Rundschau: Von Xeelee und anderen Superwesen

Ansichtssache5. August 2017, 10:00
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foto: penhaligon

George R. R. Martin & Lisa Tuttle: "Sturm über Windhaven"

Klappenbroschur, 448 Seiten, € 15,50, Penhaligon 2017 (Original: "Windhaven", 1981)

Die Rundschau startet diesmal mit einer Wiederveröffentlichung: "Windhaven" wurde auf Deutsch zuletzt Mitte der 80er veröffentlicht und verdankt sein Neuerscheinen natürlich nur der Zugkraft von George R. R. Martins Namen im Fahrwasser von "Game of Thrones". Das schließt ein willkommenes Wiederlesen aber keineswegs aus. Der Roman stammt aus der Zeit, als GRRM noch in Science Fiction machte – wobei die SF der 70er und frühen 80er oft mehr als nur einen Touch Fantasy hatte. Im Mittelpunkt standen dabei Gesellschaftssysteme, die sich den exotischen Umweltbedingungen auf anderen Planeten angepasst haben; gerne waren es Zivilisationen auf niedrigem technologischem Stand. "Windhaven" ist ein Paradebeispiel dafür.

Der Hintergrund: Vor einigen Jahrhunderten ist ein Raumschiff der Menschheit durch einen Unfall auf dem Planeten Windhaven gestrandet. Vom technischen Erbe sind nur die einstigen Hightech-Sonnensegel übriggeblieben – wenn auch portionsweise zurechtgeschnitten. Denn Windhaven ist eine windumtoste Wasserwelt, in deren Meeren sich Plesiosaurier-artige Ungetüme tummeln. Der sicherste Weg, die Verbindung zwischen den verstreuten Inseln aufrechtzuerhalten, auf denen die Nachfahren der Schiffbrüchigen siedeln, führt daher durch die Luft. Zuständig dafür ist die Kaste der Flieger mit ihren seit Generationen weitervererbten Flügeln aus Metallfolie (anders als es das Titelbild suggeriert, dürfen wir sie uns übrigens nicht wie Vogelflügel vorstellen, sondern eher wie die Schwingen eines Pteranodons).

Drei Teile

GRRM hat den Roman 1981 zusammen mit der befreundeten texanischen Autorin Lisa Tuttle geschrieben, deren Werk sich über nahezu alle Subgenres der Phantastik erstreckt; der Großteil davon ist allerdings nie ins Deutsche übersetzt worden. "Windhaven" war ihr erster Roman und basierte ursprünglich auf einer gemeinsamen Novelle Martins und Tuttles, der sie rasch ein Sequel folgen ließen. Schließlich ergänzten sie die beiden Erzählungen mit einem eigens für die Sammelausgabe geschriebenen dritten Teil. Aufgrund dieser Entstehungsgeschichte gliedert sich der Roman in drei durch Zeitsprünge getrennte Abschnitte. Trotzdem ist er schöner in sich abgerundet als so manches Werk, das von Anfang an als Roman konzipiert war. Den übergreifenden Rahmen bilden der Lebensweg der Fliegerin Maris und die von ihr ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen auf Windhaven.

Nachdem wir Maris im Prolog als Mädchen kennengelernt haben, in dem der Traum vom Fliegen geweckt wird, beschreibt die erste Novelle, wie ihr dieser Traum wieder zu entgleiten droht. Als Teenagerin ist sie eine ebenso begeisterte wie talentierte Fliegerin und hofft, die Flügel ihres Adoptivvaters zu erben. Doch verlangt es die Tradition, dass dessen später geborener leiblicher Sohn Coll das Erbe antreten soll – auch wenn sich der in der Luft gar nicht wohl fühlt und viel lieber Sänger wäre. Diese Ungerechtigkeit will Maris aber nicht hinnehmen, und so setzt sie eine Veränderung in Gang, deren Folgen sich durch den gesamten weiteren Band ziehen werden.

Könnte man diese Erzählung noch als klassische YA-Fantasy qualifizieren (inklusive der Botschaften von Versöhnlichkeit und Du-kannst-alles-erreichen-wenn-du-nur-wirklich-willst), so fallen die darauf folgenden Teile spürbar erwachsener aus – entsprechend Maris' Älterwerden.

Das Ende der Unschuld

In der zweiten Novelle, sieben Jahre nach der ersten angesiedelt, baut sich ein Konflikt zwischen den althergebrachten Flieger-Familien und den AbsolventInnen der neuen Akademien auf, in denen nun auch Landgebundene das Fliegen erlernen können. Um Flügel dauerhaft besitzen zu dürfen, muss ein solcher Emporkömmling aber erst mal jemanden aus dem Flieger-Erbadel in einem Wettbewerb schlagen. Diesen Konflikt setzen Martin und Tuttle in einer Reihe interessanter Personenkonstellationen um: allen voran das Dilemma Maris', die für eine solche Akademie arbeitet und nun damit zu kämpfen hat, dass sie Mitschuld trägt, wenn einer ihrer alten Fliegerfreunde seine Flügel an einen ihrer Schützlinge verlieren sollte. Denn niemand würde freiwillig auf seine Flügel verzichten: Der Roman hält sich mit Beschreibungen der planetaren Umwelt zurück, widmet sich dafür aber umso ausführlicher dem Gefühl des Fliegens, um die Sehnsucht der ProtagonistInnen nach dem Leben in der Luft spürbar werden zu lassen.

Im melancholischen dritten Teil schließt sich dann der Kreis. Maris ist inzwischen alt und nach einem Absturz nicht mehr in der Lage zu fliegen. Zudem hat sich die Lage auf Windhaven zugespitzt: Der Konflikt zwischen alten und neuen Fliegern wächst und einer der Inselherrscher ist drauf und dran, einen Krieg vom Zaun zu brechen. Ein letztes Mal wird Maris' Kraft, die Geschichte in neue Bahnen zu lenken, gebraucht. An dieser Stelle wird man sich vielleicht an ein Gespräch aus der ersten Novelle zurückerinnern: "Gut, dass ich ein Sänger bin, sonst gingen wir als die größten Verbrecher in die Geschichte Amberlys ein." "Und wie soll uns dein Sängerdasein davor schützen?" "Wer, denkst du, schreibt die Lieder? Ich werde uns zu Helden machen." Beispielhaft dafür, wie durchdacht konstruiert "Windhaven" trotz seiner Entstehung aus Einzelteilen ist, zieht sich nämlich auch das Motiv vom Kampf um die Deutungshoheit durch den ganzen Roman, vom unbeschwerten Anfang bis zum wunderbar beschriebenen Ende.

Wirklich eine sehr schöne Wiederentdeckung! Nun aber geht es weiter mit aktuellen Büchern. Und mit dem ersten springen wir von der gefühlvollen Science Fantasy ins kalte Wasser der Hard SF.

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