Britischer Minister: London soll EU-Finanzzentrum bleiben

Interview29. Juni 2017, 12:00
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Handelsminister Greg Hands will Großbritannien zum Freihandelschampion machen

STANDARD: Sie haben in Deutschland und Tschechien gearbeitet, sich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU eingesetzt und sind mit einer deutschen Frau verheiratet. Wie ist das damit vereinbar, die britischen Handelsinteressen während des Brexits zu vertreten?

Hands: Ich habe voriges Jahr für einen Verbleib in der EU gekämpft. Das ist jetzt egal, weil sich die Briten mehrheitlich dafür entschieden haben, aus der Union auszusteigen. Als Regierungsmitglied muss ich der Entscheidung jetzt folgen. Es ist wichtig, dass wir eine hervorragende Beziehung zu anderen EU-Staaten, wie zum Beispiel Österreich, aufrechterhalten. Großbritannien bleibt – wie auch früher schon – offen für Investments und Gäste.

STANDARD: Mit dem Brexit machen sich die Briten nicht viele Freunde in Brüssel. Ist so ein Szenario dann überhaupt realistisch?

Hands: Ich bin optimistisch, dass wir eine gute Einigung finden. Natürlich haben die Verhandlungen gerade erst begonnen und befinden sich noch im Frühstadium. Beide Seiten wollen letzten Endes freien Handel, beide Seiten wollen eine gute Kooperation, was Sicherheit und Antiterrormaßnahmen angeht. Es gibt viel mehr, was uns vereint, als was uns trennt.

STANDARD: Wie könnte ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien aussehen?

Hands: Im Gegensatz zu vielen anderen Abkommen starten wir aus einer Position des barrierefreien Handels zwischen Großbritannien und der EU. Normalerweise muss zuerst geklärt werden, welche Hürden es gibt und wie diese abgebaut werden können. Es müsste jemand sagen, wir wollen Hürden aufbauen – das würde keinen Sinn machen. Ich glaube, dass wir in einer guten Position sind, aber es werden keine leichten Verhandlungen werden.

STANDARD: Bis Großbritannien formell die EU verlässt, darf es keine Freihandelsabkommen mit anderen Ländern unterzeichnen. Welche Länder sind dann die ersten Kandidaten?

Hands: Wir haben Arbeitsgruppen für 15 Länder und versuchen Handelspartner wie Kanada und Australien für uns zu gewinnen, aber auch einige der größeren Schwellenländer wie Indien oder China. Es ist zu früh zu sagen, mit welchen wir als Erstes Freihandelsabkommen abschließen werden. Wir können aber auch ohne Freihandelsabkommen bereits viel im Handelsbereich machen und Barrieren abbauen. Das hängt nicht vom Brexit ab. Großbritannien will weltweit größter Verfechter des Freihandels werden.

STANDARD: Was planen Sie konkret?

Hands: Das geht bei kleinen Details los wie dem Hürdenlauf, den manche Dienstleistungen und Produkte jetzt noch durchlaufen müssen, bis hin zu größeren Dingen wie dem Abbau von Zöllen. Oder einfach Regelungen, die britische Dienstleistungen von einem Markt fernhalten und umgekehrt. In Großbritannien spielt das Finanzwesen zum Beispiel eine wichtige Rolle. Wir wollen, dass unsere Finanzdienstleister Zugang zu großen Märkten haben. Daran arbeiten wir im Moment.

STANDARD: Es sind doch gerade Finanzinstitute und Banken, die überlegen, Großbritannien nach dem Brexit zu verlassen.

Hands: Da kann ich Ihnen nicht zustimmen. Banken investieren zurzeit sehr viel in Großbritannien. Es kann sein, dass Banken, die bisher nur in Großbritannien arbeiten, überlegen, anderswo in Europa Ableger einzurichten. Aber sie stehen hinter London, weil es ein guter Ort für Finanzgeschäfte ist. Wir haben die größte Finanzinfrastruktur innerhalb der europäischen Zeitzone. London muss kompetitiv bleiben. Ich glaube nicht, dass es im Interesse der europäischen Länder liegt, zwischen sich selbst und London Handelsbarrieren aufzubauen. Europäische Unternehmen und Einzelpersonen müssen Zugang zu Kapitalmärkten haben. Und der befindet sich eben in London.

STANDARD: Sie glauben also, dass London das Finanzzentrum Europas bleiben wird?

Hands: Ich glaube, dass die Europäische Union sich einig ist, dass London das Finanzzentrum bleiben soll. Die Anzahl an Menschen, die in London im Finanzbereich arbeiten, ist größer als die Gesamtbevölkerung von Frankfurt.

STANDARD: US-Präsident Donald Trump möchte ein Freihandelsabkommen mit Großbritannien einem mit der EU nachreichen. Ein Rückschlag?

