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Reportage mit Video4. Juli 2017, 09:00

"Mach eine Kugel, das ist am schnellsten." Auf der Treppe zur 64 Meter langen Rutsche im Wiener Kongressbad staut es sich. Das meistdiskutierte Thema unter den wartenden Buben: Geschwindigkeit – und wie man sie maximieren kann. Die Kugel hilft, in den Kurven wird es rasanter. Gegen erfahrene Rutscher hat man trotzdem keine Chance. Flink wuseln die Kinder Richtung Becken, um sich wieder hinten anzustellen.

foto: christian fischer
Die 64 Meter lange Rutsche im Kongressbad fließt in das Ende der 1980er-Jahre erbaute Erlebnisbecken.

Das Kongressbad im 16. Bezirk ist nicht nur von außen ein Schmuckkästchen. Das ehemals 100 Meter lange Sportbecken ist bei der Generalsanierung Ende der 1980er-Jahre in ein 50-Meter-Sport- und ein Erlebnisbecken geteilt worden. Die großzügige Liegewiese ist nicht überfüllt.

Während sich die jüngeren Gäste im Strudel tummeln, ziehen sich andere mit einer Zeitung unter einen Baum zurück oder spulen ihre Längen im Sportbecken ab. Das Areal ist weitläufig, man steigt sich nur selten auf die Zehen. Auf der Rutsche wird derweil fleißig weitergekugelt.

Popsch in die Höhe

"Es gibt zwei Versionen", erklärt einer mit Erfahrung: Bademeister M. ist im Schafbergbad für die – mit 102 Meter – längste Wasserrutsche Wiens zuständig: "Auf den Schulterblättern, die Fersen spannen und den Popsch in die Höhe. Oder: Beine anwinkeln und die Hände nach hinten zum Stabilisieren" – die gefinkeltere Kugel also. "So rutsche ich."

fischer

Einmal pro Stunde öffnet die Rutsche des in den 1970er-Jahren renovierten Schwimmbads. Zwei Bademeister sind dann für die Hauptattraktion im Einsatz. In jeder Schicht sind insgesamt mindestens sechs Aufpasser für die vier Becken, die in Gelb, Orange, Rot und Blau – je nach Beckentemperatur – verfliest sind, da. Der Charme der 1970er ist geblieben, von außen erinnert das Bad zwischen 17. und 18. Gemeindebezirk an eine sozialistische Wellnessoase.

Immer wieder schwärmen Schulklassen, die sich während der Wienwoche einen Tag im Freibad gönnen, aus. Während die Lehrer Kästchenschlüssel verteilen, sind die ersten Kinder schon im Wasser oder in der Eisschlange. Auch der Verkehr vom Dreiersprungbrett wird von einem Bademeister geregelt: In sicheren Abständen landen "Arschbomben" und "Seemannsköpfler" im Becken. Man wird angewiesen, schnell wegzuschwimmen.

Ampelphasen

"Ältere Leute gehen nach dem Rutschen manchmal unter und wissen dann nicht mehr, wo oben und unten ist", sagt der Bademeister. Dann "fischt" man sie schnell raus. Auf dem Turm sitzt ein Kollege, der kontrolliert, dass die Ampelphasen eingehalten werden und "keiner dem anderen einirutscht". Bei Rot heißt es warten, bei Grün kann gerutscht werden. Den Kindern ist das wurscht, ein "Ja ja" – und schon durchgeschummelt. Zwei- oder dreimal pro Tag gibt es kleinere Zwischenfälle. Viele davon betreffen Nichtschwimmer, die den Übergang zwischen seichtem und tiefem Bereich unterschätzen.

foto: christian fischer
28 Hektar groß ist die Insel in der Alten Donau, die zur Gänze als Bad genutzt wird. Das Gänsehäufel ist das meistbesuchte Bad Wiens.

"Man muss gut aufpassen, ich hab selber schon rund zehn Leute rausgezogen", erzählt Bademeister Kurt: "Nicht hier, aber auf der Welle." Die "Welle" ist das Wellenbecken im Gänsehäufel: "Kinder unterschätzen die Dauer der Wellen. Es dauert acht Minuten. Da geht die Kraft aus." In Wien können zudem laut Stadtschulrat immer weniger Kinder schwimmen. Im Jahr 2016 wurde von 16.000 Drittklässlern jeder zweite als Nichtschwimmer eingestuft. Vor zehn Jahren lag der Anteil der Nichtschwimmer bei 44 Prozent, 1999 bei 25 Prozent.

Das Gänsehäufel ist eine Wiener Institution. Die 28 Hektar große Insel in der Alten Donau bietet vor allem Platz, zahlreiche Freizeitaktivitäten und einen 1,2 Kilometer langen Strand. Am Eingang parken Golfwagerln, Bademeister, Ersthelfer und Aufseher müssen schnell unterwegs sein – schließlich ist das Strandbad das besucherreichste der 22 Bäder in Wien. 2016 zählte es 429.390 Gäste.

Wegen seiner Größe mauserte sich das Gänsehäufel zu einem kleinem Dorf in der Bundeshauptstadt. Infrastrukturell hat es alles, was man an einem Badetag braucht. Ein Geschäft bietet Badegewand und Schwimmnudeln an, eine Trafik versorgt mit Zeitungen und Zigaretten. In drei Restaurants, einem Café, einem Eissalon und bei einem Bäcker kann man seinen Hunger stillen. Das beliebteste Essen beim Badengehen? Pommes.

