"Die Gezeichneten": Im Club der dekadenten Mäuse

3. Juli 2017, 13:00
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Franz Schrekers Oper in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski in München

Wenn man vor die Wahl gestellt wird, einen Sommerabend in München oder in Paris zu verbringen, dürfte viel für die Seine-Metropole sprechen. Statt bayerischer Sperrstunde und einem schnellen Late-Night-Döner-Dinner gäbe es wunderbare Nachtcafés oder Spaß im Cabaret. Für den Opernfan ist Paris zwar auch immer eine Reise wert, doch die Sache hat einen Haken. Das Pariser Opernpublikum teilt Unmut gern auch während der Aufführungen mit.

In München blieb man gesittet, nur am Ende machten einige ihrem Unmut Luft. Dabei kommt Krzysztof Warlikowski (der in Paris mit seinem Parsifal einst Unmut erregte) Schrekers Gezeichneten sehr nahe, gerade da er sich von diesen mittels künstlich-kunstvoller Ästhetik – scheinbar – entfernt. Die Dreiecksgeschichte um den missgebildeten Alviano, seinen schönen Widersacher Graf Tamare und Carlotta, die Alviano zeitweise zu lieben scheint, später aber doch dem Grafen verfällt, wird einfühlsam erzählt.

Meditative Personenführung

Alviano hat sich auf einer Insel vor Genua ein dekadentes Refugium geschaffen, hier feiert der Adel grässliche Feste. Frauen werden verschleppt und missbraucht, bis es Alviano zu viel wird. Er will die Insel der Stadt schenken. Konflikte und Machtspielchen interessieren die Regie am Rande. Mit fast meditativer Personenführung zeichnet er die selbst gezeichneten Figuren. Die Insel ist ein Gentlemen's Club, in dem androgyne Wesen umherschwirren und wo bis aufs Blut geboxt wird (echter Ring!).

Mehr und mehr verschwimmen die Ebenen, die Charaktere erscheinen als Tiere, bis ein Rudel Mäuse vor einer Leinwand sitzt und sich alte Stummfilme rund um Golem oder Frankenstein ansieht. Das schöne Mädchen und die Bestie, dieses Grunddrama variiert die Inszenierung vielfältig. Dazu kommen Bezüge aus der bildenden Kunst, etwa Marina Abramovic mit ihrer Aktion The artist is present – hier sitzen einander zwei Menschen hochkonzentriert gegenüber – oder David LaChapelles Lonely Doll, das Bild einer ältlichen Stripperin.

Hohe Dekadenz-Kompetenz

Warlikowski beweist hohe Dekadenz-Kompetenz und kreiert eine düstere, zeitlupenartige Revue reich an intelligenten Details und verstörenden Wendungen. Zu Beginn des dritten Akts sitzt der sonst wunderbar singende John Daszak alias Alviano im Sessel, raucht und rezitiert eine Selbstbeschreibung Schrekers, während neben ihm eine Animierdame müde ihre Hüften schwingt. Der Text, die Oper und die Inszenierung sind durchzogen von einem Mix aus Selbstbewusstsein, Zweifel und Brüchigkeit.

Auch die Musik verbindet Klangräusche und Farbfeuerwerke mit abgründigen Schärfen. Ingo Metzmacher gelingt beim Debüt an der Staatsoper alles. Präzises Blech, penibel gestaffelte Streicher, überwältigende Tutti – ein Meisterstück! Die mehr als dreißig Partien sind toll besetzt. Catherine Naglestad zeigt Carlotta eindrucksvoll als zwischen Geilheit, Mitleid und Trauer um den Grafen Schwankende. Letzteren gibt Christopher Maltman mit bösem, starkem Bariton. Der hilft ihm nichts, denn Alviano tötet den Grafen und sackt dann zusammen, während eine bedrohliche Video-Sonne aufgeht. (Jörn Florian Fuchs, 3.7.2017)

  • Regisseur Krzysztof Warlikowski kam mit abstrakter Ästhetik Franz Schrekers vor rund 100 Jahren uraufgeführter Oper sehr nahe.
    foto: wilfried hösl

    Regisseur Krzysztof Warlikowski kam mit abstrakter Ästhetik Franz Schrekers vor rund 100 Jahren uraufgeführter Oper sehr nahe.

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