Hands: Die USA sind der größte bilaterale Handelspartner Großbritanniens. Was den Handel angeht, haben wir eine sehr gute Beziehung – unabhängig davon, wer gerade Präsident ist. Ich glaube, dass der Handel zwischen den beiden Ländern weiter gut laufen wird. Was ein künftiges Handelsabkommen betrifft, kann man in diesem Frühstadium kaum etwas sagen. Der US-Handelsbeauftragte wurde gerade erst vom Kongress bestätigt.

STANDARD: Angela Merkel will zuerst die Brexit-Hauptpunkte klären, bevor sie sich Handelsfragen widmet. Hat Großbritannien dadurch einen Nachteil?

Hands: Nicht unbedingt. Beide Seiten haben klargemacht, dass nichts ausgemacht ist, bis alles ausgemacht ist. Das ist ein wichtiges Prinzip in den Verhandlungen. Beide Seiten werden einen guten Deal verhandeln wollen. 44 Prozent der britischen Exporte gehen in die EU. Andersherum hat die EU einen Handelsüberschuss von über 60 Milliarden Euro gegenüber Großbritannien. Diese beiden Tatsachen sollten dazu führen, dass beide Seiten gut zusammenarbeiten und den freien Handel vorantreiben.

STANDARD: Sie haben angekündigt, dass Briten durch niedrigere Preise und eine größere Auswahl an Produkten profitieren werden. Hat der niedrige Pfundkurs nicht das Gegenteil bewirkt?

Hands: Die Preise in Großbritannien sind gestiegen, ja. Die Inflation liegt derzeit bei 2,7 Prozent – das ist höher, als wir sie gerne hätten. Gleichzeitig wird der Handel in Zukunft offen für eine größere Bandbreite an Herkunftsländern sein. Das wird ein Vorteil für britische Konsumenten sein.

STANDARD: Würde das Brexit-Referendum anders ausgehen, wenn es heute stattfinden würde?

Hands: Die Briten haben sich vergangenes Jahr dafür entschieden, die EU zu verlassen. Es gibt nicht so etwas wie eine monatliche Abstimmung. Ich habe die aktuellen Umfragen nicht gesehen, aber Referenden finden einfach nicht fortlaufend statt. Es haben mehr Menschen für den Brexit gestimmt als jemals für eine politische Partei.

STANDARD: Sie glauben die Briten trotz des katastrophalen Wahlausgangs hinter sich?

Hands: Ja, ich glaube, dass die Briten hinter uns stehen. Die Konservativen haben 318 der 650 Sitze im Parlament für sich errungen. Wir haben die Wahl gewonnen, und Theresa May bleibt Premierministerin. Am Montag wurde die Regierung gebildet, das ist wichtig, wenn wir diese schwierigen Verhandlungen antreten.

STANDARD: Welcher Zeitrahmen wird für EU-Bürger nun gelten, damit sie eine permanente Aufenthaltsgenehmigung bekommen?

Hands: Der genaue Zeitpunkt wird erst geklärt. Es werden auf jeden Fall fünf Jahre sein, wann genau die Frist beginnt, kann ich aber nicht sagen. Wir müssen auf jeden Fall einmal beobachten, was die Union Briten anbietet, die in der EU leben. Das ist etwas, was wir auf bilateraler Ebene klären möchten. Jene Zeit, die EU-Bürger bereits in Großbritannien gelebt haben, wird auf jeden Fall zu den fünf Jahren dazuzählen.

STANDARD: Die Entscheidung wird gefällt, nachdem klar ist, wie es Briten in der EU geht?

Hands: Ich hoffe, dass wir ein gegenseitiges Einverständnis finden. Dass beide Seiten reziproke Rechte haben. Ich glaube auch, dass beide Seiten das begrüßen würden. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es dahingehend Probleme geben wird. EU-Bürger sind ein wichtiger Bestandteil unserer Wirtschaft, unserer Gesellschaft und Großbritanniens. Deshalb muss es möglich sein, dass sie weiter in Großbritannien leben, wenn sie das wollen. (Nora Laufer, 29.6.2017)

Greg Hands (51) ist Mitglied der Konservativen Partei und britischer Handelsminister. Er hat gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt.

  • Mit eiligem Schritt zur nächsten Verhandlungsrunde: Der britische Handelsminister war ursprünglich ein Brexit-Gegner und hat auch gegen einen Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt. Nun versucht er das Beste aus der Situation zu machen.
    foto: afp/justin tallis

    Mit eiligem Schritt zur nächsten Verhandlungsrunde: Der britische Handelsminister war ursprünglich ein Brexit-Gegner und hat auch gegen einen Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt. Nun versucht er das Beste aus der Situation zu machen.

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