Lebenszeit ohne natürliche Obergrenze

28. Juni 2017, 19:00
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Kanadische Forscher bezweifeln in einer aktuellen Studie, dass ein höchstmögliches Alter für Menschen existiert

Montreal/Wien – Jeanne Calment starb am 4. August 1997 im sagenhaften Alter von 122 Jahren. Niemand sonst lebte jemals so lange, zumindest nach offiziellen und wissenschaftlich überprüften Erkenntnissen. Die Rekordhalterin aus Arles in der französischen Provence kümmerte sich nach eigenen Angaben nicht sonderlich um ihre Gesundheit, im Gegenteil: Sie war bis zu einem Alter von 119 Jahren Raucherin, hing also fast 100 Jahre am Glimmstängel.

Menschen wie Jeanne Calment oder die Jamaikanerin Violet Brown – die mit 117 Jahren derzeit älteste lebende Person – haben Wissenschafter seit jeher fasziniert und letztlich die Frage aufgeworfen: Wie alt kann ein Mensch maximal werden? US-Forscher glaubten in einer im vergangenen Oktober veröffentlichten "Nature"-Studie eine Antwort gefunden zu haben. Die Forscher um Jan Vijg hatten demografische Daten aus über 40 Ländern analysiert und sind dabei zu dem Schluss gekommen: Bei 125 Jahren sei endgültig Schluss. Der Großteil der Supercentenarians dürfte demnach 115 Jahre nur in Einzelfällen überschreiten.

Kein Limit in Sicht

Dem widerspricht nun ein Team um Bryan G. Hughes und Siegfried Hekimi von der McGill University im kanadischen Montreal. In gleich fünf ebenfalls in "Nature" präsentierten Arbeiten kommen die Wissenschafter zu völlig anderen Ergebnissen, was die künftige maximale Lebenserwartung betrifft. Sie analysierten Daten zu den langlebigsten Individuen in den USA, Großbritannien, Frankreich und Japan für jedes Jahr seit 1968 und konnten dabei keinen Hinweis entdecken, dass überhaupt ein Limit existiert.

Auch die medizinischen Ergebnisse der vergangenen Jahrzehnte würden in diese Richtung weisen, so die Forscher. Der Alterungsprozess sei eine progressive Anhäufung unterschiedlicher körperlicher Verfallserscheinungen. Von einem genetisch vorprogrammierten Lebensende, einem biologischen Limit, sei dagegen weit und breit nichts zu sehen.

"Wir wissen daher nicht, wo dieses Limit liegen könnte. In Wahrheit zeigen unsere Trendanalysen vielmehr, dass die höchsten Lebenserwartungen für die absehbare Zukunft immer weiter ansteigen", meint Hekimi. In den letzten 100 Jahren sei die Durchschnittslebenserwartung in Kanada von 60 auf heute 82 Jahre angewachsen, so der Biologe. "Wir glauben, dass die künftigen maximalen Lebensalter dieser Entwicklung folgen werden." (Thomas Bergmayr, 28.6.2017)

  • Geburtstagsküsse für eine 120-Jährige: Kein Mensch lebte bisher länger als Jeanne Louise Calment, die im Alter von 122 verstarb. Kanadische Forscher vermuten, dass das maximale Lebensalter von Menschen noch viel höher liegen könnte.
    foto: reuters / jean-paul pelisser

    Geburtstagsküsse für eine 120-Jährige: Kein Mensch lebte bisher länger als Jeanne Louise Calment, die im Alter von 122 verstarb. Kanadische Forscher vermuten, dass das maximale Lebensalter von Menschen noch viel höher liegen könnte.

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