"Wir haben Toparbeitskräfte vor unserer Haustüre"

Interview5. Juli 2017, 09:00
183 Postings

In Österreich laufe bei der Bildung einiges unrund, gute Fachkräfte wähnt Greiner-Holding-Chef Kühner in Tschechien und Polen

Am Anfang war ein Greißlerladen in der schwäbischen Stadt Nürtingen. Dort verkauften Carl Albert und Emilie Greiner ab 1868 unter anderem Sodaflaschen, die sie mit handgefertigten Korkstoppeln verschlossen. 1899 wurde in Kremsmünster (OÖ) eine Korkstoppelfabrik gestartet, aus der sich der heutige Mischkonzern mit aktuell 134 Standorten in 30 Ländern entwickelte. In Österreich hat Greiner 17 Werke an 13 Standorten. Unter Langzeitchef Peter Greiner (vierte Generation) wurden die deutschen und österreichischen Gesellschaften mittels Syndikatsverträgen unter ein Dach gebracht. Heute produziert die Gruppe eine Vielzahl an Dingen, die vom Joghurtbecher über unverwüstliche U-Bahn-Sitze bis zu medizinischen Produkten des Geschäftszweigs Greiner Bio-One reichen.

STANDARD: Sie sind seit 2009 bei Greiner, stehen seit 2010 an der Spitze der Holding – der erste externe Manager in der fast 150 jährigen Geschichte des Unternehmens.

Kühner: Ich wusste, auf was ich mich einlasse, als ich 2009 von Daimler zu Greiner gewechselt bin. Alle positiven Erwartungen haben sich erfüllt.

STANDARD: Sie meinen, solange die Zahlen stimmen, lässt Sie die Familie in Ruhe?

Kühner: Es gibt bei Greiner generell keinen starken Einfluss der Eigentümer – ein Erfolgsfaktor. Die Familie hat verstanden, dass sie, wenn sie sich zurückziehen will, das komplett machen muss.

STANDARD: Ist es seit Ihrer Zeit in Österreich einfacher oder komplizierter geworden, ein Unternehmen zu führen?

Kühner: Komplizierter, in Österreich und auch anderswo. Rankings zeigen zwar, dass Österreich bei Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit zurückgefallen ist. Andererseits ist es hier vergleichsweise noch immer sehr einfach, ein Unternehmen aufzubauen und zu führen. Viele schwärmen, wie einfach es in den USA oder in China ist. Das kann ich nicht bestätigen.

STANDARD: Wenn Sie in der nächsten Regierung politisch Verantwortung tragen würden, welche drei Punkte gingen sie als erste an?

Kühner: Bildungspolitik ist zentral, inklusive Digitalisierung und Hochschulpolitik. Wir müssen schauen, in der Wissenschaftslandschaft weiter nach vorn zu kommen. Zweitens gehört der Gesetzeswald gelichtet. Und drittens ist eine klare Fokussierung auf das Thema Nachhaltigkeit in der Gesellschaft notwendig.

STANDARD: Kunststoffprodukte, mit denen Greiner Geld verdient, sind so nachhaltig auch nicht, oder?

Kühner: Wir sind dabei, jedes unserer Produkte zu hinterfragen, ob und wie nachhaltig sie sind. Bei einem Großteil sind wir überzeugt, dass sie es sehr wohl sind.

STANDARD: Was heißt nachhaltig?

Kühner: Wenn das Produkt einen Beitrag für das Leben leistet oder wenn das Leben ohne dieses Produkt schlechter wäre.

STANDARD: Jährlich landen aber bis zu zwölf Millionen Tonnen Kunststoffe im Meer ...

Kühner: ... der Eintrag in Europa liegt aber gerade einmal bei zwei Prozent. Fünf asiatische Länder sind für 60 Prozent des Plastikmülls verantwortlich, gut 90 Prozent kommen aus den Küsten- und Flussstreifen. Es liegt daran, dass es in diesen Ländern keine Entsorgungssysteme gibt. Wir wollen uns der Verantwortung nicht entziehen, aber wir brauchen eine Lösung, damit ein Kunststoffprodukt am Ende des Zyklus wiederverwertet wird, im Idealfall recycelt.

STANDARD: Und die Kaffeekapsel?

Kühner: Verglichen mit Filterkaffee ist klar, dass der nachhaltiger ist. Wenn man akzeptiert, dass die Menschen bestimmte Bedürfnisse haben, Bequemlichkeit eine Rolle spielt und es Kaffeekapseln in Milliardenstückzahlen gibt, dann glauben wir, dass wir ein Produkt mit einem besseren CO2-Fußabdruck haben, als dies bei Kapseln aus Aluminium der Fall ist.

STANDARD: Die Babyboomergeneration geht in Pension, geburtenschwache Jahrgänge kommen nach. Was heißt das für die Rekrutierung von Mitarbeitern?

Kühner: Nicht alle Gesellschaften haben das Problem geburtenschwacher Jahrgänge. Mit der regionalen Nähe zu Tschechien und Polen haben wir ein Riesenreservoir top ausgebildeter Arbeitskräfte vor unserer Haustür. Nur müssen wir bereit sein, uns kulturell und sprachlich umzustellen. Die Menschen dort sind sehr gut ausgebildet in Englisch. Eine noch größere Herausforderung für Industriebetriebe wird sein, in der Digitalisierung die richtigen Fachkräfte zu finden.

foto: regine hendrich
"Ich persönlich glaube nicht, dass es Trump gelingt, die Amerikaner und damit die Welt vom Freihandel wegzubringen."

