Die Stadt kühlen – wer soll das bezahlen?

Userkommentar30. Juni 2017, 16:18
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Die Bauträger oder Bauherren etwa. Warum nicht als Ausgleich für 100 Quadratmeter verbetonierte Fläche 100 Quadratmeter Fassade begrünen? Es braucht eine neue "Kultur" in der Architekturauffassung

Der Ausschuss "Nachhaltiges Bauen" der Kammer der ZiviltechnikerInnen stellte bei einer Podiumsdiskussion Anfang Juni im Erste Bank Campus die Frage: "Stadtklima – Wie kühlen wir die Stadt der Zukunft?" Der Klimawandel lässt sich (außer von gewissen bornierten Politikern) nicht mehr leugnen. Städte, und besonders verdichtete Stadtgebiete, sind vom Anstieg der Temperatur in Hitzeperioden betroffen. Lösungsvorschläge können in vielen Bereichen – Infrastruktur, Mobilität, Freiraum- und Gebäudeplanung – angesiedelt sein.

Oder auch im Bereich der Architektur, des Bauens direkt. Wer eine Wohnung über 100 Quadratmeter Fläche errichtet, muss einen Pkw-Stellplatz mitfinanzieren, wer den öffentlichen Kanal benutzt, muss Kanalgebühr zahlen, wer Gas, Strom, Wasser, Internet, Autobahn et cetera benutzen will – muss dafür bezahlen. Nichts ist umsonst. Es gibt sogar das skurrile Gesetz, dass man in der Stadt Wien für das Aufhängen einer Fahne oder Werbung an der Fassade "Luftsteuer" zahlen muss.

Als wäre die Umwelt gratis

Nur die Architekten, Bauträger – bis auf Ausnahmen natürlich – benutzen unsere Umwelt (Natur), als ob sie gratis wäre. Sie bauen, betonieren, vernichten Natur – und bezahlen nichts. Was wäre, wenn ein Bauträger oder Bauherr für 100 Quadratmeter verbaute/verbetonierte Fläche 100 Quadratmeter Fassade begrünen müsste? Oder pro 100 Quadratmeter Wohnfläche zehn Bäume pflanzen müsste, statt eines sinnlosen Pkw-Stellplatzes in einer Welt, in der mehr und mehr Menschen auf das Auto verzichten? Oder einer Gründachverpflichtung bei Dachbodenausbauten nachkommen müsste?

Rund 120 Millionen Quadratmeter Fassaden- sowie 60 Millionen Quadratmeter Dachflächen würden sich laut Studien in Wien zur Begrünung eignen. Möglichkeiten gibt es viele, und über die Proportionalität dieser "Wiedergutmachung" muss man natürlich diskutieren, einen Faktor aushandeln. Aber der Gedanke, dass wir einen Gesinnungs- und Kulturwechsel vom ständigen Gebrauchen und Nehmen hin zu einer Ausgewogenheit in der Architektur anstreben müssen, liegt klar auf der Hand.

Urbane Lebensqualität

Auch die Teilnehmer am Podium waren sich einig, Hitzewarnsysteme für Stadtbewohner wurden vorgeschlagen, die Entsiegelung von Flächen, die Erhöhung der Reflexionsfähigkeit von Gebäuden (schwarze Fassaden sind vielleicht chic, aber total out) und das Schaffen von Freiräumen sowie von Wasserflächen gefordert – das alles kann dem Erhalt urbaner Lebensqualität dienen.

Der Grundtenor der Aussagen ging in die Richtung, "Grün" (das ist absolut nicht politisch gemeint) zu fördern, mehr zu begrünen und ein Umdenken in der Wertigkeit von "Geben und Nehmen", eine neue "Kultur" in der Architekturauffassung zu verlangen. Und die fast erwartbare Aussage: "Begrünung kostet Geld" wurde vom Publikum mit dem Statement, "dass die Rettung unserer (Um)Welt nicht am Geld scheitern könne", quittiert. (Peter Reischer, 30.6.2017)

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