Rotherham United: Gnadenlos in Floridsdorf

    12. Juli 2017, 08:53
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    Einen englischen Drittligisten verschlägt es ins transdanubische Wien, wo er den FAC mit 7:1 überfährt. Eine Entdeckungsreise

    Floridsdorf – Internationales Flair am FAC-Platz im transdanubischen 21. Wiener Gemeindebezirk: Der Floridsdorfer AC empfing am Dienstagabend den englischen Drittligisten Rotherham United zu einer Vorbereitungspartie. Die Testgegner verbindet der Rückblick auf ein schwieriges letztes Jahr.

    Während der FAC nach dem Verschleiß zweier Trainer den Klassenerhalt in der Ersten Liga mit Ach und Krach am Ende noch schaffte, legte Rotherham ein wahres annus horribilis hin – und zwar ohne Happy End. Nach einem krachletzten Platz in der zweitklassigen Championship – auf das zweitschlechteste Team aus Wigan fehlten in der Abschlusstabelle saubere 19 Punkte – war der Abstieg auf unzweifelhafteste Manier sichergestellt. Den Engländern half weder ein ebenfalls zwiefaches Betreuerfeuern noch – wie hierzulande – ein Mangel an willigen Aufsteigern. Nach den Turbulenzen steht auf beiden Seiten nun eine Neuerfindung auf dem Programm.

    Wo man herkommt

    Rotherham, benamst nach dem gleichnamigen Fluss Rother, liegt im südlichen Yorkshire. Im Einzugsgebiet der Stadt, die mittlerweile mit dem benachbarten Sheffield zu einer Konurbation zusammengewachsen ist, leben über 250.000 Einwohner. Wie so viele Orte Englands wurde auch Rotherham von der Industriellen Revolution transformiert, Kohle und Eisen wurden formativ für Alltag wie Kultur der Menschen.

    Und nicht nur diese waren betroffen. Untersuchungen in den 1970er-Jahren brachten zutage, was ohnehin offensichtlich war: In der Rother fand sich kein Leben mehr, ein Mix aus diversen Umweltgiften hatte es ausgelöscht. Wer möchte, kann auch an dieser Stelle eine Parallele zu Floridsdorf (rund 160.000 Einwohner) imaginieren, das im Laufe des 19. Jahrhunderts ebenfalls eine proletarische Prägung erfuhr und gar als neue Hauptstadt Niederösterreichs im Gespräch war.

    Rotherhams Stahl war wegen seiner herausragenden Qualität gefragt, der erste kommerziell erfolgreiche Pflug der Welt wurde daraus gefertigt und sichert der Stadt ihren Eintrag in die Geschichtsbücher. Im Vorort Templeborough konnte man sich zwar eines Stahlwerks rühmen, das sich über die rekordverdächtige Länge von 1,6 Kilometern zog – mit klassischen architektonischen Sehenswürdigkeiten ist Rotherham allerdings nicht sonderlich gesegnet.

    Kämpfe und Kapellen

    Sehr wohl jedoch findet sich im Zentrum der Stadt eine Brückenkapelle. Die Chapel of Our Lady on the Bridge ist eines von nur vier Exemplaren dieser kuriosen Bauwerke in ganz England. Sie wurden besonders im Mittelalter errichtet und sollten göttlichen Schutz auf Brücken wie Reisende herabrufen.

    1984 ereignete sich im Bezirk Rotherham die berühmt-berüchtigte Battle of Orgreave. In einer für den britischen Bergarbeiterstreik der Jahre 1984/85 zentralen Episode lieferten sich Streikende und Polizei eine von außerordentlicher Gewalttätigkeit gekennzeichnete Auseinandersetzung. Nicht zuletzt aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage infolge des sogenannten Strukturwandels votierten in Rotherham, das seit 1933 ununterbrochen einen Labour-Abgeordneten ins Londoner Parlament entsendet, im Vorjahr 68 Prozent der Wahlberechtigten für den Brexit.

    2015 trat der gesamte Stadtrat infolge eines monströsen Verbrechens zurück, mindestens 1.400 Kinder und Jugendliche waren Opfer bandenmäßig betriebenen sexuellen Missbrauchs geworden. Über Jahre waren Verdachtsmomente unter den Teppich gekehrt worden.

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    "From a butterfly stick to a baton and a brick ..." – Der Kommentar zum Bergarbeiterstreik von The Men They Couldn't Hang.

