"Absolutes Warnsignal": Ökostrom & Co im Abwind

30. Juni 2017, 09:00
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Energieforschungsausgaben steigen, aber der Markt für erneuerbare Energien stagniert bzw. ist rückläufig

Wien – Alle Jahre wieder werden im Juni die Energieforschungsdaten Österreichs präsentiert. Vergangene Woche wurden im Verkehrsministerium gleich drei Studien zu Forschung und Marktentwicklung vorgestellt – allerdings mit sehr durchwachsenen Ergebnissen.

Zunächst zum Positiven: 2016 wurden insgesamt 140 Millionen Euro von der öffentlichen Hand in Energieforschungs- und Demonstrationsprojekte investiert. Das sind um 12,5 Millionen Euro mehr als 2015, sagte Studienautor Andreas Indinger von der Austria Energy Agency. Fast die Hälfte der Ausgaben floss in die Forschung zu Energieeffizienz, jeweils etwas mehr als 20 Prozent in Speichertechnologien und erneuerbare Energie.

foto: apa/dpa/julian stratenschulte
Windkraft verzeichnete 2016 einen massiven Rückgang.

Nahezu ein Drittel der Forschungsinitiativen wird dabei vom Klima- und Energiefonds des Umwelt- und Verkehrsministeriums gefördert, der Löwenanteil von mehr als 70 Prozent betrifft angewandte Forschung. Insgesamt sei die Umwelttechnikwirtschaft ein milliardenschwerer Markt, vor allem für den Export, sagte Herwig Schneider vom Industriewissenschaftlichen Institut, der die Umsätze in Österreich mit 12,3 Milliarden Euro beziffert.

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Ernüchterte Experten

Ein anderes Bild zeigte eine Studie zur Marktentwicklung innovativer Energietechnologien in Österreich, die von der TU Wien durchgeführt wurde. Hatte man bis vor einigen Jahren noch gedacht, der Trend zu nachhaltigen Energiesystemen für die Bereitstellung von Wärme oder Ökostrom sei unaufhaltsam, zeigen sich Experten nun ernüchtert. "Der Trend stagniert und ist in einigen Bereichen sogar rückläufig", sagt Peter Biermayr von der TU Wien, der für die Erhebung verantwortlich war.

Das liege einerseits am Ölpreis, der schon seit zwei Jahren auf einem niedrigen Niveau gründelt, so Biermayr. Die Witterung tat ihr übriges. Drei Jahre hintereinander gab es warme Winter. Es wurde insgesamt weniger geheizt. "Da haben sich wohl viele gedacht: Füllen wir lieber den Öltank noch einmal an, bevor wir auf Pellets oder Wärmepumpe umsteigen." Die Nachfrage nach Biomasseheizkessel sinkt schon seit 2012. 2016 waren es minus 11,6 Prozent.

Bei Photovoltaikanlagen sieht es ein wenig besser aus. Ungefähr 150 Megawatt werden jährlich installiert. Zwar nicht steigend, aber immerhin. "Photovoltaiksysteme sind deutlich billiger geworden. Von 2011 auf 2016 gab es eine Preisreduktion von 45 Prozent", begründet Biermayr.

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"Traurige Entwicklung"

Solarthermie wiederum, also Warmwasseraufbereitung durch Sonnenenergie, ist seit 2009 in einem Abwärtstrend gefangen. Minus 18,7 Prozent gab es von 2015 auf 2016. Erstmals gab es dabei auch einen Rückgang des Bestandes. "Das ist ein absolutes Warnsignal", sagt Biermayr. Haupthemmnis für die Solarthermie sind die Kosten: Während die Systempreise für Photovoltaik stark gesunken sind, blieben sie bei der Solarthermie konstant.

Auch Wärmepumpen machen Biermayr Sorgen. Zwar gibt es seit dem Jahr 2000 einen Aufwärtstrend. Von 2015 auf 2016 setzte aber eine Stagnation ein. Ähnlich ist die Situation bei der Windkraft. Diese konnte in den letzten Jahren zwar insgesamt stark zulegen. Allerdings gab es auch hier 2016 einen massiven Rückgang von minus 28,7 Prozent. "Das ist eine traurige Entwicklung, da muss etwas im Ökostromgesetz geändert werden." Zwar macht die Windbranche jährlich einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro. Aber die Daten ließen eine Fortsetzung des Abwärtstrends auch 2017 erwarten.

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Neue Anreize

Das Fazit: Kein einziger Bereich zeigt einen positiven Trend. "Das wirkt sich auch negativ auf den Gesamttrend aus", sagt Biermayr. Die Gründe liegen dem Energieexperten zufolge nicht nur am niedrigen Ölpreis und dem warmen Wetter. "Der Sanierungsmarkt kommt nicht in Schwung." Da müssten jetzt neue Instrumente ansetzen, auch was die öffentliche Verbreitung betreffe. "Klimaschutz ist derzeit kein vorrangiges politisches Thema."

Die EU-Klimaziele bis 2050 sehen eine CO2-Reduktion um 80 Prozent auf Basis von 1990 vor. "Fossile Energieträger werden dann nur noch die Ausnahme darstellen können", sagt Biermayr. 30 Jahre seien für den Umbau des Energiesystems aber keine lange Zeit. Er tritt daher auch für normative Instrumente ein, etwa für ein Verbot von Neuinstallationen von Heizölkesseln, wie es derzeit diskutiert wird. "Das soll auch eine Signalwirkung haben. Damit man sieht, dass die Klimaziele ernst genommen werden." Denn "man kann nicht die EU-Ziele unterschreiben und sich dann auf den Markt verlassen". Jedenfalls müssten neue Förderinstrumente vermehrt Anreize schaffen, um in Energieeffizienz zu investieren. (Norbert Regitnig-Tillian, 30.6.2017)

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