"Jede Technologie schafft neue Probleme"

3. Juli 2017, 12:12
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Britischer Top-Anwalt: Computer werden das Anwaltsgeschäft nicht einschränken, auch wenn Legal Tech eine Herausforderung sei

Wien – Der Robo-Anwalt ist derzeit noch Zukunftsvision. Aber große Wirtschaftsanwaltskanzleien rüsten bereits für die Zeit, in der intelligente Computer immer mehr Arbeiten erledigen, die derzeit von juristischen Köpfen bewältigt werden.

Legal Tech ist eine Herausforderung, aber keine Gefahr für die Branche, sagt Edward Braham, Senior Partner der internationalen Sozietät Freshfields. Wichtig sei es, die Aufgaben zwischen Mensch und Maschine richtig aufzuteilen, so Graham, der vor kurzem bei einer kanzleiinternen CEE-Konferenz in Wien sprach.

Frühere Erfahrungen

"Was wir Urteilsvermögen nennen, beruht zum Großteil auf früheren Erfahrungen, und die kann ein Computer viel besser verarbeiten als jeder Mensch", sagt Braham im STANDARD-Gespräch. Ein Computer könne etwa aus den gesammelten Sprüchen eines Richters in einem spezifischen Gebiet voraussagen, wie dieser in einem aktuellen Fall entscheiden wird.

Aber wenn es um kreative Lösungen geht oder um die Frage, wie Richter oder Klienten in komplexen Situationen reagieren werden, werde Menschenverstand weiterhin benötigt, betont er. Das gelte umso mehr für die soziale Seite des Geschäfts. Braham: "Wir Anwälte sind halt viel lustiger als der durchschnittliche Computer."

Beispiel Blockchain

Trotz steigender Produktivität und schnelleren Lösungen durch den technischen Fortschritt erwartet Braham nicht weniger Nachfrage nach Anwaltsstunden. Denn "jede Technologie, die Probleme löst, schafft auch neue Probleme", sagt er und verweist etwa auf die vielversprechende Blockchain-Technologie, auf der die Kryptowährung Bitcoin basiert. "Und diese Probleme zu lösen ist unser Geschäft."

Die Kosten für neue Hardware und Softwaresysteme seien für große Kanzleien verkraftbar; problematischer sei das menschliche Know-how, das dafür benötigt werde. Braham: "Das kostet Mitarbeiter viel Zeit, die sonst mit juristischer Arbeit verbracht werden könnte."

Cybersecurity

Was kann eine Kanzlei tun, um sich auf diese Entwicklungen vorzubereiten? Braham: "Wir müssen experimentieren, um herauszufinden, was wirklich machbar ist." Auf die Versprechungen der IT-Anbieter dürfe man sich dabei nicht verlassen.

Eine besondere Herausforderung ist Cybersecurity. Kanzleien mit all ihren Daten waren zuletzt häufig Zielscheibe von Hackern, etwa im Fall der Panama Papers. Braham: "Das ist eine Sorge für jeden, und weder eine Regierung noch eine bescheidene Kanzlei kann sich je sicher fühlen. Wir können nur alles tun, was möglich ist, und hoffen, dass es reicht." (Eric Frey, 3.7.2017)

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    foto: apa/dpa/friso gentsch
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