"Männer machen Männlichkeit zu sehr von den Frauen abhängig"

    Interview29. Juni 2017, 11:10
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    Soziologe Richard Schneebauer über Männer in der Krise und die Führungsrolle in der Küche

    STANDARD: Herbert Grönemeyer sang 1984: "Männer haben's schwer, nehmen's leicht / Außen hart und innen ganz weich / Werden als Kind schon auf Mann geeicht" – würden Sie das 2017 noch unterschreiben?

    Schneebauer: Es ist viel passiert, am Problem hat sich aber wenig geändert. Grönemeyer war aber sicher seiner Zeit voraus. Er hat damals schon ein Thema aufgegriffen, über das eigentlich keiner geredet hat. Männerforschung war damals maximal eine Randnotiz. Die Frage, wie es den Männern geht, hat sich in den 80er-Jahren keiner gestellt. Die Frauen hingegen haben sich selbst beforscht, wurden beforscht.

    STANDARD: Wie steht es um den Mann von heute?

    Schneebauer: Die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Aber es ist für den Mann von heute eine Umbruchszeit. Und ein Umbruch bringt immer eine Verunsicherung mit sich. Der Mann von heute ist tief drinnen unsicher. Was früher ein starres Konstrukt war – "So muss man sein als Mann" –, bricht nach und nach auf. Was ja grundsätzlich eine gute Entwicklung ist. Aber andererseits sollte man als moderner Mann heute plötzlich alles sein. Die Rolle ist nicht mehr klar definiert.

    STANDARD: Buben, die in der Schule einen Rivalen verdreschen, sind heute eher ein Fall für den Psychologen und eine Dosis Ritalin. Lob vom Papi gibt's eher nicht. Liegt das Problem nicht auch in der Erziehung?

    Schneebauer: Früher hat es klar heißen: A Bua' weint nicht. Wenn heute Tränen fließen, kommt die Mama, die Kindergärtnerin, die Volksschullehrerin – und alles sagen: "Kind, du darfst weinen." Das hilft dem Buben noch nicht wirklich. Dafür braucht es auch Männer, die sowohl stark und klar sind als auch Tränen okay finden.

    STANDARD: Erziehen wir unsere Buben zu Weicheiern?

    Schneebauer: So weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber das Problem etwa im Pädgogikbereich ist, dass es dort kaum Männer gibt. Was den Burschen meist fehlt, sind Männer im Alltag. Von Beginn ihres Lebens an fehlt vielen Männern ein männliches Vorbild und eine Vertrauensperson. Emotionale Nähe, nährende Freundschaft und Herzlichkeit sind dabei oft Mangelware, ganz zu schweigen von Körperkontakt.

    STANDARD: Das heißt also, dass bei der Erziehung zu viel in Frauenhand ist?

    Schneebauer: Ja, definitiv. Und das heißt, dass wir Männer es dringend in die Hände nehmen müssen. Und darum müssen wir Männer endlich aufwachen. Da gilt es vieles aufzubrechen.

    STANDARD: Faktum ist aber doch, dass es eine klassische Rollenverteilung heute nicht mehr gibt. Männer legen auch klassisch weibliches Verhalten an den Tag, Frauen auch klassisch männliches. Macht das die Sache nicht unglaublich kompliziert?

    Schneebauer: Es braucht beide Seiten in uns allen. Und wir müssen erkennen, dass den Geschirrspüler einräumen kein weibliches Verhalten ist, sondern gemacht werden muss –von wem, sollte keine Frage des Geschlechts sein. Es wäre wichtig, dass Männer wie Frauen auch die weiche Seite zulassen. Das ist in unserer Alles-soll-funktionieren-Zeit mittlerweile auch für Frauen schwerer geworden. Aber wie gesagt: Gerade bei den Männern gibt es heute eine große Verunsicherung. Einerseits wollen wir nicht mehr so werden wie die Macho-Generation vor uns, anderseits wollen wir doch eine Führungsrolle übernehmen. Wir wollen quasi die Frauen beim Tanzen führen, aber eben nicht einfach drüberfahren.

