Die erste Burg der Herren von Meillionydd

Blog29. Juni 2017, 08:00
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"Croeso i Gymru", willkommen in Wales! Auf Grabungskampagne im Nordwesten des Landes

Es ist wieder einmal so weit, wir sind zurück im Nordwesten von Wales. Es ist bereits das achte Grabungsjahr, und die Spannung, was die heurige Kampagne für uns bereithält, lässt uns die Mühen der ersten Grabungstage rasch wieder vergessen. Uns schmerzen zwar noch immer die Muskeln vom händischen Abstechen und Aufschichten der Rasenziegel, die wir aus dem Bereich des Schnittes entfernt haben. Aber wenn wir uns nun in den Grabungspausen in das damit errichtete Rundhaus zurückziehen können, hat sich die Mühe auf jeden Fall gelohnt.

foto: bangor university
Entspannung in den Pausen – im aus Rasenziegeln errichteten Rundhaus.

Die Llŷn, ein Rückzugsgebiet der walisischen Sprache

Unser Untersuchungsgebiet befindet sich am äußersten Ende der Llŷn (ausgesprochen: 'chlin' mit einem leicht kehligen 'ch' und einem langen 'i'), einer langgezogenen Halbinsel im Nordwesten von Wales. Die hügelige Landschaft erinnert an eine Mischung zwischen Irland und Schottland – dennoch ist hier etwas ganz anders: Überall liegt der Klang der walisischen Sprache in der Luft.

Die Llŷn ist eines der Rückzugsgebiete, in denen die walisische Sprache noch das alltägliche Leben der Einheimischen prägt. So erlernen die meisten hier aufwachsenden Kinder erst in der Schule Englisch – sozusagen als Zweitsprache. Betritt man eines der kleinen Lebensmittelgeschäfte oder das lokale Pub, so ist man oft der Einzige, der Englisch spricht. Für sprachwissenschaftlich geprägte Keltologen wie uns macht das einen der besonderen Reize aus, die uns Jahr für Jahr in diese abgelegene Gegend locken.

grafik: m. wallner, t. trausmuth, k. löcker
Digitales Geländemodell der bronze- und eisenzeitlichen Siedlung von Meillionydd mit Interpretation der Bodenradardaten in 60 bis 100 Zentimeter Tiefe.

Die Grabungsstätte: Meillionydd

Die Fundstelle selbst liegt auf einem dem Hügel "Mynydd Rhiw" vorgelagerten Rücken und wird als "double ringwork enclosure" kategorisiert. Diese Siedlungsform mit ihrer doppelten Wall-Graben-Befestigung ist typisch für den Nordwesten von Wales und zeigt mehr Ähnlichkeiten zu den in Irland häufig anzutreffenden "ringforts" als zu den größeren befestigten bronze- und eisenzeitlichen Hügelfestungen Englands. Dies mag wohl auf die, auch in den mittelalterlichen Mythen und Sagen überlieferten, engen Verbindungen zwischen Irland und Wales zurückzuführen sein. An einem schönen Tag mit klarer Sicht kann man von hier aus sogar die Silhouette der irischen Küste erkennen.

In Sichtweite unserer Grabungsstätte befinden sich zwei weitere Siedlungen des gleichen Typs und direkt auf der anderen Seite des "Mynydd Rhiw" – circa 500 Meter Luftlinie entfernt – eine weitere.

Die Erforschung der Siedlung von Meillionydd, die etwa vom 8. bis zum 3. Jahrhundert v. Chr. bewohnt gewesen sein dürfte, erfolgt im Rahmen einer Lehrgrabung der Universitäten Bangor (Nordwales) und Wien.

foto: m. wallner
Orthofotos der bisherigen Grabungsschnitte, hinterlegt mit den Bodenradar-Prospektionsdaten.

Bestattungen innerhalb der Rundhäuser?

Innerhalb der Siedlung von Meillionydd finden sich vor allem Spuren sogenannter Rundhäuser, die typische Hausform der Spätbronze- und Eisenzeit auf den Britischen Inseln. Interessant ist, dass die meisten dieser Rundhäuser am Ende ihrer Lebenszeit nicht einfach verfallen gelassen oder abgerissen und eingeebnet wurden, sondern – scheinbar im Rahmen eines "Aufgaberitus" – mit ausgewählten Steinen, darunter zahlreichen Kochsteinen, verfüllt wurden. In den eingebrachten Steinlagen finden sich auch immer wieder intentionell deponierte Fundgegenstände wie zum Beispiel Spinnwirteln.

Nachdem sich in den Häusern in aufgelassenen und ebenfalls steinverfüllten Vorratsgruben auch Hinweise auf Bestattungen finden, liegt die Vermutung nahe, dass die Häuser nach dem Ableben ihres Eigentümers abgerissen und dann gleich als Grabstätte für den Verstorbenen benutzt wurden. Sicher können wir uns allerdings nicht sein: Der stark saure Boden auf der Fundstelle löst nämlich sowohl Knochen als auch die meisten Metallfunde in wenigen Jahrhunderten nahezu vollständig auf. Nur besondere Funde wie steinerne Spinnwirteln (Handspindeln) und Glasperlen, die sich in den Gruben finden, weisen darauf hin, dass die Häuser auch als Begräbnisstätten benutzt wurden.

