Der Marsch des Oppositionsführers Kemal Kılıçdaroğlu gegen die Wand

Reportage4. Juli 2017, 07:00
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Nach drei Wochen Fußmarsch von Ankara nach Istanbul beginnt die kritische Phase der Protestaktion der türkischen Opposition – Schon nennt die Regierung den Oppositionschef einen "Terroristen"

Er ist bei seinem vierten Paar Schuhe, er trinkt eine Flasche Orangensaft am Tag und isst viel Reis und Nudeln, der Kohlehydrate wegen. Kemal Kılıçdaroğlu hält immer noch durch. Seit drei Wochen ist der türkische Oppositionsführer nun mit seinen Anhängern zu Fuß unterwegs von Ankara nach Istanbul. 15 Kilometer am Tag schafft er bei seinem "Gerechtigkeitsmarsch" in der Sommerhitze Anatoliens. Eine ziemliche Leistung für einen untrainierten 68-Jährigen.

Zum Unbehagen der Regierung beginnen auch Wähler des eigenen Lagers, die Willenskraft des "türkischen Gandhi" anzuerkennen. Mit seinem kleinen Schild, das er in der rechten Hand hält und auf dem "Adalet" steht – "Gerechtigkeit" –, wird Kemal Kılıçdaroğlu, der ebenso freundliche wie politisch erfolglose Parteichef, was in der Türkei kaum jemand noch für möglich gehalten hat: eine Art Held.

Rund 100 Kilometer sind es noch bis Istanbul. Je näher die Metropole am Bosporus rückt, umso größer wird die Zahl jener, die sich am Marsch beteiligen. Mehr als 20.000 waren es am vergangenen Wochenende. Auch Nationalisten, Fans der Istanbuler Fußballklubs oder ein Wortführer der "antikapitalistischen Muslime" reihten sich in den Marsch der Sozialdemokraten von der Republikanischen Volkspartei (CHP) ein. Anhänger der prokurdischen Minderheitenpartei HDP wurden am Montag erwartet. Die kritische Phase des Protestmarsches hat begonnen. Polizisten laufen nun in einer langen Linie zwischen den Oppositionellen und den vorbeifahrenden Autofahrern, die hupen, manche aufmunternd, manche aggressiv. "Es gibt Gerüchte über Provokationen", sagte Kılıçdaroğlu bei der morgendlichen Ansprache vor den Mitmarschierern. Eine Kugel lag bereits auf dem Asphalt als Warnung für den Parteichef.

Neuland für Kemalisten

Für die CHP sei dieser Marsch eine wichtige Erfahrung, sagt ein Istanbuler Anwalt, der am vergangenen Wochenende aus Solidarität einige Kilometer mitmarschiert war: "Zum ersten Mal lernt diese Partei, dass sie für etwas protestieren muss." Denn politische Aktionen außerhalb des Parlaments sind für die sich immer noch staatstragend fühlende Partei des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk Neuland.

Am Sonntag wollen die Kemalisten vor dem Gefängnis im Istanbuler Stadtteil Maltepe auf der asiatischen Seite sein. Dort sitzt ihr Parlamentsabgeordneter Enis Berberoğlu ein. Der frühere Chefredakteur des Massenblatts "Hürriyet" ist im Vormonat zu 25 Jahren Haft wegen Spionage verurteilt worden; das Urteil in erster Instanz ist noch nicht rechtskräftig, aber das spielt unter den heutigen Umständen im Land schon keine Rolle mehr. Der Abgeordnete Berberoğlu soll jenes Video weiter gegeben haben, das türkische Gendarmen bei der Kontrolle einer der mutmaßlichen Waffenlieferungen des Staates an Rebellen in Syrien zeigte. Staatspräsident Erdoğan tobte, als das Video vor zwei Jahren von der Tageszeitung "Cumhuriyet" öffentlich gemacht wurde.

Der Marsch der türkischen Opposition soll Gerechtigkeit in diesem einen Fall erzwingen, aber auch eine gerechte Behandlung der mittlerweile 150.000 Beamten, die seit der Verhängung des Ausnahmezustands gefeuert, und der rund 50.000 Türken, die in Gefängnisse gesteckt wurden.

Ob das gelingt, ist fraglich. "Wir laufen gegen eine Wand", sagte Kılıçdaroğlu dieser Tage einem bekannten Kolumnisten, der ihn auf der Landstraße aufgesucht hatte. Der Zusammenstoß mit Tayyip Erdoğan, dem autoritär regierenden Staatschef, scheint unausweichlich.

Verhaftung denkbar

Präsident und Regierung etikettieren den Oppositionsführer längst schon als "Terroristen". Kılıçdaroğlus Verhaftung scheint denkbar, je nach Ausgang des "Gerechtigkeitsmarsches". Dass der Chef der Opposition nun über Wochen so viel Aufmerksamkeit im Land findet, muss Erdoğan ärgern. Am Montag ging der Präsident gleich wieder in die Offensive und kündigte den Bau eines Flugzeugträgers an. Nichts mehr kann die Türkei unter seiner Führung aufhalten, so lautete die Botschaft.

Den Jahrestag des vereitelten Putschs vom 15. Juli will die Regierung auch groß feiern. Ihre Anhänger werden wieder "Demokratiewacht" halten wie nach der Putschnacht und Straßen und Plätze in den Städten besetzen, kündigte der Sprecher des Präsidenten an. Für die Opposition ist dann dort kein Platz mehr. (4.7.2017)

  • Viel Zuspruch, aber teils auch Ärger schlägt dem türkischen Oppositionschef Kemal Kılıçdaroğlu bei seinem 425 Kilometer langen Protestfußmarsch von Ankara nach Istanbul entgegen.
    foto: ap

    Viel Zuspruch, aber teils auch Ärger schlägt dem türkischen Oppositionschef Kemal Kılıçdaroğlu bei seinem 425 Kilometer langen Protestfußmarsch von Ankara nach Istanbul entgegen.

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