Pharmakonzerne zahlten 90 Millionen Euro an Ärzte und medizinische Institutionen

5. Juli 2017, 15:17
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Pharmig und Ärztekammer haben erste Ergebnisse aus den offengelegten Zahlungen des Vorjahres an Ärzte und Krankenhäuser präsentiert. Großteil der Zahlungen an die Ärzteschaft bleibt intransparent

Wien – Klinische Studien, Ärztefortbildung, Spenden, Förderungen: Im Vorjahr haben Ärzte und medizinische Institutionen rund 90 Millionen Euro von der Pharmaindustrie erhalten. Diese Zahl hat der Verband der pharmazeutischen Industrie (Pharmig) am Mittwochvormittag gemeinsam mit der Ärtzekammer bei einem Pressegespräch in Wien präsentiert. Die Offenlegung der Geldflüsse erfolgte dieses Jahr zum zweiten Mal, um potenzielle Interessenkonflikte transparent zu machen. Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass Zahlungen der Pharmaindustrie die Entscheidungen von Ärzten unbewusst beeinflussen können. Etwa dass teurere Präparate verschrieben werden, obwohl günstigere Generika verfügbar wären. Zudem können Gelder an Forscher zur Verzerrung der Studienergebnisse führen – zum Vorteil der Pharmaunternehmen.

Die offengelegte Gesamtsumme für 2015 lag bei 105 Millionen Euro. Der Rückgang auf 90 Millionen Euro geht auf geringere Ausgaben im Bereich der Forschung und Entwicklung zurück. Hier sind Zahlungen oft an das Erreichen von Meilensteinen gekoppelt und schwanken deshalb.

Zwei Drittel für Forschung und Veranstaltungen

"Wir haben nichts zu verbergen. Die Zahlungen haben nichts mit Bestechung, Beeinflussung oder Korruption zu tun. Ohne die Zusammenarbeit würde es keine Weiterentwicklung und Forschung für Medikamente geben", sagt Herwig Lindner, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer.

Konkret ist ein Drittel der Summe für Forschungstätigkeiten und die Durchführung klinischer Studien geflossen. Ein weiteres Drittel entfiel gemäß Erhebung der Pharmig auf Veranstaltungen. Die Geldflüsse können der Unterstützung für die Durchführung von Veranstaltungen dienen, aber auch Tagungs- und Teilnahmegebühren und Reise- und Übernachtungskosten für medizinische Fachkräfte fallen in diese Kategorie. Der Rest entfiel auf Dienst- und Beratungsleistungen, etwa Vortragstätigkeiten, und auf Spenden und Förderungen für medizinische Institutionen, etwa zur Finanzierung von Aus- und Weiterbildung (zum Beispiel: Fachliteratur für die Krankenhausbibliothek).

Transparenz mit Hindernissen

Direkt auf einzelne Ärzte zurückzuverfolgen ist nur ein geringer Anteil der Zahlungen.

Das Datenschutzrecht erfordert eine persönliche Einwilligung zur Offenlegung. 18,9 Prozent der Zahlungen an die Ärzteschaft sind so nachverfolgbar. Damit stagniert das Niveau im Vergleich zum Jahr 2015. Die geringe Zustimmungsrate führt Pharmig-Generalsekretär Jan Oliver Huber auf die fehlende Kultur für Transparenz zurück: "In Skandinavien ist das eher vorhanden." Zudem führe die kritische Berichterstattung über die Offenlegungen dazu, dass "es sich mehr Ärzte überlegen, ob sie sich das antun wollen". Bei Krankenhäusern und anderen medizinischen Institutionen hat sich der Anteil nachvollziehbarer Geldflüsse hingegen erhöht. 62,4 Prozent der Zahlungen sind transparent – ein Anstieg um 5,7 Prozentpunkte zum Jahr 2015. Vollständige Transparenz der Zahlungen von Pharmaindustrie an Ärzteschaft ist in den USA gegeben. Dort regelt der "Sunshine Act" die Offenlegung. Pharmig-Generalsekretär Huber will vorerst weiterhin auf Selbstregulierung vertrauen: "Dann steht auch die Überzeugung und Motivation der Ärzte dahinter."

Kein zentrales Veröffentlichungsregister

Einen gesammelten Überblick der Veröffentlichungen der 74 Unternehmen, die ihrer Offenlegungspflicht gemäß des Pharmig-Verhaltenskodex nachgekommen sind, gibt es nicht. Wer als Patient einen Einblick erhalten möchte, müsste jede Unternehmenswebsite besuchen und nach der gewünschten Person oder Organisation suchen. Diese Lücke hat der STANDARD im Vorjahr in einem Projekt mit dem ORF und der deutschen Rechercheplattform Correctiv geschlossen und eine Datenbank aufgesetzt. Sie wird in der kommenden Woche in aktualisierter Form veröffentlicht. Anders als im Vorjahr sollen Personen, die keine Zahlungen erhalten haben oder persönlich ablehnen, die Möglichkeit haben, dies auch für Patienten transparent zu machen. Bis dato war nicht klar, ob jemand, der nicht in der Datenbank aufscheint, der Veröffentlichung der Zahlung nicht zugestimmt hat oder keine erhalten hat. Interessierte Mediziner können deshalb beim neuen Projekt "Null-Euro-Ärzte" selbst erklären, dass sie im zurückliegenden Jahr keine Gelder von der Pharmaindustrie erhalten haben. (gart, 5.7.2017)