Eine der gefundenen steinernen Spinnwirteln.

Neue Erkenntnisse zur Besiedelungsintensität

Die bisherigen Grabungsergebnisse zeigen, dass die Fundstelle durchgehend relativ dicht besiedelt war. Insgesamt können derzeit zwölf verschiedene Bauphasen unterschieden werden. Die zu den einzelnen Bauphasen gehörenden Rundhäuser dürften daher eine durchschnittliche Lebensdauer von etwa 30 bis 50 Jahren gehabt haben, ehe sie abgerissen und durch neue Häuser ersetzt wurden.

grafik: r. karl
Der Gesamtgrabungsplan der Jahre 2010 bis 2015 zeigt die komplexe Abfolge von Rundhäusern im Eingangsbereich.

Im Verlauf der Besiedelung wurde die Siedlung von Meillionydd architektonisch mehrfach bedeutend umgestaltet. Waren die Häuser der ersten fünf Bauphasen Holzbauten, wurden Häuser ab der sechsten Bauphase mit trockengemauerten Steinschalenmauern erbaut. Auch war die Siedlung nicht immer von einer doppelten Ringwallanlage umgeben. Vielmehr begann sie, wohl im 8. Jh. v. Chr., als offene Siedlung. Erst nach zwei Bauphasen (im 7. Jh. v. Chr.) wurde die Siedlung mit zwei seichten Gräben und einer Holzpalisade mit Torhaus umfriedet; die mit trockengemauerten Steinfassaden gestalteten Erdwälle, die die Siedlung in eine doppelte Ringwallanlage verwandelten, entstehen erst in der sechsten Bauphase (ca. im 6. Jh. v. Chr.) und wurden wohl von einem einflussreichen Gutsherrn zum Zeichen seines persönlichen Einflusses errichtet.

foto: m. wallner
So könnte die Siedlung in ihrer Glanzzeit einst ausgesehen haben.

Die mit einem eindrucksvollen inneren Zangentor mit Torturm ausgestaltete Ringwallanlage bestand allerdings nicht lange: Schon in Bauphase 8 (ca. 5. Jh. v. Chr.) wurden die Wälle nicht mehr repariert und in den ehemaligen eindrucksvollen inneren Eingang ein Rundhaus gebaut, das diesen vollständig blockierte. Da die Besiedelung der Fundstelle sich noch weitere zwei bis drei Jahrhunderte fortsetzte, kann davon ausgegangen werden, dass die Wälle rund um die Siedlung schon im 5. Jh. v. Chr. so weit verfallen waren, dass man den inneren Wall einfach überwinden konnte. Scheinbar war es für die Bewohner der Siedlung nun wichtiger, die zeitliche Tiefe und Beständigkeit ihres Wohnsitzes zu betonen. Das prunkvolle Anwesen als Statussymbol dürfte dagegen an Bedeutung verloren haben.

Die Herren von Meillionydd

Apropos Irland: In der frühmittelalterlichen irischen Literatur werden doppelte Ringwallanlagen wie die von Meillionydd als die Burgen von hochrangigen Adeligen beschrieben. Sowohl von den Dimensionen der besiedelten Fläche her – Meillionydd ist etwa 0,8 Hektar groß – als auch der Wälle und auch der des zentralen Rundhauses – das circa zehn Meter Innendurchmesser gehabt haben dürfte – ist die Übereinstimmung zwischen Meillionydd und der Festung eines "aire ardd" (hoher Herr) frappant.

Natürlich können wir nicht mit Sicherheit sagen, ob die Herren von Meillionydd so etwas Ähnliches wie Fürsten waren. Was wir aber in Meillionydd auf jeden Fall fassen können, ist die Verlagerung von architektonischer Monumentalisierung aus dem öffentlichen Raum von Steinkreisen und Gemeinschaftsgrabhügeln in den privaten Raum des Siedlungswesens. Wir scheinen daher in Meillionydd die Entstehung einer sozialen Hierarchisierung zu fassen, die in der Adelsschicht des Vereinigten Königreichs bis heute fortlebt: In Meillionydd ließ sich – wohl im 6. Jh. v. Chr. – eine entstehende Adelsfamilie ihre erste Burg bauen. (Mario Wallner, Tanja Trausmuth, Raimund Karl, 29.6.2017)

Raimund Karl hat an der Universität Wien Ur- und Frühgeschichte studiert und ist ebendort für keltische Altertumskunde habilitiert. Er arbeitet seit 2001 in Großbritannien und ist derzeit Professor für Archäologie und Denkmalpflege an der Bangor University in Nordwales.

Tanja Trausmuth hat in Wien Keltologe studiert und arbeitet am Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie in Wien. Hier ist sie sowohl für die Aufnahmen der Prospektionsdaten im Feld, als auch für deren Interpretation zuständig.

Mario Wallner hat in Wien Keltologe studiert und arbeitet am Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie in Wien. Er beschäftigt sich vor allem mit der Integration von verschiedenen Prospektionsdaten sowie deren Visualisierungen.

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