Stöger: "Ich mag mich nicht mit mir vergleichen"

Interview30. Juni 2017, 15:27
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Peter Stöger, Coach des 1. FC Köln, spricht über soziale Kompetenz, Demut, die Bedeutung von Pokalen, das Trainersterben, die Auswüchse im Fußball. Den Teamchefposten hat er momentan "nicht am Schirm"

STANDARD: Kölns Vizepräsident Toni Schumacher hat gesagt, Sie sollen der Arsène Wenger von Köln werden. Wenger ist seit 1996 bei Arsenal London. Das heißt, Sie wären 2035 immer noch Cheftrainer beim 1. FC. Eine schöne oder eine schreckliche Vision?

Stöger: Ich hoffe, dass es nicht so sein wird, ich wäre dann 69. Für Kölner Verhältnisse bin ich jetzt schon der Wenger, das reicht.

STANDARD: Hatten Sie ein Angebot von Borussia Dortmund?

Stöger: Nein. Es wird immer so gespielt. Es ist ein Zeichen der Wertschätzung, dass du überhaupt in den Medien gehandelt wirst. Ich stehe eben nach vier guten Jahren in Köln in den Schlagzeilen weiter oben, dafür sind meine Wegbegleiter mitverantwortlich. Warum sollte ich mir über Dinge, die nicht stattfinden, Gedanken machen? Köln ist zum ersten Mal nach 25 Jahren im Europacup, das ist etwas Konkretes, etwas Besonderes.

STANDARD: Wäre es im Fall eines Angebots auch darum gegangen, Verträge einzuhalten?

Stöger: Nein. Sie kennen meinen Werdegang. Ich war beim GAK in der Regionalliga, da kam das Angebot aus der Bundesliga von Wiener Neustadt, da hab ich gesagt, nicht bös sein, aber ich muss das trotz Vertrages machen. Als mich die Austria wollte, hat sich die Geschichte wiederholt, als sich dann Köln gemeldet hat, war es genauso. Würde ich behaupten, Verträge sind bindend, wäre ich unglaubwürdig. Im Trainergeschäft werden Fristen selten eingehalten, Okay, Pep Guardiola war drei Jahre bei den Bayern und wechselte dann zu Manchester City. Alle andern gehen früher, sie werden in der Regel entlassen. Betrachtet man das Trainersterben, braucht man kein schlechtes Gewissen haben, wenn man von sich aus geht.

STANDARD: Sie sind, von Freiburgs Christian Streich abgesehen, der dienstälteste Trainer in der deutschen Bundesliga. Wann haben Sie gemerkt, die Beziehung Stöger-Köln passt? Gab es den berühmten Aha-Moment?

Stöger: Der Aha-Moment war das gesamte erste Jahr, der Titel und der Aufstieg in die erste Liga. Wäre das nicht passiert, keine Ahnung, wie die Geschichte weitergegangen wäre. Obwohl die Bosse mit mir zufrieden waren. Ich habe noch immer fünf, sechs Spieler aus der zweiten Liga dabei. Da wurde etwas aufgebaut, da hat sich Vertrauen entwickelt, wir arbeiten gerne miteinander. Wir hatten noch keine echte Krise zu überwinden, die Mannschaft ist ein Traum, die Stadt lebenswert.

STANDARD: Die Spiele von Köln erinnern fast an Messen oder Hochämter.

Stöger: Ja. Bevor ich gekommen bin, war das Spannendste in Köln immer die halbe Stunde vor Anpfiff. Die wird zelebriert, ist eigen. In den vergangenen zwei Jahren haben wir es geschafft, dass die Leute sagen, den Kick kann man sich jetzt auch anschauen. Das Vorspiel hat an Bedeutung verloren.

STANDARD: Köln hat keinen Rivalen, in Wien gibt es Rapid und Austria. Macht es das einfacher?

Stöger: Möglicherweise. Man hat in der Stadt das Gefühl, der 1. FC gehört dazu. So wie der Dom. Kinder, ältere Damen, sie alle wissen, wann der Verein gegen wen spielt und wie es ausgegangen ist.

