Energieexperte: "Auch bei Kohle ist Fördermaximum überschritten"

3. Juli 2017, 11:00
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Energieexperte Werner Zittel sieht den Gipfel bei der Kohleproduktion, bei der konventionellen Ölförderung und beim CO2-Ausstoß überschritten

Der nahe München lebende Werner Zittel hat sich viele Jahre mit Peak Oil beschäftigt, der Theorie, wonach beim endlichen Rohstoff Öl irgendwann das Fördermaximum erreicht sein wird. Ab dann gehe die Produktion unwiderruflich zurück. Ob dieser Zeitpunkt bereits erreicht ist oder erst noch bevorsteht, ist umstritten. In den USA schien dieser Zeitpunkt erreicht, bis mittels Frackings in Schiefergestein gebundene Kohlenwasserstoffe plötzlich wirtschaftlich erschlossen werden konnten – die Ölproduktion in den USA stieg wieder an. Zittel konzediert, er habe unterschätzt, wie schnell nichtkonventionelle Öle ausgebaut werden könnten, hält Hydraulic Fracturing, kurz Fracking (von Englisch: to fracture = aufbrechen) aber für überschätzt.

STANDARD: Sie haben schon 2012 gesagt, Peak Oil, das Fördermaximum bei Erdöl, sei erreicht. Waren Sie damals zu voreilig?

Zittel: Von den Fakten her gibt es nichts zu korrigieren. Die Ölförderung wird schwieriger, die konventionelle Ölproduktion hat seit 2005 nachgelassen. Unterschätzt habe ich, wie schnell nichtkonventionelle Öle ausgebaut werden.

STANDARD: Mittels Fracking, einer Fördertechnik, bei der mit einem Wasser-, Sand- und Chemiegemisch Kohlenwasserstoffe aus festen Gesteinsschichten gepresst werden?

Zittel: Wobei man sehen muss, dass Fracking nur in den USA Erfolg hat, fast nirgendwo sonst. Aber der Effekt war stark genug. Zudem ist die Nachfrage nach Öl weniger stark gestiegen.

STANDARD: Wegen der Konjunktur?

Zittel: Die Wirtschaft hat geschwächelt, auch eine Folge von Peak Oil, wie ich meine.

STANDARD: Unter Präsident George Bush wurden Umweltauflagen gelockert.

Zittel: Das hat Fracking zusätzlich gepusht. Seit 2010 ist der Welthandel nicht mehr gestiegen. Das sehe ich auch als starken Indikator, dass etwas nicht mehr stimmt.

STANDARD: Mittels Fracking wurde die Produktion rasant gesteigert?

Zittel: Alles, was in den USA zuletzt passiert ist, war stark schuldengetrieben. Dass es einzelne Frackingfirmen noch gibt, hat mit den Spielregeln dort zu tun. Solange die Liquidität stimmt, haben sie eine Chance. Sie müssen einen Kreditgeber finden, der eine Wette auf die Zukunft eingeht.

STANDARD: Das Kalkül von Saudi-Arabien, durch billige Ölpreise die unliebsame US-Konkurrenz aus dem Markt zu drängen, scheint aber nicht aufzugehen?

Zittel: Ich bin nicht sicher, ob das so kalkuliert war. Ich glaube, das passiert einfach, man schlittert hinein. Nüchtern betrachtet: Warum sollte Saudi-Arabien die Förderung reduzieren? Damit die US-Konkurrenz gute Preise bekommt? Dazu gibt es keinen Grund. Und es gibt keine Garantie, dass der Preis um y Prozent steigt, wenn ich die Produktion um x Prozent senke.

STANDARD: Mittelfristig scheint der Zug weg von fossilen Brennstoffen abgefahren?

Zittel: Das trifft auf alle fossilen Energieträger zu. Bei Kohle haben wir vermutlich ebenfalls den Peak überschritten. Die Hälfte der Förderung und des Verbrauchs von Kohle liegt in China. Das Land hat begonnen, umzudenken und die Spielregeln zu ändern. Das hat unter anderem dazu geführt, dass das Pariser Klimaabkommen völkerrechtlich verbindlich wurde. China fungiert als Treiber, während sich die USA unter Präsident Donald Trump ausklinken wollen.

STANDARD: China wird möglicherweise mit Europa die Führungsrolle im Klimaschutz übernehmen?

Zittel: Das finde ich spannend. Es ist dumm von Trump, er kickt sich selbst raus. Jetzt kann sich China als Saubernation hinstellen und Tempo und Inhalte vorgeben. China wird bald der weltgrößte Markt sein, und jeder, der sich im energiepolitischen Kontext oder wirtschaftspolitisch nicht daran orientiert, wird ein Problem haben. "America first" wird da nicht allzu viel helfen.