STANDARD: Industrie 4.0, die Digitalisierung und Robotisierung, wird Arbeitsplätze kosten, sagen Studien. Und Sie?

Kühner: Anfangs wird es Jobs kosten, langfristig glaube ich, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze sichern und ausbauen helfen wird. Die Arbeitsplätze der Zukunft werden aber eine viel höhere Qualifikation erfordern als die alten.

STANDARD: Haben Sie berechnet, wie viele Arbeitsplätze an den Greiner-Standorten langfristig erhalten bleiben werden?

Kühner: Wir sind dabei, eine digitale Agenda auszuarbeiten, Chancen und Risiken abzuschätzen. Ende des Jahres werden wir klarer sehen. Ziel ist es, die Zahl der Arbeitsplätze im Inland, derzeit 2.500 von knapp 10.000, zu halten.

STANDARD: Das Pendel scheint zurückzuschwingen, Nationalstaat hui, Globalisierung pfui, heißt es?

Kühner: Das wird noch eine Weile so gehen und intensiver werden, wenn es nicht gelingt, den Leuten die Vorteile der Globalisierung zu erklären. Greiner ist ein Paradebeispiel für Freihandel. Wir haben in den 1950er-Jahren verloren, weil durch das GATT-Abkommen die Handelsbeschränkungen gefallen sind, von denen wir im Kork Jahrzehnte lang profitiert haben. Mit dem Einstieg in die Kunststoffverarbeitung haben wir dann mit Ach und Krach überlebt. In den 1990er-Jahren waren wir unter den Ersten, die konsequent in den Osten gegangen sind. Welch besseres Beispiel für den Freihandel gibt es als den Fall des Eisernen Vorhangs: 1989 hatten wir 1.000 Beschäftigte, Ende 1990 waren es 4.000, heute sind es knapp 10.000 Mitarbeiter, die fast 20 Prozent des Umsatzes in den ehemaligen Ostländern machen.

STANDARD: Stark ausgeprägt ist die Antiglobalisierung in den USA, wo seit Amtseinführung von Präsident Donald Trump 'America first' gilt?

Kühner: Trump ist derjenige, der das auf die Spitze getrieben hat. Überall dort, wo die Politik versagt hat und es mit der wirtschaftlichen Entwicklung bergab ging, war das schon da – in Frankreich, Großbritannien, anderswo auch. Es ist leicht zu sagen, dass andere schuld sind, wenn Entwicklungen im eigenen Land schieflaufen.

STANDARD: Wird Greiner in den USA nun noch investieren, weil es politisch opportun ist?

Kühner: Wir werden es nicht aus diesem Grund tun. Unsere Produkte lassen sich nicht über weite Distanzen transportieren, wir müssen nahe am Kunden sein. Wir sind 2014 mit einem Verpackungsbetrieb in die USA gegangen, weil sich die Ernährungsgewohnheiten dort geändert haben. Die Amerikaner wollen nicht mehr XX-Large, sondern kleinere Verpackungen. Die Amerikaner hatten diese Technologie bisher nicht. Wir sind da in Europa führend, deshalb gehen wir dorthin. Ich persönlich glaube nicht, dass es Trump gelingt, die Amerikaner und damit die Welt vom Freihandel wegzubringen.

STANDARD: Wie läuft das Geschäft?

Kühner: Generell sehr gut, auch wenn wir seit einigen Monaten erhebliche Preiserhöhungen bei Vormaterialien beobachten. Das drückt etwas auf die Marge. Wir werden wieder im höheren einstelligen Prozentbereich wachsen und wollen auch etwas mehr investieren als zuletzt. (INTERVIEW: Günther Strobl, 5.7.2017)

Axel Kühner (46) hat seine Karriere bei Daimler begonnen, wo der gebürtige Deutsche zuletzt Leiter der Mercedes-Niederlassung in Regensburg war. 2009 wechselte der studierte Betriebswirt nach Kremsmünster (OÖ) zur Greiner Holding, einem seit fünf Generationen in Familienbesitz befindlichen Unternehmen, das zu den weltgrößten Herstellern und Verarbeitern von Kunst- und Schaumstoff zählt. 2010 wurde der verheiratete Vater zweier Töchter als erster von außen kommender Manager zum Vorstandschef der Gruppe mit weltweit knapp 10.000 Mitarbeitern und fast 1,5 Milliarden Euro Umsatz bestellt.

  • Er ist der erste externe Manager an der Spitze des Kunststoffverarbeiters Greiner Holding, die sich seit fünf Generationen zu 100 Prozent in Familienbesitz befindet: der gebürtige Deutsche Axel Kühner.
    foto: regine hendrich

    Er ist der erste externe Manager an der Spitze des Kunststoffverarbeiters Greiner Holding, die sich seit fünf Generationen zu 100 Prozent in Familienbesitz befindet: der gebürtige Deutsche Axel Kühner.

Share if you care.