Galerie Charim: Kapitale Auswüchse

    30. Juni 2017, 14:49
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    Unter dem Titel "Sublime Power" zeigt die Galerie Arbeiten von vier Künstlerinnen, die Manifestationen der Macht nachspüren

    Seit vielen Jahren thematisiert die türkische Künstlerin Sükran Moral (geb. 1974) den ungleichen Stellenwert von Frauen und Männern in ihrer Heimat. Und sie tut dies mit vollem Körpereinsatz, ob sie nun 1997 – nackt – ein Männern vorbehaltenes Hamam besuchte oder sich im selben Jahr mit einem "Museum für zeitgenössische Kunst"-Schild vor ein Bordell stellte, um die "Ware weiblicher Körper" mit der Ware Kunst gleichzusetzen.

    Zu sehen sind Arbeiten Morals derzeit in der Ausstellung Sublime Power der Galerie Charim, die vier weibliche Positionen zum Themenkomplex Macht vorstellt. Dort hat ihr symbolischer Spiegel, den sie Männern vorhält, auch die ganz konkrete Form eines Fleischerbeils angenommen, das nun auf zwei Fotografien glänzt. Bedrohlich hält Moral das Beil in der einen Hand, während sie sich mit der anderen die Lippen nachzieht.

    Gewalt und die Unterdrückung von Vielfalt und Freiheit sind Themen der Künstlerin, auf die sich auch die Arbeit Nightingale unmissverständlich bezieht: In einem Vogelkäfig ist neben mehreren farbenfrohen Vögeln auch eine Wachsversion von Morals Kopf eingesperrt. Subtil ist das nicht so wirklich, aber im Hinblick auf die zunehmend rigider werdende Politik der Türkei sind Morals Strategien freilich nachvollziehbar.

    Die Reste des "Wonderland"

    Die Ansätze der anderen Künstlerinnen sind eher beobachtend, analysierend: In Dorit Margreiters Video Broken Sequence geht es um eine Spekulationsruine bei Peking. Eigentlich hätte dort ein "Wonderland" mit Schlössern und Türmen entstehen sollen. Nun stehen nur noch Reste davon auf dem Gelände, das die zuvor enteigneten Bauern wieder beackerten. Neben den von ihnen gepflanzten Bäumen fängt die Kamera Graffiti auf den Ruinen ein, die auch Cruising Area sind, also ein Treffpunkt für homosexuelle Männer.

    Erst fehlendes Kapital hat hier wieder Freiräume geschaffen. Andernorts hat es längst vieles zerstört: Lisl Ponger erzählt die Geschichte kolonialer Ausbeutung in der Fotoserie Indian(er) Jones I bis III: Zu sehen ist der Kolonisator als bewaffneter und selbstzufriedener Besitzer von Gold, Gewürzen und anderen exotischen Schätzen.

    In der Schau hängt der "Imperialist" direkt jenen Abbildungen gegenüber, die Elisabeth Penker in Büchern über ausgestorbene Völker fand: Autonomous Women in Egalitarian Society oder Studie zur ausgestorbenen graphischen Caduveo-Kultur in Brasilien heißen zwei der malerisch und grafisch überarbeiteten Fotocollagen, die sie in gesplitteter Form präsentiert.

    Penker bezieht sich damit auf Claude Lévi-Strauss, der die "Split Representation" als Spezifikum indigener Völker untersuchte: das "zweite Gesicht", das moralische, soziale und spirituelle Bedeutung hat. Penkers Bilder erzählen ebenfalls von sozialen Zusammenhängen und kulturellen Praktiken. Eindrücklich sind sie aber auch deshalb, weil man weiß, dass man darauf eigentlich "Geister" sieht. (Christa Benzer, 1.7.2017)

    Bis 28. 7.,

    Charim Galerie

    Dorotheergasse 12, 1010 Wien

    www.charimgalerie.at

    • Elisabeth Penker: "Split Representation: Studie zur ausgestorbenen graphischen Caduveo-Kultur in Brasilien".
      courtesy elisabeth penker und charim galerie

      Elisabeth Penker: "Split Representation: Studie zur ausgestorbenen graphischen Caduveo-Kultur in Brasilien".

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