STANDARD: Platz fünf ist sensationell. Trotzdem werden Sie mit Köln kaum Titel gewinnen. Wie geht man damit um? Müssen Sie Erfolg anders definieren?

Stöger: Ja, es ist schwierig. Ich habe als Spieler und Trainer ungefähr 15 Titel geholt. Trotzdem ist der fünfte Platz von den Rahmenbedingungen her vielleicht sogar der größte Erfolg. Ich lerne schön langsam, damit umzugehen. Ein Pokal kann im Vergleich dazu relativ wenig wert sein.

STANDARD: Wie funktioniert das System Stöger?

Stöger: Es gibt kein System Stöger. Du musst dich auf die Spieler einlassen. Es ist kein Zufall, dass in der Schule jene Lehrer die besten sind, die sich für dich als Schüler interessieren, dir helfen wollen. Trainer sind Lehrer. In Deutschland heißt es ja Fußballlehrer.

STANDARD: Wird soziale Kompetenz entscheidender? Fachwissen sollte ja selbstverständlich sein.

Stöger: Klar. Allerdings hilft soziale Kompetenz nicht, wenn du die Gegner nicht genau analysierst, die Schwächen und Stärken erkennst. Das erkennen aber viele, die im Fußball tätig sind. Den gesamten Haufen auf ein gemeinsames Ziel zu fokussieren, und das jeden Tag, das ist die Kunst. Du musst alle zusammenhalten, da brauchst du Empathie und Verständnis. Speziell für jene, die unzufrieden sind, die nicht spielen. Du musst in deinen Entscheidungen nachvollziehbar sein. Jeder Spieler hat ein Recht auf Antworten. Mir hilft, dass ich auf einem Niveau gearbeitet habe, wo es wenig Ressourcen und kein Geld gab. Ich schätze, was ich in und an Deutschland habe. 50.000 im Stadion sind keine Selbstverständlichkeit. Das ist gefühlter Luxus.

STANDARD: Trainer sind einsam, wenn es nicht rennt. Angst davor?

Stöger: Nein. Ich fühle mich in meinen Entscheidungen nie einsam, ich bin ein Teamplayer, kein Machtmensch. Bist du im Trainergeschäft unterwegs, darf dich nichts überraschen.

STANDARD: Inwieweit kann man in der doch recht kranken Welt des Fußballs normal bleiben? Die Ablösesummen sind wahnwitzig, die Fernsehgelder detto, China mischt den Markt auf. Wohin führt das?

Stöger: Ich gehöre nicht zu denen, die es anprangern. Ich muss ja nicht alles mitmachen und gutheißen. Es ist in Deutschland richtig viel Kohle unterwegs, in England noch mehr, die Stadien sind voll. Da kann man nicht sagen, was in China passiert, ist schlecht und böse. Spielen halt 30 tolle Fußballer dort. Was ist das im Vergleich zu den zigtausenden in Europa? Man redet oft über Gefahren, die kein echtes Problem sind.

STANDARD: Die Schere zwischen Arm und Reich geht aber immer weiter auf, es droht Fadesse. Bayern München wird immer Meister, in Österreich Salzburg.

Stöger: Natürlich ist das schwierig, sie arbeiten halt gut. Ich kann den Bayern nicht den Vorwurf machen, dass sie die meisten Millionen lukrieren, die meisten Mitglieder in Deutschland haben. Wieso soll ich sie dafür verdammen? Ähnliches gilt für Salzburg, nur auf einer anderen Ebene, Mitglieder haben sie in Österreich nicht die meisten. Es ist der freie Markt, Fußball ist Teil unserer Gesellschaft. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind in anderen Bereichen des Lebens viel größer, das empfinde ich als ungerechter. Arm im Fußball ist sehr relativ.

STANDARD: Es gilt für Cristiano Ronaldo die Unschuldsvermutung. Der Herr verdient 70 oder mehr Millionen Euro im Jahr und soll Steuern hinterzogen haben. Eine Erklärung für diese, sagen wir freundlich, Geschmacklosigkeit?

