World Pride: Madrid ist Schauplatz des weltweiten Stolzes

30. Juni 2017, 16:58
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Die spanische Hauptstadt feiert tagelang die Toleranz gegenüber homosexuellen sowie trans-, bi- und intersexuellen Menschen – unter strengeren Sicherheitsauflagen

Madrids Ampeln verkünden es seit Wochen. Die spanische Hauptstadt ist Gastgeber der diesjährigen LGTBI World Pride – des festlichen Wochenendes für die rechtliche Gleichstellung Homosexueller beiderlei Geschlechter, Trans-, Bi- und Intersexueller. Rote Männchen, grüne Frauchen, Hetero- und Homopärchen leuchten an den Fußgängerüberwegen. "Egal wen du liebst. Madrid liebt dich" heißt das Motto, das die Ampeln unterstreichen sollen. Mehr als zwei Millionen Menschen aus aller Welt sind angereist. Am Samstag wird ein Umzug mit Dutzenden von Karossen Madrids Innenstadt in ein buntes, tolerantes Menschenmeer verwandeln.

foto: afp photo / gerard julien
Seit Wochen bereitet sich die spanische Hauptstadt auf die rund zwei Millionen Besucher der World Pride in Madrid vor.

Madrid, Stadt der Liebe

Vom Rathaus hängt eine übergroße Regenbogenfahne, das Symbol der LGTBI-Bewegung. Bürger aus Madrid, Touristen und Prominente haben sie in den vergangenen Monaten handgeknüpft. Die Idee dafür stammt von der in Madrid regierenden Bürgerliste Ahora Madrid rund um die junge Protestpartei Podemos und die unabhängige Bürgermeisterin Manuela Carmena. "Es ist das erste Mal, dass die Bürger eine Fahne aus mehr als 100.000 Bändchen selbst geknüpft haben. Das zeigt, wie sehr die Stadtverwaltung die Menschen zusammenführt", erklärt die 73-jährige ehemalige Richterin stolz. "Madrid, Stadt der Liebe" taufte Carmena die spanische Metropole für das World-Pride-Wochenende. Um den Namen hat sie förmlich bei ihrer Kollegin in Paris angefragt. Die dortige Bürgermeisterin Ana Hidalgo, Tochter spanischer Auswanderer, hat dem stattgegeben.

Für die Spanier ist es ein ganz besonderer "Orgullo" ("Stolz") – wie der Christopher Street Day hier genannt wird. Vor genau 40 Jahren gingen Spaniens Schwulen und Lesben in Barcelona erstmals für ihre Rechte auf die Straße. Diktator Francisco Franco war noch keine zwei Jahre tot. Homosexualität wurde noch immer als "soziale Gefahr" per Gesetz verfolgt. Hunderte hatten das Gefängnis von innen kennengelernt. Seither ist viel geschehen. Nach und nach erreichten die Homosexuellen ihre rechtliche Gleichstellung. Das katholische Spanien war 2005 eines der ersten Länder, die die Ehe für homosexuelle Paare legalisierten. Die World Pride in Madrid ist so etwas wie eine Ehrung dieses langen Weges.

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Mädchen in Regenbogenflaggen auf einer öffentlichen Toilette in Madrid.

Sicherheitsbedenken

Trotz aller feierlichen Töne aus der Stadtverwaltung hat sich dort vor allem eines breitgemacht: Sorge um die Sicherheit. Keine World Pride zuvor stand so unter dem Zeichen der Terrorgefahr wie die in Madrid. Seit Tagen gilt ein Fahrverbot für Lastwägen in der Innenstadt. Die Schauplätze der World Pride sind weitläufig abgeriegelt. Nur wer an Kontrollpunkten seine Tasche durchsuchen lässt, darf hinein. Wer auf einer der Karossen am Umzug teilnimmt, wurde zuvor durch den Polizeicomputer gejagt. Während des Umzuges sollen, so Gerüchte, Scharfschützen auf den Dächern postiert sein.

Madrid lässt sich die Feierstimmung dennoch nicht vermiesen. Auf fünf großen Bühnen auf den wichtigsten Plätzen der Stadt finden seit Donnerstag Konzerte statt. Im Schwulen- und Lesbenviertel Chueca ist es so gut wie unmöglich, sich zu bewegen. In der Innenstadt gibt es kaum eine Kneipe, kaum ein Geschäft, die dieser Tage nicht die Regenbogenfahne an der Fassade hängen haben. Große Marken und Konzerne haben überdimensionale Werbeplakate aufgehängt, auf denen sie ihre Toleranz bekunden.

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Auch der berühmte Brunnen am Cibeles-Platz wurde in Regenbogenfarben erleuchtet.

Kritik am Kapitalismus

Längst nicht alle sind zufrieden mit der Entwicklung, die ihr Orgullo nimmt. Ein alternativer Umzug, in Form einer bunten Demonstration – zog bereits am Donnerstag durch Madrid. Tausende, meist junge Menschen aus der LGTBI-Szene sowie einige Veteranen der Bewegung gaben ihrer Ablehnung des "kapitalistischen Orgullo", wie sie die World Pride abschätzig nennen, Ausdruck.

Auf einem der Transparente stand: "Der erste Christopher Street Day war ein Aufstand." Das war vor 48 Jahren, als sich Schwule in New York vor einer Kneipe gegen Polizeiübergriffe zur Wehr setzten. In zwei Jahren wird die nächste World Pride in New York den fünfzigsten Jahrestag dieses Ereignisses feiern. Im selben Jahr wird auch Wien die Gastgeberstadt eines Großevents der LGBTI-Bewegung sein: der vierwöchigen Euro Pride. (Reiner Wandler aus Madrid, 30.6.2017)


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