Helmut Kohl – Vision und Vermächtnis

    Kommentar der anderen29. Juni 2017, 16:09
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    Es ist viel geschrieben worden nach dem Tod von Helmut Kohl. Seine wahre Stärke allerdings blieb vielen verborgen: das Bilden von Vertrauen. Einige Anmerkungen zum bevorstehenden europäischen Staatsakt

    Mit dem Tod Helmut Kohls verließ uns "eine der größten Persönlichkeiten seit Jahrzehnten auf dem europäischen Kontinent", wie Bill Clinton den früheren deutschen Kanzler beschrieb. Kohl besaß die meisten Talente eines erfolgreichen Politikers: Ehrgeiz, Rücksichtslosigkeit, Beharrlichkeit, taktisches Geschick und ein Gespür für die Anliegen der einfachen Menschen. Anders als seine zwei Vorgänger, Brandt und Schmidt, verfügte er nicht über Charisma oder Wortgewalt. Sehr wohl jedoch hatte er im Gegensatz zu den Vorgängern eine klare Vision für die Zukunft seines Landes. Das ermöglichte Kohl, das zuvor Unvorstellbare zu erreichen: Deutschlands Wiedervereinigung im geeinten Europa.

    Viele Menschen, insbesondere in Deutschland, die sich an Ende 1989 und Anfang 1990 erinnern, als die sowjetische Kontrolle über Osteuropa schwand, scheinen immer noch überrascht zu sein, wie dieser vermeintlich provinzielle und langweilige Mann die Chance ergreifen konnte, sein Land zu vereinen und Gegner geschickt zu überlisten. Kohl, so scheinen sie zu glauben, hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

    Doch in der Diplomatie ist Glück selten eine Frage des Zufalls: Glück muss man sich verdienen. Im Sommer 1989 war Kohl von der Geschwindigkeit der Entwicklungen genauso überrascht wie alle anderen. Er hatte die Zeit seit seiner Amtsübernahme als Kanzler im Jahr 1982 allerdings zur Vorbereitung genutzt, sollten sich die historischen Umstände günstig präsentieren.

    Innenpolitische Fragen erforderten zwangsläufig Kohls Aufmerksamkeit und Geschick; andernfalls wäre er wohl kaum länger als jeder andere deutsche Kanzler seit Otto von Bismarck jene dominante Persönlichkeit in seiner Partei und in seinem Land gewesen. In dieser Zeit stand ich als Journalist der Zeit häufig in persönlichem Austausch mit ihm in seinem Büro in Bonn. "Die Außenpolitik", so sagte er mir, "ist wichtiger als die Innenpolitik, weil Fehler sehr kostspielig sein können."

    Kohls Methode zur Fehlervermeidung bestand darin, Vertrauen zu allen – den großen und kleinen – Mächten aufzubauen, die für das Wohl Deutschlands relevant waren. Außerdem würde Deutschland für jedes Maß nationaler Reintegration die Unterstützung von außen brauchen, sollte sich dazu die Gelegenheit ergeben. Während für Schmidt das wichtigste strategische Instrument in der Zusicherung von Berechenbarkeit bestand, war es für Kohl die Vertrauensbildung.

    Mit dem wichtigsten und unentbehrlichsten Verbündeten, den USA, strebte Kohl die engstmöglichen Beziehungen an. Nachdem die Regierung Schmidt 1982 aufgrund des massiven Widerstands der Bevölkerung gegen die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen scheiterte, bewahrte Kohl klare Haltung, da er erkannte, dass es sowohl den Respekt und das Vertrauen der USA als auch seine Glaubwürdigkeit gegenüber Moskau beschädigen würde, gäbe er dem Druck der Öffentlichkeit nach und hielte Zusagen Deutschlands nicht ein.

    Jahre später, als die Mauern in Europa erste Risse zeigten, hatte Kohl eine einzigartige Vertrauensbeziehung mit Washington aufgebaut. Und in George H. W. Bush fand er einen standhaften und entschlossenen Unterstützer der Wiedervereinigung, der sicherstellen würde, dass Deutschland fest im Westen verankert bliebe.