    Die Müllerburschen

    Ein alteingesessener Wirtschaftszweig in der Region war das Müllergewerbe, den Kickern Uniteds brachte es ihren Spitznamen ein: The Millers. Der berühmteste ballesterische Sohn Rotherhams trug allerdings nie deren Trikot: David Seaman, über viele Jahre hin Englands Nationalkeeper, hatte seine Karriere bei Leeds United begonnen.

    Anfang der 1980er-Jahre verlieh ein anderer Großer des englischen Fußballs den Farben Uniteds jedoch sehr wohl seinen Glanz: Liverpool-Legende Emlyn Hughes ließ damals seine große Karriere mit zwei Saisonen als Spielertrainer in Rotherham ausklingen.

    Nichtsdestotrotz verabschiedeten sich die Millers 1983 in die Drittklassigkeit. Die beste Platzierung der Vereinsgeschichte datiert aus der Saison 1954/55, die man auf Platz drei der alten Second Division abschloss. Rang zwei und damit den erstmaligen Aufstieg in Liga eins verpasste United damals nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses gegenüber Luton.

    Vorteil FAC

    Mit dem FAC kann Rotherham da nicht mithalten. Denn als der englische Verein 1925 gegründet wurde, waren die elf Jahre älteren Floridsdorfer bereits längst österreichischer Champion (1918) und hatten sich zwei Vizemeisterschaften gesichert (1916, 1917). Eine dritte und letzte folgte 1944. Trotz dieser sehr beachtlichen Bilanz trifft der englischsprachige Wikipedia-Eintrag heute nicht mehr ganz ins Schwarze: "The club colors are blue and white. They are also often regarded as the best team in Vienna."

    Alles andere als Fake News waren, wie erwähnt, gewisse personelle Kuriositäten, die die letzte Saison bei beiden Klubs mitdefinierten. Auch hier dürften die Floridsdorfer die Nase vorne haben. Dass ein gefeuerter Trainer (Jürgen Halper) als Nachfolger seines ebenfalls gefeuerten Nachfolgers (Franz Maresch) installiert wird, ist an sich schon außergewöhnlich. Seine wahre Würze verlieh dem Vorgang jedoch die Pointe, dass von Vereinsseite nie daran gedacht war, Maresch seinen Job machen zu lassen (was diesem offenbar nicht ganz so deutlich kommuniziert worden war). Er war stattdessen als Strohmann zur Erfüllung der Lizenzkriterien gedacht, während die Mannschaft tatsächlich von Manager Dominik Glawogger trainiert wurde.

    Anruf aus Lindabrunn

    Rotherham kann demgegenüber immerhin ins Treffen führen, zwischen Oktober 2015 und Oktober 2016 nicht weniger als sechs Coaches verbraucht zu haben. Seit letzten Herbst Kenny Jackett nach 39 Tagen im Amt seinen Rücktritt verkündete, stehen die Millers unter der Fuchtel von Paul Warne. Der ehemalige Fitnesstrainer will seine Mannen zum konditionsstärksten Team der League One tunen und schickte die Warnung voraus: "Es wird wehtun." Die Vorbereitung begann Ende Juni, drei Sessions stehen pro Tag auf dem Programm. Wo? Natürlich in der niederösterreichischen Sportschule zu Lindabrunn. Was lag da näher, als in Floridsdorf wegen eines eventuellen Härtetests nachzusuchen?

    Das Spiel

    Und also labten sich an einem schwül-warmen Abend in der Kantine des in Kleingartenkolonien eingebetteten FAC-Platzes drei bis fünf geeichte Kiebitze fachsimpelnd an kühlen Getränken und frisch zubereiteten Wurstsemmeln. Der ebenfalls anwesende Helge Payer hielt sich lieber an die gratis ausgegebene Eiscreme, mindestens zwei Portionen verschlang Rapids Tormanntrainer.

    Die freundlich-lethargische Grundstimmung sollte die Elf des Gastgebers wenig später auch auf dem Spielfeld verbreiten. Die Ränge der Haupttribüne ragen beinahe so steil auf wie im Mestalla zu Valencia, sind aber nicht ganz so groß – und waren leider etwas schütter besetzt. Wer da war, sah Rotherham zügig das Kommando übernehmen. Der Ball kursierte flott und wohltemperiert durch die englischen Reihen. Er wurde flach gehalten, alte Klischees funktionieren nicht mehr. Das erste Tor für die Gäste fiel nach neun Minuten, weitere Chancen folgten durchaus regelmäßig.