Knusprig und salzig

Und die gibt es in Wiens Bädern in Hülle und Fülle. Am besten sollen sie allerdings im Schafbergbad schmecken, wie ein Bub dort erzählt. "Ich kenn mich recht gut aus", sagt der Teenager – die Expertise kommt vom täglichen Verzehr der frittierten Erdäpfel. "Sie sollten außen knusprig sein und genug Salz haben." Wichtig auch die Soße: Am Schafberg kann man zwischen Curry-Ketchup, normalem Ketchup, Mayonnaise und Senf wählen und diese selbst portionieren. Ob zu viel Pommes ungesund sind und auf die Figur schlagen? "Nein, wie man an meinem perfekten Körper sieht", sagt der Street-Food-Connaisseur, während er die Schale vollständig mit Curry überzieht.

Sechs Jahre hat Bademeister Kurt das Wellenbecken, eine der Hauptattraktionen im Gänsehäufel, betreut. Jetzt hat er sich den Kinderstrand verdient – dort ist es ruhiger. Kurt ist quasi im Gänsehäufel aufgewachsen, erst als Gast, dann als Bademeister. Er kenne "jeden Baum". Am Kinderstrand haben auch die Eltern meist ein wachsames Auge auf ihre Kinder. Und: Bojen markieren den abgegrenzten Bereich für Nichtschwimmer. Wagt sich ein Kind zu weit hinaus, pfeift Kurt es zurück.

Am Naturstrand ist da schon wesentlich mehr los. Dort hat Bademeister Peter ein Auge auf die Badegäste, Jugendliche tummeln sich auf dem Steg, manchmal wird es ungestüm. Wenn das Rupfen, Zerren und Stoßen zu wild wird, schreitet Peter ein und pfeift in seine Trillerpfeife: "He! Ruhig!" Die meisten reagieren und lassen voneinander ab. Sonst gibt es einen energischeren Pfiff. "Das Wichtigste in unserem Beruf ist die Kommunikation. Wenn wir nicht mit den Gästen reden, nehmen sie uns nicht wahr und schon gar nicht ernst" weiß Peter über die Anforderungen Bescheid. Das fällt besonders Berufseinsteigern schwer, "nach zwei bis drei Saisonen hat man es aber raus." Das Schwimmen sei demnach gar nicht so wichtig: "Reden bringt da mehr."

Pro Saison sind zwischen 30.000 und 45.000 Kilogramm Chlor in den Städtischen Bädern im Wasser.

Einen guten Überblick brauche man, der Strand in die Donau ist lange. Die Bademeister zählen die Köpfe und im Wasser. Eigentlich bräuchten Sie einen Hochsitz "wie in Miami", damit man den Fluss weiter im Auge hat. Während die Donau chlorfrei ist, werden in den restlichen Wiener Sommerbädern je nach Wetter pro Saison zwischen 30.000 und 45.000 Kilogramm Chlor verwendet, wie Martin Kotinsky, Sprecher der Wiener Bäder, berichtet.

Kabinen werden vererbt

Zwischen den mietbaren Dauerkabinen – den Kabanen – im Inneren der Insel spielen ältere Männer und Frauen Karten. Will man zu den Kabinenbesitzern gehören, braucht man allerdings Geduld: "Manche haben die Kabine über 50 Jahre im eigenen Besitz, und dann vererben sie diese an ihre Kinder", sagt Kurt. Bis zu sechs Jahre steht man auf der Warteliste. Insgesamt stehen in dem Bad 9538 Kabinen, Kästchen und Bettenboxen zur Verfügung.

Im Vergleich zum Gänsehäufel ist das Laaerbergbad unweit des Verteilerkreises Favoriten leichter überblickbar. Beim Eingangsbereich gibt es zwei Drehkreuze, Einzugsgebiet ist vor allem der 10. Bezirk. Kurz vor Badeschluss öffnet das Highlight des Hauptbereichs: Eine rot-weiß gestreifte Kette unterteilt das Sportbecken, und der Sprungturm wird geöffnet. Angestanden wird bis auf die angrenzende Wiese.

foto: apa/herbert neubauer
Am "Zehner" im Laaerbergbad wird kurz vor Badeschluss gesprungen.

Jeden Tag wird erst von drei, dann von fünf und sieben Metern gesprungen. Zu guter Letzt geht es auf den Zehn-Meter-Turm – neben dem im Stadionbad der einzige in den Wiener Sommerbädern. "Schaut von unten nicht so hoch aus wie von oben", warnt Christian Marchart von der Betriebsleitung die Erstspringer. Und: "Lieber nicht am Rücken aufkommen, das ist schmerzhaft."

Wenn sich die Mutigsten auf den "Zehner" wagen, steht das Bad still. Vom Beckenrand gibt es Anfeuerungsrufe, oben schlottern die Knie. Je länger es dauert, desto größer wird der Applaus von unten. Oben gibt es noch den letzten Tipp – einfach geradeaus und nicht hinunterschauen. Der Weg zurück über die Stiege wäre lang und mit ein wenig Scham behaftet. Wenn es alle geschafft haben, gönnt sich ein Bademeister noch einen Köpfler – und eine ordentliche Portion Anerkennung. (Andreas Hagenauer, Oona Kroisleitner, Christian Fischer, 4.7.2017)

foto: christian fischer

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