Fünf wichtige Fragen zur Teilnahme

Die fünf wichtigsten Fragen für eine Teilnahme, falls Sie interessierte Ärztin oder Arzt sowie medizinische Fachkraft sein sollten, hier:

Ich bin Arzt. Wie überprüfen Sie, ob mein Name und meine Adresse stimmen?

Zunächst müssen wir überprüfen, ob Sie tatsächlich der sind, für den Sie sich ausgeben. Dazu müssen Sie Ihre Anschrift und eine E-Mail-Adresse angeben. An diese E-Mail-Adresse bekommen Sie ein PDF-Dokument zugeschickt, das Sie bitte ausdrucken und unterschreiben. Wenn Sie eine eigene Arztpraxis haben, versehen Sie es bitte mit Ihrem Praxisstempel. Dieses Dokument senden Sie per Post, Fax oder E-Mail (nulleuro@correctiv.org) an Correctiv zurück.

Wie überprüft Correctiv, ob meine Angaben richtig sind?

Wir nehmen Sie beim Wort. Sie versichern, dass Sie im Jahr 2015 oder 2016 keine finanziellen Zuwendungen bekommen haben von einem Pharmaunternehmen, das der Pharmig angehört. Nach dem aktuell gültigen Pharmig-Kodex können nur Honorare für Vorträge, Spesen und Fortbildungen veröffentlicht werden. Wenn Sie ankreuzen, in diesen Bereichen keine Zuwendungen erhalten zu haben, überprüfen wir, ob Ihr Name in den Veröffentlichungen der Pharmafirmen auftaucht. Wenn Sie zum Beispiel für das Jahr 2016 doch in der Liste aufgelistet sind, können Sie nicht gleichzeitig in der Liste der Null-Euro-Ärzte auftauchen. Denkbar ist aber, dass Sie 2015 in der Liste auftauchen, 2016 aber in der Null-Euro-Liste.

Ich habe nur an einer Fortbildungsmaßnahme teilgenommen, bei der die Referenten von einer Pharmafirma bezahlt wurden. Zählt das als Leistung bei mir?

Grundsätzlich zählen pharmagesponserte Fortbildungsveranstaltungen dazu. Ob das Unternehmen dies als Leistung für Sie persönlich wertet, erkennen Sie daran, ob das Unternehmen Sie gefragt hat, ob es diese Leistung (geldwerten Vorteil) mit der Nennung Ihres Namens individualisiert veröffentlichen darf.

Ich bin kein Arzt, sondern Krankenschwester oder Apotheker. Kann ich mich auch eintragen in Ihre Liste?

Ja, denn die Pharmafirmen schließen in ihr Transparenzprojekt ausdrücklich Angehörige der Fachkreise ein. Darunter versteht der Verband Ärzte, Apotheker, Zahnärzte, Tierärzte, Dentisten, Hebammen, Angehörige des Krankenpflegefachdienstes, der medizinisch-technischen Dienste und der Sanitätshilfsdienste sowie sonstiger Sanitätseinrichtungen.

Ab wann werden die Namen in der Datenbank von Correctiv veröffentlicht?

Mit Ärzten aus Deutschland und der Schweiz hat Correctiv das Projekt "Null-Euro-Ärzte" bereits gestartet. Die Liste wird fortlaufend aktualisiert.

Hier können Sie sich in die "Null-Euro-Ärzte"-Datenbank eintragen.


Über das Projekt: Euro für Ärzte

Ende Juni haben die Mitglieder des Verbands pharmazeutischer Unternehmen zum zweiten Mal ihre Zahlungen an Ärzte und weitere Angehörige der Fachkreise sowie Krankenhäuser veröffentlicht. Ein gemeinsamer Verhaltenskodex regelt die Art der Publikation. Dieses Regelwerk hat Lücken. Es sieht keine patientenfreundliche Auflistung der Geldflüsse vor. Wer wissen möchte, ob sein Arzt einen Interessenkonflikt hat, müsste die Websites der 119 Unternehmen einzeln nach dem jeweiligen Namen durchforsten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Daten fehlerbehaftet sind und viele Dokumente nicht computerlesbar sind. Deshalb mussten viele Veröffentlichungen händisch abgetippt werden. Das passiert in einer aktuellen Recherche des STANDARD, ORF und der deutschen Rechercheplattform Correctiv. Das Ergebnis wird eine Datenbank sein, in der Sie nach Ihren behandelnden Ärzten und Spitälern suchen können.

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    foto: apa
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