A4-Flüchtlingsdrama: Komplize soll Fahrer beruhigt haben

29. Juni 2017, 12:13
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Vizechef behauptete: "Stehe in Kontakt mit Flüchtlingen"

Kecskemét – Der Fahrer jenes Kühl-Lkw, in dem 71 Flüchtlinge erstickt waren, hat sich am Donnerstag nur der Schlepperei schuldig bekannt. "Ich wollte niemandem schaden", sagte der 26-Jährige in seiner Aussage, die von Richter Janos Jadi beim Prozess gegen die Schlepperbande in Kecskemét in Ungarn verlesen wurde.

Das mutmaßliche Bandenmitglied wollte sich lediglich zum brisanten Anklagepunkt 25 äußern. Dabei ging es um die Schleppung der 71 Flüchtlinge, die tödlich endete. Die Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und dem Irak hatten bereits nach einer halben Stunde keine Luft mehr bekommen und mit Schreien und Trommeln gegen die Frachtraumwände auf sich aufmerksam gemacht. Doch der Lenker fuhr nach der Anweisung seines Chefs, nicht anzuhalten, einfach weiter.

Unter Druck

Seine Komplizen hätten ihn unter Druck gesetzt und ihm nicht erlaubt, die Frachtraumtüren zu öffnen, berichtete der 26-Jährige in seiner Einvernahme. Der Drittangeklagte, ein 39-jähriger Bulgare, der die Schleppung begleitet hatte, habe sich sein "Vertrauen erschlichen" und ihn "reingelegt". "Nur wegen ihm bin ich im Gefängnis, mein Leben ist kaputt." Laut eigenen Angaben hatte er Angst vor seinen Komplizen, falls er nicht das tue, was sie sagen.

Die beiden Chefs der Bande sowie der Begleitfahrer hätten dem Lenker des Kühl-Lkw mehrmals verboten anzuhalten. "Ich durfte nicht anhalten, ich musste sogar in der Lkw-Fahrerkabine urinieren." Der Vizechef der Bande habe zudem behauptet, dass er in Kontakt mit den Flüchtlingen stehe. Er habe den Menschen auf der Ladefläche gesagt, dass sie keinen Lärm mehr machen sollen. 20 Minuten später war dann Ruhe. Der Lkw-Fahrer habe geglaubt, dass das aufgrund der Anweisung des Vizechefs geschah. In Wahrheit waren alle 71 Flüchtlinge erstickt.

Telefonate mit Komplizen

Laut Überwachungsprotokoll telefonierte der Lenker zuvor mehrmals mit seinen Komplizen. Er berichtete des Öfteren über die Schreie und das Trommeln der Flüchtlinge auf der Ladefläche. "Ich wusste nicht, dass die Insassen in Gefahr sind", meinte er in seiner schriftlichen Aussage. Der Drittangeklagte, der den Transport begleitet hatte, behauptete demnach, in der Lkw-Wand sei ein Loch zu sehen, durch das jemand einen Finger gesteckt habe – also hätten die Flüchtlinge genug Luft. Auch der Vizechef habe den Fahrer beruhigt, dass die Insassen, um mehr Luft zu bekommen, die Gummidichtung des Fahrzeugs entfernt hätten.

Mehr als 1.200 Menschen geschleppt

Die Bande hat laut Anklage mehr als 1.200 Menschen illegal nach Westeuropa gebracht. Dabei kassierte allein der Bandenchef mehr als 300.000 Euro. Ab Juni 2015 schmuggelte die Gruppe verstärkt Flüchtlinge von Serbien über Ungarn nach Österreich und Deutschland. 31 solcher Fahrten konnte die Staatsanwaltschaft in Ungarn nachweisen. (APA, 29.6.2017)

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