"Baumeister Solness" in Reichenau: Der tolle Kartenhäusler

    2. Juli 2017, 17:38
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    Nicht ganz gelungen ist die Inszenierung von Henrik Ibsens Stück bei den Reichenauer Festspielen

    Reichenau/Rax – Der unternehmende Geist des Architekten Solness hat die Sache des skandinavischen Wohnbaus ungemein befördert. Auf der Bühne sieht man die Umrisslinien formschöner Fachwerkhäuser abgebildet. Nur mit der Idee der Nachhaltigkeit braucht man Henrik Ibsens alterndem Dramenhelden ganz bestimmt nicht zu kommen.

    Ausstatter und Festspielintendant Peter Loidolt hat zusätzlich aus ein paar schwarzen Brettern das Fragment eines Kartenhauses errichtet. Ein böser Hauch des Schicksals, schon liegen die Ibsen'schen Lügengebäude in Trümmern. Baumeister Solness (1892) enthält die mit Alterserotik überwürzte Resignationserklärung des Dichters. Architektur meint hier: Die Gründerfiguren (und Ausbeuter) des 19. Jahrhunderts errichten hohe phallische Türme – vor allem, um der eigenen, maßlos übersteigerten Egozentrik zu schmeicheln.

    Von Selbstzweifeln zernagt

    Solness erinnert somit auch an Richard Wagners Göttervater Wotan: Jeder Schritt verstrickt ihn tiefer in schlechte Gewohnheiten und Abhängigkeiten. Federnden Schrittes betritt Solness (Joseph Lorenz) sein Atelier. Bürogehilfin (Elisa Seydel) schmiegt er sich von hinten an, den übrigen Schreib- und Zeichenkräften begegnet er dafür forsch und unduldsam.

    Innerlich wird Solness von Selbstzweifeln zernagt. Das alte Herrenhaus seiner Gattin Aline (Julia von Sell) fiel einem Brand zum Opfer, die beiden Kinder starben kurz darauf. Das Solness'sche Binnenklima besteht: aus Verdrängung, Gereiztheit und Selbstmitleid. Dem Großfeuer verdankt Solness seine Berufung zum Baukünstler. Das Unglück hat nur leider auch die eheliche Empathie zerstört. Aline bewirtschaftet ihr Trauma wie eine kindliche Marotte. Man gewahrt mit leiser Verzückung die vielen, in den oberen Registern aufgeweichten Verführertöne, über die Lorenz im Überfluss verfügt.

    Grauer Salonlöwe

    Er gibt – in eigener Regie! – den grauen Salonlöwen, der, wenn man ihn ließe, sich gern wieder in einen anständigen Happen frischen Fleisches verbisse. Die Zeit, bis die junge Hilde Wangel (Alma Hasun) bei ihm hereinschneit, überbrückt er mit kleinen Gemeinheiten. Er kaut auf Bleistiften herum und überschüttet sein todkrankes Helferlein Brovik (Hans Dieter Knebel) mit Proben arroganter Infamie. Das Auftauchen Hildes markiert das eigentliche Rätsel: Hat Solness sie vor zehn Jahren, als sie gerade einmal zwölf Lenze zählte, schnöde verführt?

    Leider Gottes hält sich Lorenz', freundlich gesprochen: geradlinige Inszenierung mit einer tiefergehenden Erörterung von Ibsens Rätsel nicht auf. Hilde umgaukelt ihren Baumeister wie ein erotischer Schmetterling, während sich der Mann plötzlich zu Selbstbekenntnissen hingerissen fühlt. Lorenz erledigt seine zweifache Aufgabe anständig: Er belässt alles dort, wo es im Reclam-Heft zirka verzeichnet steht. Sein Solness gehört auch nicht nach Spitzbergen oder Lysanger, sondern nach Baden bei Wien. Dort müsste er auch nicht auf viel zu hohe Türme klettern und sich den Hals brechen. Er könnte seelenruhig einen Fähnrich über den Haufen schießen. Lorenz ist und bleibt eine Karyatide der Festspiele.

    Er sollte nur (noch) mehr spielen und vielleicht weniger inszenieren. Herzlicher Applaus. (Ronald Pohl, 3.7.2017)

    • Verdrängung und Gereiztheit: Joseph Lorenz als Solness.
      foto: dimo dimov

      Verdrängung und Gereiztheit: Joseph Lorenz als Solness.

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