Kritik an sinkender Entschädigung der Heimopfer in Tirol

3. Juli 2017, 06:00
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Die Frage ist, wieso die Kommission des Landes auffallend weniger Geld zuerkennt als die Kirche

Innsbruck – Tirol war bis vor wenigen Jahren noch Vorreiter, wenn es um die Entschädigung von Heimopfern ging. Doch unter der Ägide der grünen Soziallandesrätin Christine Baur sind die zugestandenen Geldbeträge eklatant geschrumpft. Mittlerweile speist man Menschen, die in Landeseinrichtungen zum Opfer von Gewalt wurden, mit Beträgen von deutlich weniger als 5000 Euro ab, die 2010 als absolute Untergrenze vereinbart worden war.

Warum man seitens des Landes nicht bereit ist, angemessene Entschädigungssummen für das erlittene Leid zu zahlen, begründet Baur im Gespräch mit dem STANDARD so: "Das hat erstens etwas mit Geld zu tun. Zweitens müsste ich dann alles nochmal aufrollen. Und es gibt auch ganz viele, die gern hätten, dass jetzt einmal Ruhe ist."

"Hat mit Baur zu tun"

Diese Erklärung wirft zahlreiche Fragen auf: Baur behauptet wiederholt, man müsse die Fälle neu aufrollen, wenn man höhere Summen zuerkennt. Doch das stimmt nur bedingt. Denn unter ihrem Vorgänger, dem damaligen SPÖ-Landesrat Gerhard Reheis, wurden noch deutlich höhere Beträge ausbezahlt.

Das bestätigt auch Historiker Horst Schreiber, der den Heimskandal in Tirol als Erster aufgedeckt hatte und Mitglied der 2010 eingesetzten ersten Expertenkommission war: "Unter Baurs Führung sind plötzlich in hohem Maße Zahlungen getätigt worden, die unter 5000 Euro liegen. Das hat mit ihr und mit der von ihr eingesetzten Kommission zu tun." So sitzt neben einer Amtsärztin und einem Psychiater der ehemalige Tiroler Rechnungshofchef Klaus Mayramhof in dieser neuen Kommission. "Das zeigt, welcher Wind hier weht", sagt Schreiber.

Andere Kommissionen zahlen deutlich mehr

Wenn Baur behauptet, Geld spiele eine Rolle, dann stellt sich die Frage, wie unabhängig die Expertenkommission arbeitet, auf deren Empfehlung hin die Entschädigungen ausbezahlt werden. Denn es ist auffällig, dass sie deutlich weniger Geld zuerkennt als andere Kommissionen. Dabei wurde 2010 von der Landesregierung beschlossen, sich an der Klasnic-Kommission zu orientieren, die zwischen 5000 und 25.000 Euro zahlte.

In Tirol wurden bisher 409 Personen mit insgesamt 2,39 Millionen Euro entschädigt. Das entspricht einem Durchschnitt von 5800 Euro. Dabei ist zu bedenken, dass eben unter Baurs Vorgänger höhere Summen gezahlt wurden.

Im Vergleich dazu hat die Klasnic-Kommission bisher 1647 Personen mit 24 Millionen Euro entschädigt – ein Durchschnitt von 14.600 Euro. Die Stadt Innsbruck, die eine eigene Kommission eingesetzt hat, der auch Schreiber angehört, zahlte bisher 1,9 Millionen Euro an 136 Opfer – das sind durchschnittlich 14.000 Euro.

"Sind 15.000 Euro genug?"

Dass diese Entschädigungspraxis vor allem unter den Betroffenen für Kritik sorgt, relativiert Baur: "Das ist nicht durchgängig so. Es gibt auch Menschen, die es toll finden, dass sie überhaupt etwas kriegen." Zudem stelle sich für sie die Frage: "Wo setzt man an? Sind 15.000 Euro genug?" Sie beharrt auf dem Standpunkt, sich politisch entschieden zu haben, die Fälle nicht noch einmal aufzurollen. Zugleich weigert sich Baur, bei den anhängigen Prozessen, die einige ehemalige Heimopfer wegen der geringen Entschädigungsleistungen angestrengt haben, auf die Verjährung zu verzichten.

Für Historiker Schreiber, der nach wie vor mit zahlreichen ehemaligen Opfern engen Kontakt pflegt, ein Affront: "Für eine Soziallandesrätin ein sehr unempathischer Umgang mit Menschen." (Steffen Arora, 3.7.2007)

  • Das sozialpädagogische Zentrum St. Martin in Schwaz war einer von vielen Schauplätzen grausamer Übergriffe auf Heimkinder.
    foto: apa / robert parigger

    Das sozialpädagogische Zentrum St. Martin in Schwaz war einer von vielen Schauplätzen grausamer Übergriffe auf Heimkinder.

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