    Obwohl die alternde und kraftlose kommunistische Führung der Sowjetunion wenig Aussicht auf Fortschritte bot, setzte Kohl unterdessen die Entspannungspolitik Brandts und Schmidts fort, die in Kohls eigener Partei entschieden abgelehnt worden war. Als Michail Gorbatschow an die Macht kam, tat Kohl die mutigen Abrüstungsvorschläge des neuen sowjetischen Staatschefs als bloße Propaganda à la Joseph Goebbels ab.

    Als Kohl erkannte, dass es Gorbatschow ernst meinte, wandte er umgehend seine Strategie der Vertrauensbildung an und stellte eine enge persönliche Beziehung mit dem Mann her, ohne den eine friedliche Veränderung der europäischen Landkarte des Kalten Krieges nicht möglich gewesen wäre. Als sich diese Gelegenheit bot, waren die daraus resultierenden und angesichts des politischen Klimas bemerkenswerten Abkommen nur möglich, weil Kohl das Ziel fest im Blick behalten hatte.

    Für Kohl war ein vereintes Europa eine emotionale Angelegenheit und Schlüsselbedingung für Europas Frieden und Deutschlands Wohlergehen. Es gelang ihm, das Vertrauen des französischen Präsidenten Mitterrand und die Freundschaft Delors zu gewinnen. Ebenso bedeutsam ist, dass Kohl ein Netzwerk an Kontakten in alle Deutschland umgebenden Länder knüpfte. Er verfügte über ausgezeichnete Kenntnisse der Geschichte dieser Länder und hatte die Gabe zu verstehen, wie deren Vergangenheit ihre Einstellung gegenüber Deutschland prägte. Er war überzeugt, dass Deutschland als Europas größte Volkswirtschaft das konstruktivste, großzügigste Mitglied im europäischen Klub zu sein hätte.

    Zu meiner Überraschung fragte mich Kohl einmal, ob seine hünenhafte Erscheinung nicht doch Ängste vor einem dominanten Deutschland bestätigen würde. Es fiel mir nicht schwer, ihn zu beruhigen. Und als 1989 die Wiedervereinigung nahte, machte sich das Vertrauen bezahlt, das er über all die Jahre aufgebaut hatte, denn es zerstreute die Bedenken in ausreichend großen Teilen Europas, sodass es ihm gelang, die notwendige Unterstützung zu gewinnen.

    Müßige Spekulationen

    In der offiziellen deutschen Rhetorik von heute findet Kohls Vertrauensbildungsstrategie weiter Nachhall, obwohl sie sich in der Praxis wechselhafter darstellt. Spekulationen über seine Reaktion auf Russlands Entfremdung gegenüber dem Westen sind müßig; oder darüber, ob er, anders als Merkel, mit spontaner Solidarität und unmittelbareren Auswirkungen auf die griechische Schuldenkrise 2010 reagiert hätte. Hätte Kohl Präsident Donald Trumps Verhalten durch eine öffentliche Distanzierung von den Vereinigten Staaten beantwortet? Oder hätte er stattdessen versucht, die Grundlagen der transatlantischen Beziehungen zu stärken?

    Eines scheint klar: Kohl hätte nicht nur kurzfristige oder im eigenen Land populäre Lösungen gesucht. Vielmehr hätte er diese Herausforderungen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die europäische Ordnung verstanden, von der Deutschland in hohem Maße profitierte (und das noch immer tut). Und er hätte jede politische Antwort in seine langfristige Vision für die Zukunft Deutschlands und Europas integriert.

    Genau für diese unentbehrliche staatsmännische Qualität – nicht nur für seinen Beitrag zur Wiedervereinigung – verdient es Kohl, im Gedächtnis zu bleiben und betrauert zu werden. (Christoph Bertram, Übersetzung: H. Klinger-Groier, Copyright: Project Syndicate, 29.6.2017)

    Christoph Bertram war Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

    • Artikelbild
      illustration: felix woodstock grütsch
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