STANDARD: Ein Bremsblock bei den erneuerbaren Energien scheinen die Speichermöglichkeiten zu sein.

Zittel: Die muss man halt ausbauen. Es ist ja nicht so, dass man nicht wüsste, was zu tun ist.

STANDARD: Es wird aber oft als Argument benutzt zu sagen, wir brauchen Gas als Brückentechnologie?

Zittel: Wenn man mehr volatile Energie im System hat, muss man mehr Speichermöglichkeiten schaffen oder die Laststeuerung besser koordinieren.

STANDARD: Wissen das die politisch Verantwortlichen auch?

Zittel: Ich denke schon. In Deutschland gab es Ende der 1980er-Jahre eine Enquete-Kommission zum Thema Wasserstoff. Eines der Ergebnisse war, dass Wasserstoff als Speichermedium kommen muss, wenn der Anteil der fluktuierenden Energieträger über zirka 25 Prozent geht, weil es sonst zunehmend kritisch wird. Jetzt haben wir diesen Punkt erreicht.

STANDARD: Damals hat man das offenbar dramatischer gesehen?

Zittel: Neue Technologien haben dazu beigetragen, dass man den Zeitpunkt etwas hinausschieben kann. Aber das Problem bleibt: Je größer der Anteil erneuerbarer Energien ist, umso mehr Speichermöglichkeiten muss ich schaffen und zusehen, dass ich das alles schön verteilen kann.

STANDARD: Ein Versäumnis der Politik?

Zittel: Ja. Wie bei der Autoindustrie, ein bewusstes Versäumen. Die etablierte Energiewirtschaft hat das nicht sehen wollen, weil das zunächst Kosten verursacht. Infrastruktur auszubauen rechnet sich nicht sofort. Aber der Zug ist insofern abgefahren, als in Asien viel läuft. In China, aber auch in Indien ist es inzwischen so, dass selbst ein abgeschriebenes Kohlekraftwerk teurer ist als neue Fotovoltaik- oder Windkraftanlagen.

STANDARD: Wo sind in Europa die treibenden Kräfte, wenn es um erneuerbare Energien geht?

Zittel: Sehr stark bei den Kommunen, aber auch bei den Investoren. Die Kohlepolitik in Deutschland ist ein großer Hemmschuh. Ich denke aber, dass wir nicht bis 2040 an der Kohle festhalten, sondern schneller aussteigen. Deutschland wird sich nicht abkoppeln können von den Trends in Asien.

STANDARD: Und der Kurs weg von der Kohle ist in China Mainstream?

Zittel: Die Politik hat sich insofern geändert, als sich die Zentralregierung von der Kohlelobby losgesagt hat. Peking ist in Konfrontation mit der Kohleindustrie, das ist neu. Im letzten Fünfjahresplan wurde festgemacht, was Zukunftstechnologien sind. Kohle war nicht dabei, sie wurde zur Problemindustrie erklärt.

STANDARD: Die Probleme sind in China gewaltig, was Umweltverschmutzung betrifft.

Zittel: Die müssen was tun, das wissen sie. Und dann ist es oft so in China: Wenn die was machen, wollen sie Weltmarktführer werden. Wer hat die strengsten Umweltvorschriften, die strengsten Normen bei Kohlekraftwerken? Gut, machen wir doppelt so streng, heißt es. Das ist mit ein Grund, warum dort kaum noch neue Kohlekraftwerke gebaut werden.

STANDARD: Könnte das ein Momentum sein, das die globale Entwicklung bestimmt?

Zittel: Da bin ich sicher. Optimistisch würde ich sogar sagen, wir sind jetzt bei Peak-CO2-Emissionen. Und wenn die europäische Autoindustrie den Umstieg nicht schnell genug schafft, wird sie deutlich reduziert werden, Asien wird den Marschplan vorgeben. Von daher kann man optimistisch sein, was den Strukturwandel betrifft. Was aber nicht heißt, dass es keine Rückschläge geben wird. (Günther Strobl, 3.7.2017)

Werner Zittel (62) ist Vorstand der Ludwig-Bölkow-Stiftung für Nachhaltigkeitsfragen und Mitglied der Energy Watch Group, eines internationalen Netzwerks von Energiewissenschaftlern. Zittel, der in der Nähe von München lebt, war auf Einladung des Österreichischen Biomasseverbands in Wien.

  • Vor dem Gipfel der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) ab Freitag in Hamburg verstärken Umweltgruppen ihre Forderung nach einem baldigen Ausstieg aus der schmutzigen Kohle.
    foto: reuters

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  • "Unterschätzt habe ich, wie schnell unkonventionelle Öle ausgebaut werden": Energieexperte Werner Zittel.
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    "Unterschätzt habe ich, wie schnell unkonventionelle Öle ausgebaut werden": Energieexperte Werner Zittel.

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