Vatikans Finanzchef wegen Missbrauchs angeklagt

29. Juni 2017, 15:46
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George Pell, Finanzchef und Nummer drei im Vatikan, wird von einem Missbrauchsskandal eingeholt

Der Vizepolizeichef des australischen Bundesstaats Victoria, Shane Patton, hat am Mittwoch bekanntgegeben, dass gegen George Pell Anklage wegen Missbrauchs erhoben werde. Im Vatikan war es zu dieser Zeit drei Uhr morgens. Wenige Stunden später trat der sichtlich gezeichnete 76-jährige Pell im vatikanischen Pressesaal vor die Medien und wies die Vorwürfe entschieden zurück: "Ich bin unschuldig. Die Vorwürfe sind vollkommen falsch", betonte der Kardinal. Er sei froh, dies bald vor Gericht zeigen zu können. "Der Prozess ermöglicht es mir, meinen Namen reinzuwaschen."

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George Pell, Finanzchef und Kurienkardinal, soll als junger Priester mehrere Buben sexuell belästigt haben.

Pell: "Rufmordkampagne"

Um dies zu tun und am 18. Juli in Melbourne zur ersten Gerichtsverhandlung zu erscheinen, hat Pell sein Amt als vatikanischer Finanzchef vorübergehend niedergelegt. Wenn er seine Unschuld bewiesen habe, werde er zurückkehren und weiterarbeiten, sagte Pell. Für ihn sind die Anschuldigungen nichts anderes als eine "Rufmordkampagne".

Der frühere Erzbischof von Melbourne und Sydney war im Februar 2014 von Papst Franziskus zum Präfekten des vatikanischen Wirtschaftsrats und damit zum Herrn über die Finanzen und weltlichen Besitztümer des Kirchenstaats ernannt worden. Der Australier ist somit einer der mächtigsten Männer im Vatikan und der höchste kirchliche Würdenträger, der sich jemals wegen Missbrauchs vor einem Gericht verantworten musste.

Mann fürs Grobe

Der kräftig gebaute und einen rustikalen Umgangston pflegende Prälat wird im Vatikan von allen nur der "Ranger" genannt. Für das Ausmisten der intransparenten Vatikanfinanzen hatte der Papst einen Mann fürs Grobe gebraucht, und dafür schien der theologisch konservative Pell genau der Richtige zu sein.

Doch nun wird der "Ranger" von seiner Vergangenheit eingeholt. Welche Delikte genau dem Kurienkardinal vorgeworfen werden, hat Shannon nicht bekanntgegeben. Die Ermittlungen waren vor zwei Jahren eingeleitet worden, nachdem sich eine staatliche Untersuchungskommission mit dem massenhaften Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Kirchenmänner in den 1970er- bis 1990er-Jahren befasst hatte.

Vor allem während seiner Zeit als Priester in seinem Geburtsort Ballarat hatten sich diese Missbräuche zum Teil in unmittelbarer Nähe des späteren Erzbischofs und Kurienkardinals abgespielt. Mit einem verurteilten Täter, der mehr als hundert Kinder sexuell missbraucht hatte, lebte Pell sogar im gleichen Priesterseminar. Im vergangenen Juli haben zwei Männer schließlich direkte Missbrauchsvorwürfe gegen den vatikanischen Finanzchef erhoben.

foto: afp photo / alberto pizzoli
Kurienkardinal George Pell trat bereits am Donnerstagmorgen vor die Presse und stritt jeden Kindesmissbrauch ab. Er wolle in Australien nun seinen "Namen wieder reinwaschen".

"Schreckliche Fehler" zugegeben

Dass er persönlich Missbräuche begangen habe, hat Pell immer vehement in Abrede gestellt. In Befragungen durch die australische Untersuchungskommission im Jahr 2015 und durch die australische Polizei 2016 hatte Pell jedoch eingeräumt, dass die australische Kirche Kindesmissbrauch jahrelang heruntergespielt und "schreckliche Fehler" begangen habe. Auch er selbst habe damals "die starke Tendenz gehabt, eher einem Priester zu glauben, der die Taten bestritt, als dem Opfer, das ihn beschuldigte".

Dass der damals höchste Geistliche Australiens trotz seiner Nähe zum Geschehen jahrzehntelang nichts Konkretes gewusst habe, wird ihm immer weniger abgenommen, zum Teil auch in Rom. Im Juni 2014 war es deswegen im Vatikan zu einem kleinen Eklat gekommen: Der Engländer Peter Saunders, Mitglied der von Papst Franziskus eingesetzten vatikanischen Antimissbrauchskommission und in seiner Kindheit ebenfalls Opfer eines pädophilen Priesters, hatte den australischen Kardinal attackiert: "Pell spielt ein Spielchen mit der Kommission, aber vor allem mit allen Opfern. Deswegen müsste er vom Papst zurück nach Australien geschickt werden", forderte Saunders.

Papst: "Respekt vor Justiz"

Der Vatikan hat die Anklage gegen Pell am Donnerstag mit "Bedauern" zur Kenntnis genommen und seinen "Respekt vor der australischen Justiz" zum Ausdruck gebracht. Der Papst hat seinem wichtigen und engen Mitarbeiter jedoch sogleich den Rücken gestärkt: "Während seiner Arbeit in der Römischen Kurie hat der Heilige Vater die Ehrlichkeit von Kardinal Pell schätzen gelernt; er ist ihm dankbar für seinen energischen Einsatz bei der Reform der wirtschaftlichen und administrativen Belange der Kurie und für seine aktive Teilnahme im Kardinalsrat zur Kurienreform", erklärte der Papstsprecher. Außerdem erinnerte er daran, dass Pell Missbrauch durch Priester seit Jahrzehnten als "unmoralisch und intolerabel" brandmarke und dass er in Australien als Erzbischof in seinen Diözesen Prozedere geschaffen habe, um Minderjährige zu schützen. (Dominik Straub aus Rom, 29.6.2017)

Hinweis:

Der Agenturtext wurde durch den Bericht unseres Korrespondenten ersetzt.

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