    Und diesen Konflikt können Männer am besten unter Männern lösen. Ganz klar: Wir Männer machen unsere Männlichkeit viel zu sehr von den Frauen abhängig. Wann geht's uns gut? Genau, wenn die Frauen uns anstrahlen. Wenn Männer den Geschirrspüler ausräumen, weil Männer das heute auch machen und weil sich das eben so gehört, dann fühlen sie sich oft als Hilfsarbeiter für die Frau und machen es nicht aus eigenem Antrieb. Vor lauter Funktionieren kommen den Männern heute ihre Werte, die Freude und Leichtigkeit des Lebens abhanden.

    STANDARD: Sie plädieren für mehr männliche Solidarität, das soll uns den Frauen gegenüber stärken. Damit werden sie sich auf weiblicher Seite wohl keine Freunde machen.

    Schneebauer: Ich plädiere ja nicht dafür, dass die Frauen zurück an den Herd müssen. Faktum ist, dass wir Männer deutlich mehr Solidarität brauchen. Eine Solidarität, die nicht gegen Frauen gerichtet ist, sondern eine, die uns Männer innerlich stärkt, damit wir gut und auf Augenhöhe mit Frauen reden und leben können. Es kann doch nicht sein, dass heute alle Papas bei der Geburt dabei sein müssen, nur weil sie sonst als Weicheier gelten. Es ist doch traurig, dass sich heute keiner mehr traut zu sagen: "Tut mir leid, Frauensachen. Das ist nix für mich, ich warte vor dem Kreißsaal." Es braucht bei den Männer mehr Mut, zu den eigenen Gefühlen zu stehen. Natürlich muss ich als Mann diese erst einmal spüren.

    STANDARD: In Ihrem Buch machen sie drei große Angstfelder aus, die Männer daran hindern, sich zu spüren und sich um ihre Gefühle zu kümmern. Wo liegt genau das Problem?

    Schneebauer: Männer leiden enorm unter Ängsten vor erneutem Verletztwerden, der eigenen Wut und Homophobie. Emotionale Nähe, nährende Freundschaft und Herzlichkeit sind oft Mangelware, ganz zu schweigen von Körperkontakt.

    STANDARD: Studien sagen aber, dass nur 15 bis 20 Prozent der erwachsenen Männer einen Freund zum Reden haben. Warum sind Sie dennoch überzeugt, dass Männer einen Mann zum Reden brauchen?

    Schneebauer: Ganz einfach: Für das Lebensglück eines Mannes ist es wichtig zu wissen, dass andere Männer die gleichen Sorgen haben wie ich, mir zuhören und mich ernst nehmen, wenn ich darüber erzähle. Auch wir Männer sind soziale Wesen. Und nur durch den regelmäßigen Kontakt mit anderen Männern kann eine Unabhängigkeit von den Frauen entstehen.

    STANDARD: Das setzt aber voraus, dass auch Frauen ihre inneren Rollenbilder und ihre Haltung Männern gegenüber reflektieren und Verständnis dafür entwickeln, dass Männer öfter alleine unterwegs sind, oder?

    Schneebauer: Natürlich. Aber ich rede ja nicht davon, dass Männer dreimal pro Woche zum Stammtisch pilgern sollen. In zwei Wochen ein Abend ist doch eh schon super. Und nach dem zehnten Abend merken auch die Frauen: Mein Mann kommt nach diesen Männerabenden anders heim. Und es tut uns beiden gut.

    STANDARD: Sind die Zeiten von John Wayne und Charles Bronson vorbei?

    Schneebauer: Definitiv. Diese Ideale strebt kein moderner Mann mehr an. (Markus Rohrhofer, 29.6.2017)

    Richard Schneebauer (44) ist Soziologe und seit 17 Jahren in der Männerberatung des Landes Oberösterreich tätig. Der Vater von zwei Kindern ist selbstständiger Trainer und Coach sowie Dozent an der Linzer Johannes‐Kepler‐Universität.

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    • Richard SchneebauerMännerabend Warum Männer einen Mann zum Reden brauchen – und was Frauen darüber wissen solltenGoldegg-Verlag 2017220 Seiten, 22 Euro

      Richard Schneebauer
      Männerabend

      Warum Männer einen Mann zum Reden brauchen – und was Frauen darüber wissen sollten
      Goldegg-Verlag 2017
      220 Seiten, 22 Euro

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