Pilz – und ein ganz normaler Vorgang

Kommentar der anderen28. Juni 2017, 14:31
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Was soll die Aufregung? In einer Partei müssen ein paar Ältere gehen, um Jüngeren Platz zu machen. Das ist eine demokratische Praxis, für die sich die Grünen nicht schämen müssen. Eine Entgegnung auf Alfred J. Noll

So, jetzt wissen wir's also: Alfred J. Noll wird die Grünen nicht mehr wählen ("Politisch obsolet: Grüne auf Selbstzerstörungstrip", STANDARD vom 27. Juni). Der Grund: Sie haben den einzigen Abgeordneten, der seinen Vorstellungen von politischer Intelligenz, Widerständigkeit, Humor entspricht und der zudem jung und den Menschen zugewandt war, abgewählt.

Ganz schön nervig

Gemeint ist hier nicht der Abgeordnete Julian Schmid, auf den solche Beschreibungen ganz gut zutreffen, sondern dessen Rivale auf dem vierten Listenplatz, Peter Pilz. Der allerdings ist keinesfalls jung und, zumindest was seine meist grantelnden Medienauftritte betrifft, auch dem Menschen nicht allzu zugewandt, sondern laut Noll unangepasst, nervig und ja, widerständig.

Was soll's? Mit der Wahl des gegen 30 Jahre alten Schmid statt des über 60 Jahre jungen Pilz haben sich die Grünen selbst zerstört. Nur noch aufs Dabeisein sind sie aus und dreschen weltfremde Phrasen. Belege für diesen Niedergang hält der Herr Anwalt angesichts der erdrückenden Beweislage nicht für erforderlich, da reichen schon das Binnen-I und die Genderhybris. Mittelmäßige Gutmenschen, denen nichts anderes übrigbleibt, als sich der ÖVP an den Hals zu werfen – so jedenfalls stellt sich für Noll die Tatsache dar, dass Grüne in einigen Ländern mitregieren. Eine einzige Publikumsverhöhnung!

Die Konsequenz dieser Selbstzerstörung ist dem Hobby-Wahlprognostiker Noll klar: "Jetzt kann man sie nur mehr wählen, wenn einem politischer Artenschutz für die 'Partei mit der geringsten politischen Intelligenz' (Zitat von wem?) ein persönliches, nicht zu unterdrückendes Anliegen ist."

So also geht die grüne Welt unter, statt mit Peter Pilz, Bruno Rossmann und Gabriela Moser mit Leichtigkeit alle Probleme der Welt zu lösen, die Integration, die Wahrung der Menschenrechte, die soziale Spaltung, den Islamismus. "Schämt euch!", kann da die paternalistische Schelte des enttäuschten Anwalts der grünen Vätergeneration nur lauten.

Woher diese mit so heftigem Groll und so tiefer Verachtung – die Grünen haben sich "entblödet", sie behelligen Pilz mit einem "unsittlichen Angebot" usw. – vorgetragene Kritik? Was um Gottes willen ist geschehen?

Die Grünen haben auf ihrem Bundeskongress das gemacht, was sie vor jeder Nationalrats- oder Landtagswahl machen und was sie von allen anderen Parteien unterscheidet. Sie haben die Liste der Abgeordneten durch eine demokratische Wahl entschieden.

Tut leid, Herr Anwalt

Dabei kann – tut leid, Herr Anwalt – ein Ergebnis herauskommen, das nicht Ihrer Meinung entspricht. Die so gewählt haben, sind dann keineswegs von minderer Intelligenz, humorlos, gierig, sie stehen auch nicht notwendigerweise neben der Zeit und sie müssen sich keineswegs schämen. Sie könnten sogar für sich in Anspruch nehmen, dass sie einigen jungen Kräften den Weg ins Abgeordnetenhaus geöffnet haben, was leider das Ende der Tätigkeit einiger sehr verdienstvoller älterer mit sich gebracht hat. Das ist, Herr Anwalt, ein recht normaler Vorgang bei Wahlen, der niemandem angelastet werden kann, schon gar nicht "den" Grünen, als hätte es eine hinter den Abstimmungen waltende Mafia der Jungen gegeben, die Regie führte.

Kindischer Wunsch

Hinter der bitteren Abrechnung eines wohlbestallten Anwalts scheint mir eher der kindliche Wunsch zu walten, es möge der gewöhnliche politische und menschliche Alltag durch eine reine Ideologie des kompromisslosen Widerstandes überhöht und dadurch die eigene Existenz von jener Widerständigkeit entlastet werden, die man jeden Tag selber zu leisten hat, statt sie an glorifizierte politische Idole zu delegieren. (Bernhard Rathmayr, 28.6.2017)

Bernhard Rathmayr (Jahrgang 1942) ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck.

Kommentar der anderen von Alfred J Noll: Politisch obsolet: Grüne auf Selbstzerstörungstrip

  • Peter Pilz und Reinhold Lopatka, Kapfenberg mit Hartberg – auch das wäre gewissermaßen Brutalität. Der eine wälzt Pläne über eine eigene Liste, dem anderen bleibt wohl doch ein ÖVP-Sitz erhalten.
    foto: apa

    Peter Pilz und Reinhold Lopatka, Kapfenberg mit Hartberg – auch das wäre gewissermaßen Brutalität. Der eine wälzt Pläne über eine eigene Liste, dem anderen bleibt wohl doch ein ÖVP-Sitz erhalten.

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