    Einer ragte heraus, er hieß Kieffer Roberto Francisco Moore und kratzte an der Zweimetermarke. Nagelneu war der Mittelstürmer zu Rotherham gestoßen, absolvierte sein erstes Match für die Millers. Nach der ordentlichsten Phase des FAC, der zwischenzeitlich den Respekt etwas abzulegen schien, steuerte Moore kurz vor der Pause einen Doppelpack bei. Der erste Treffer resultierte seiner Funkturm-Statur entsprechend aus einem Kopfball, beim zweiten baute er überlegt per Fuß ein. Da Bernhard Fucik bei der womöglich besten Gelegenheit für die Hausherren am ansonsten nur von Mücken und sonstigem Geschmeiß bedrängten Keeper Lewis Price scheiterte, ging es mit einem Stand von 0:4 in die Halbzeit.

    Profis und Gentlemen

    Der Zugang Rotherhams muss als akribisch beschrieben werden. Videomenschen hielten die Partie mit zwei Kameras fest, alle Spieler waren zur weiteren Datensammlung mit GPS-Gurten ausgestattet. Eine ganze Batterie an Betreuern, der STANDARD zählte neun, intervenierte von der Seitenlinie lautstark, dirigierte, motivierte. Manche hatten die Statur von Staff Sergeanten aus Army-Bootcamps. Auch auf dem Spielfeld machte sich die überlegene Physis immer deutlicher zu Rotherhams Gunsten bemerkbar. Manchmal wirkte es, als würden Männer Buben gegenüberstehen. Addiert man dazu noch ein höheres Niveau an zielgerichteter Ernsthaftigkeit sowie geistiger Frische, ist leicht erklärt, warum das Geschehen quasi in Permanenz um den Floridsdorfer Sechzehner wogte. Daran konnte weder das Ehrentor per Elfmeter durch Rapid-Leihgabe Albin Gashi etwas ändern (52.) noch das Einsetzen von Massenwechseln auf beiden Seiten.

    Nein, man hatte gar den Eindruck, Rotherhams zweiter Anzug würde noch schneidiger sitzen. Drei letzte Worte hatten die Gäste noch zu bieten, irgendwann gab der Platzsprecher es auf, die Schützen anzusagen. Von einer "Hinrichtung" war im Publikum bereits die Rede, als der Referee den Aufgalopp schließlich beendete. Endstand 1:7. Und Warne, der Millers-Boss, erwies sich als vollendeter Gentleman, schüttelte jede, wirklich jede einzelne in einem FAC-Trikot steckende Hand. (Michael Robausch, 12.7.2017)

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    • Rotherhamer Szenerie mit Straßenkickerl.
      foto: reuters/noble

      Rotherhamer Szenerie mit Straßenkickerl.

    • Uniteds schmuckes, 12.000 Zuschauer fassendes New York Stadium liegt natürlich trotz seines Namens im guten alten England.

      Uniteds schmuckes, 12.000 Zuschauer fassendes New York Stadium liegt natürlich trotz seines Namens im guten alten England.

    • Emlyn Hughes, mehrfacher englischer Meister und Europacup-Sieger mit dem FC Liverpool, verschlug es für den einzigen Trainerjob seiner Karriere (1981 bis 1983) ausgerechnet nach Rotherham.
      foto: ap

      Emlyn Hughes, mehrfacher englischer Meister und Europacup-Sieger mit dem FC Liverpool, verschlug es für den einzigen Trainerjob seiner Karriere (1981 bis 1983) ausgerechnet nach Rotherham.

    • Nigel Farage, damals Chef der euroskeptischen Ukip-Partei, auf Stimmenfang im englischen Rust Belt.
      foto: imago/zuma press

      Nigel Farage, damals Chef der euroskeptischen Ukip-Partei, auf Stimmenfang im englischen Rust Belt.

    • Und los.
      foto: robausch

      Und los.

    • Darnelle Fisher wirft den Ball ein.
      foto: robausch

      Darnelle Fisher wirft den Ball ein.

    • Ein ums andere Mal auf verlorenem Posten: FAC-Keeper Nikolai Vambersky.
      foto: robausch

      Ein ums andere Mal auf verlorenem Posten: FAC-Keeper Nikolai Vambersky.

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