Auf der Straße: "In der Obdachlosigkeit gibt es keine Freundschaft"

4. Juli 2017, 09:00
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Das bewegte Leben von "Uhudla"-Verkäufer Walter Lohmeyer wird in einen Film gegossen

Wien – Euphorie hört sich anders an: "Das muss ein G'spritzter sein", dachte sich Walter Lohmeyer, als er von Dragan Orolic im November 2016 per Mail kontaktiert wurde. Er, der Verkäufer einer Straßenzeitung, soll Protagonist eines Dokumentarfilms werden? "Der will mich pflanzen", war Lohmeyers erste Reaktion: "Ich finde mich selbst ja nicht so wichtig." Einige Monate später sitzt Lohmeyer im Café Europa in Wien und sagt: "Ich hoffe, dass der Film viele anspricht, die von einer Abhängigkeit betroffen sind." Er soll Ansporn und Hilfestellung sein.

Lohmeyer verkauft seit 21 Jahren den Uhudla, Österreichs älteste Straßenzeitung. Davor war er Alkoholiker und lebte über acht Jahre auf der Straße. "In der Obdachlosigkeit gibt es keine Freundschaft", rekapituliert Lohmeyer, es gehe ums Überleben. Heute noch viel stärker als früher: "Sie bringen dich wegen einer Tschick oder eines Achterls um."

Lohmeyers Lebensgeschichte – ein erfolgreicher Versicherungsmitarbeiter landet auf der Straße und bekommt mithilfe einer Straßenzeitung wieder Boden unter den Füßen – hat Dragan Orolic so fasziniert, dass er sie in einen Film gießt: "Ich wollte ihn nirgendwo reinzwängen, sondern ihn mit der Kamera begleiten, um sein Leben zu zeigen."

Lohmeyer führt zu den Schauplätzen von damals, auch wenn es manche gar nicht mehr gibt – Lokale etwa, die "Fresshütten" weichen mussten: "Hässlich und unpersönlich." Übernachtet habe er in Parks, Abbruchhäusern, in U-Bahn-Klos und auf Bahnhöfen. Verklärung kommt dabei keine auf, Nostalgie schon gar nicht: "Es war immer nur Scheiße, es war immer nur Alkohol", sagt er heute. Eine Station im Film ist das Alte AKH, wo damals noch das AKH angesiedelt war. Eine Ärztin habe gesagt, dass sein Bein infolge einer Entzündung abgenommen werden müsse. Eine falsche Diagnose, wie sich im Krankenhaus herausgestellt hat.

25 Kilometer durch die Stadt

Kennengelernt haben sich die beiden im Café Europa. Lohmeyer wollte Orolic einen Uhudla verkaufen. Mit Erfolg, wie so oft. Der 61-Jährige ist pro Tag 25 bis 30 Kilometer unterwegs. Mit dutzenden Uhudla -Exemplaren im Rucksack klappert er Wiens Lokale ab. Vom Verkaufspreis von zwei Euro bleibt ihm einer. Er lebt gut davon.

Der Film heißt Einmal Leben und zurück und soll im Herbst auf DVD erscheinen. Die Dreharbeiten sind praktisch abgeschlossen, die Suche nach einem Verleih beginnt. Über die Crowdfundingplattform startnext.com soll ein Teil des Films finanziert werden.

Ein kommerzieller Erfolg wäre schön, für Orolic steht das aber nicht im Vordergrund: "Wichtig ist, dass sich Walter wiedererkennt und seine Persönlichkeit widergespiegelt wird."

Positives hat er jedenfalls schon geleistet, denn für Lohmeyer waren die Dreharbeiten eine Aufarbeitung. Seit er vor vielen Jahren gemeinsam mit einem Kumpel vor dem Haus des Meeres fast erschlagen wurde, hat er den Flakturm gemieden: "Jetzt habe ich mich wieder dort hingesetzt." (Oliver Mark, 4.7.2017)

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  • Im Café Europa, wo alles begonnen hat: Dragan Orolic (links) dreht einen Film über das Leben des "Uhudla" -Urgesteins Walter Lohmeyer.
    foto: standard/mark

    Im Café Europa, wo alles begonnen hat: Dragan Orolic (links) dreht einen Film über das Leben des "Uhudla" -Urgesteins Walter Lohmeyer.

  • Max Wachter gründete den "Uhudla" vor 25 Jahren. Walter Lohmeyer, langjähriger Verkäufer der Straßenzeitung, schreibt selbst für den "Uhudla". Er regelt auch den Vertrieb.
    foto: uhudla

    Max Wachter gründete den "Uhudla" vor 25 Jahren. Walter Lohmeyer, langjähriger Verkäufer der Straßenzeitung, schreibt selbst für den "Uhudla". Er regelt auch den Vertrieb.

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