Stöger: Er kümmert sich nicht selber drum. So wie er kickt, wie er unterwegs ist, wie sein Körper ausschaut, hat er keine Zeit dafür, eine Steuererklärung zu machen. Das ist keine Entschuldigung, aber es liegt wohl an den Beratern.

STANDARD: Andere Baustelle. Sie waren in den sozialen Medien aktiv, haben das eingestellt. Warum?

Stöger: Die sozialen Medien bewirken viel, sind in anderen Bereichen aber gefährlicher als im Fußball. Da hast du halt eine depperte Schlagzeile, die entscheidet nicht dein Leben. Ich habe damit aufgehört, weil es zwischenmenschliche Probleme gab, es wurde unkontrollierbar, ging unter die Gürtellinie. Spieler wurden auf meiner Seite beschimpft, ich wollte dafür keine Plattform bieten. Ich fühle mich jetzt übrigens besser, habe weniger Stress, die Lebensqualität ist eindeutig gestiegen.

STANDARD: Wenn Sie den Ex-Fußballer Peter Stöger, der 65 Länderspiele bestritten hat, mit dem Trainer Peter Stöger vergleichen: Wer kann mehr?

Stöger: Ich mag mich nicht mit mir selbst vergleichen. Das Fußballerleben hat sich mit dem Bosman-Urteil total verändert, für mich kam es zu spät.

STANDARD: Und von den Emotionen her?

Stöger: Du nimmst jeden Erfolg anders wahr. Der Meistertitel mit der Austria als Trainer war extrem. Den fünften Platz mit Köln habe ich ganz anders aufgenommen, ich habe mich zurückgezogen, war leer und urlaubsreif. Erst langsam stellten sich Freude, Stolz und Demut ein.

STANDARD: Haben Sie einen Karriereplan?

Stöger: Nein. Als Trainer kannst du nicht planen. Ich habe hier noch drei Jahre Vertrag. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so lange geht, ist nicht groß. Ich plane, wie wir die nächste Saison mit dem Europacup überstehen. Ich kann mir sicher eine längere Negativserie als andere leisten, diesen Bonus habe ich mir erarbeitet. Verliere ich achtmal hintereinander, ist es vorbei. Interessant ist, dass man mit anderen Trainern dann Kontakt hat, wenn sie gefeuert werden. Man ruft sie an, bedauert das. Leider werden diese Telefonate immer häufiger.

STANDARD: Wäre österreichischer Teamchef irgendwann einmal eine Option, ein Ziel?

Stöger: Im Moment habe ich das nicht am Schirm. Ich habe immer gesagt, es wäre eine besondere Auszeichnung. Es ist der wichtigste Posten im österreichischen Fußball. Das bleibt so stehen. (Christian Hackl, 30.6.2017)

Peter Stöger (51) aus Wien ist seit 2013 Trainer des 1. FC Köln. Davor betreute er u. a. die Vienna, den GAK, Wr. Neustadt und die Austria (Meister 2013). Er kickte im Mittelfeld der Austria (3 Titel, 3 Cupsiege), spielte auch für Rapid (1 Titel), Tirol, LASK, Vienna, Admira. Stöger bestritt 65 Länderspiele (15 Tore).

  • Peter Stögers Bilanz in Köln ist eine Bergfahrt: Titel in der zweiten Liga (Aufstieg), auf Platz zwölf und neun folgte nun Rang fünf. Köln kickt erstmals seit 25 Jahren europäisch.
    foto: reuters/schmuelgen

    Peter Stögers Bilanz in Köln ist eine Bergfahrt: Titel in der zweiten Liga (Aufstieg), auf Platz zwölf und neun folgte nun Rang fünf. Köln kickt erstmals seit 25 Jahren europäisch.

  • Peter Stöger 1998 im Dress des österreichischen Nationalteams.
    foto: apa/techt

    Peter Stöger 1998 im Dress des österreichischen Nationalteams.

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