheinlichkeiten für sexuelle, körperliche und verbale Gewalt lauern, und es sind die – meist männlichen – vertrautesten Personen, von denen diese Gewalt statistisch gesehen am häufigsten ausgeht.

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