Neue Kurz-Stellvertreterin Glatz-Kremsner strebt kein Ministeramt an

2. Juli 2017, 14:11
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Kritik an gescheiterten Sozialpartnerverhandlungen – Arbeitszeitflexibilisierung Thema für nächste Regierung – Kurz bei Flüchtlingspolitik "gar nicht im rechten Eck"

Wien – Bettina Glatz-Kremsner (54), neue Stellvertreterin von ÖVP-Parteichef Sebastian Kurz, kritisiert das Sozialpartner-Verhandlungsergebnis zu Mindestlohn und Arbeitszeitflexibilisierung. Dass man sich nach monatelangen Gesprächen auf einen Mindestlohn, nicht aber auf flexiblere Arbeitszeiten einigen konnte, sei bedauerlich. Ein Ministeramt strebt Glatz-Kremsner nicht an, sagte sie im APA-Interview.

Die Unternehmerseite hätte ihre Verantwortung beim 1.500 Euro-Mindestlohn wahrgenommen. "Dass der zweite Teil, nämlich die Flexibilisierung der Arbeitszeit nicht gelungen ist, bedaure ich nicht nur aus Unternehmersicht, sondern auch aus Arbeitnehmersicht. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter absoluten Wert auf Arbeitszeitflexibilisierung legen", erklärte Glatz-Kremsner, die Finanzvorstand der Casinos Austria und Österreichischen Lotterien ist und beim Energieversorger EVN und Flughafen Wien im Aufsichtsrat sitzt.

"Wir sind im 21. Jahrhundert, und man muss sich eben auch an geänderte Rahmenbedingungen anpassen, und das wäre die Arbeitszeitflexibilisierung", meinte sie in Richtung Sozialpartner, insbesondere der dort tätigen Arbeitnehmervertreter. "Die Sozialpartnerschaft hat in der Vergangenheit unglaublich viel gemeinsam weiter gebracht, da tut es mir ehrlich leid, dass dieser zweite Schritt nicht gelungen ist. Das ist schade für den Standort Österreich."

Steuern als Wahlkampfthema

Die nächste Regierung sollte das Thema – Sozialpartner hin oder her – jedenfalls aufnehmen und umsetzen. "Das wird mein Rat sein. Das ist eine ganz wesentliche Komponente für den Wirtschaftsstandort Österreich." Als weitere wichtige Punkte für die Regierungsarbeit der kommenden Jahre nennt Glatz-Kremsner die Senkung der Steuer- und Abgabenquote, wie sie ÖVP-Obmann Kurz plant und die seine Stellvertreterin für "natürlich machbar" hält, Bürokratieabbau sowie die Eindämmung von Überregulierung.

"Das sind die wesentlichen Schritte dazu, dass Österreich wieder eine Topplatzierung in der Wirtschaft erreichen kann", meinte Glatz-Kremser. Neben der Wirtschaft sei ihr die Förderung von Frauen ein Anliegen. Hier brauche es Maßnahmen, damit es mehr Frauen in Spitzenpositionen schaffen. Die gerade im Parlament beschlossene Frauenquote für Aufsichtsräte sei dabei ein Schritt in die richtige Richtung. "Wir sehen, dass aufgrund von Freiwilligkeit allein in den letzten Jahren relativ wenig weitergegangen ist", so die Managerin. "Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, jede Frau muss Karriere machen, aber wenn eine Frau das Potenzial hat und selber auch will, muss die Politik die Rahmenbedingungen schaffen."

"Kurz zeigt auf, was machbar"

Kurz' Flüchtlingspolitik trägt Glatz-Kremsner mit. Kritik daran – Kurz selbst meinte am Parteitag, dass man beim Thema Migration gleich mal als Rechter abgetan werde – kann sie nicht nachvollziehen. "Kurz hat das Thema Integration erst auf eine sachliche Ebene gebracht. Ich weiß, wie wichtig ihm der Mensch ist und wie stark der Mensch bei ihm im Mittelpunkt steht. Deshalb sehe ich ihn gar nicht im rechten Eck. Kurz zeigt auf, was machbar ist und was nicht machbar ist, und es ist wichtig für diese Land, dass man auch Grenzen aufzeigt und sagt, irgendwann einmal wird es nicht mehr gehen, und das macht Kurz."

Bei der niederösterreichischen Landtagswahl 2013 leitete Glatz-Kremsner das Personenkomitee für Landeshauptmann Erwin Pröll. Ihr aktuelles politisches Engagement begründete sie mit dem politischen Stil von Sebastian Kurz. Dieser stehe für "offene Türen", Dialog und Veränderung. Sie kenne Kurz seit seinen Anfängen als Integrationsstaatssekretär. "Es hat mich fasziniert, dass er jemanden gefragt hat, der ein absoluter Quereinsteiger ist, und wo es nicht Thema war, ob man ÖVP-Mitglied ist oder nicht, sondern wer kann etwas beitragen", so Glatz-Kremnser, die vor ihrer Wahl zur Parteiobmann-Stellvertreterin noch Parteimitglied der ÖVP wurde. Am Parteitag am Samstag erhielt sie 98,1 Prozent Zustimmung.

Kein Wechsel in Regierung geplant

Einen völligen Wechsel in die Politik schließt die Managerin aber aus. Weder strebt sie einen Platz auf der Liste der "Bewegung Kurz" noch ein Ministeramt an. "Nein, das ist für mich gar kein Thema. Meine erste Priorität sind die Casinos und die Lotterien, wo ich seit 27 Jahren tätig bin. Diese Unternehmensgruppe ist mir sehr ans Herz gewachsen." Einen Interessenskonflikt zwischen ihrer Managerposition in einem teilstaatlichen Betrieb und ihrem neuen Amt in der Partei sieht Glatz-Kremsner nicht. "Die Position des stellvertretenden Parteiobmanns ist ein Ehrenamt. Da sehe ich eigentlich überhaupt keine Kollision."

Für die Politik wünscht sich Glatz-Kremsner einen neuen Umgang. "Ich war selbst immer eine Kritikerin des alten Stils. Ich habe gesagt, es kann nicht so weitergehen, dass man einander immer nur schlecht macht, dass das Glas immer nur halb leer ist, dass man herumzaudert. Bei Sebastian Kurz hat mich auch fasziniert, dass er den Mut hat, die Dinge auch wirklich anzusprechen. Ich glaube, dass die Wählerinnen und Wähler viel an Wahrheit vertragen. Viktor Frankl hat einmal gesagt, wenn die Menschen das Warum verstehen, dann ist jedes Wie erträglich. Ich glaube darum geht's." (APA. 2.7. 2017)

  • Bettina Glatz-Kremsner und Sebastian Kurz am Samstag in Linz.
    foto: apa/hans punz

    Bettina Glatz-Kremsner und Sebastian Kurz am Samstag in Linz.

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