Nurejew-Gala: Im Schatten einer verzweifelten Liebe

    30. Juni 2017, 15:53
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    Die seit 2011 siebente Gala des Wiener Staatsballetts unter Manuel Legris – Ein Erlebnis

    Wien – Zum Ende der Spielsaison hat das Wiener Staatsballett noch einmal alle seine Register gezogen. Manuel Legris rief zur Nurejew-Gala, die Compagnie zeigte ihre Qualität und ihr Leiter sein kuratorisches Talent. Am Donnerstag präsentierte er die Gala im Haus am Ring zum siebenten Mal. Nach vier Stunden war's bedauerlich, dass es nicht noch ein wenig weiterging.

    Ein Höhepunkt war diesmal das Adagio-Duett aus dem dritten Akt des Balletts Spartacus in Juri Grigorowitschs Choreografie, getanzt von Maria Shirinkina und Vladimir Shklyarov. Die beiden haben erst 2016 vom Mariinski Ballett ans Bayerische Staatsballett gewechselt, und Shirinkina – eine atemberaubende Tänzerin – war jetzt erstmals in Wien zu sehen. Aram Chatschaturians berühmte Musik, vom Orchester der Wiener Staatsoper unter Kevin Rhodes beinahe mit Understatement gespielt, rauscht nicht nur in die Gemüter des Auditoriums, sondern trägt auch die Protagonisten Spartacus und Phrygia einem tragischen Ende entgegen.

    Heroischer Willensakt

    In einem heroischen Willensakt stemmt er den Körper seiner Liebe mit einem Arm hoch. Dabei schafft es Shirinkina, ihr kurzes Verharren in der Luft als verzweifelte Verrenkung zu formulieren – üblich ist in diesem Moment eigentlich eine elegante, leichter zu balancierende Andeutung von Schweben. Spätestens bei diesem dritten Stück war der steife Beginn der Gala, ein Ausschnitt aus Nurejews Dornröschen, vergessen.

    Weiters gab Legris seinem Publikum die Möglichkeit, zwei Ballets blancs miteinander zu vergleichen: den souveränen Schattenakt aus Nurejews Interpretation von La Bayadère und die nervöse Gruppe in George Balanchines Symphonie in C zur Musik von Georges Bizet. Wobei der Schattenakt dort eine echte Herausforderung ist, wo alle Tänzerinnen über die gesamte Bühne verteilt für eine gewisse Zeit dieselbe Pose halten müssen.

    Das gibt ein fantastisches Bild. Wenn auch nur eine Figur Probleme mit der Balance bekommt, beginnt das gesamte Bild zu zittern – was ein aufregender Moment, für Formalisten allerdings ein echter Downer sein kann.

    Verletzt am Boden

    Spannend wäre gewesen, den geplanten Ausschnitt aus Edward Clugs Peer Gynt sehen – das gesamte Stück hat kommenden Jänner in der Staatsoper Premiere -, ein Duett mit Davide Dato und Nina Tonoli. Leider ging Dato während seines Soloparts in Balanchines Stars and Stripes verletzt zu Boden und konnte später in Clugs Pas de deux nicht mehr auftreten.

    Blieb der Vergleich zwischen dem Spartacus-Duett und einem Pas de deux aus William Forsythes Meisterwerk In the Middle, Somewhat Elevated (1987), in dem Vladimir Shishov auf die ausgesprochen starke russische Gastsolistin Elena Vostrotina traf, die ab Herbst im Zürcher Ballett tanzen wird.

    Perfekte Einstudierung

    Legris hat das Stück mit den beiden perfekt einstudiert. Er muss keine Scheu davor haben, extrem talentierte Gäste einzuladen, weil sich die Wiener Compagnie unter seiner Hand zu einem erstklassigen Ballett entwickelt. Dazu tragen Tänzerinnen und Tänzer wie unter anderen Rebecca Horner (sie war bei der Gala mit ihrem furiosen Solo aus Neumeiers Le Sacre präsent), Jakob Feyferlik, Natascha Mair, Mihail Sosnovschi, Nina Poláková, Masayu Kimoto, Ioanna Avraam und Maria Yakovleva viel bei. (Helmut Ploebst, 1.7.2017)

    • Vier Stunden Ballettkünste, die den Wunsch nach mehr wecken: Gaststar Elena Vostrotina und Vladimir Shishov in "In the Middle, Somewhat Elevated" von William Forsythe.
      ashley taylor

      Vier Stunden Ballettkünste, die den Wunsch nach mehr wecken: Gaststar Elena Vostrotina und Vladimir Shishov in "In the Middle, Somewhat Elevated" von William Forsythe.

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