"Elex" angespielt: Ein "Gothic" für die Postapokalypse

5. Juli 2017, 10:00
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Inspirationsquellen von "Fallout" bis "Mad Max" – Piranha Bytes bleiben ihren Wurzeln treu

Die Piranha Bytes sind wieder da. Nach "Gothic" und der "Risen"-Trilogie hat das deutsche Studio allerdings genug von Mittelalter und Piraten und macht sich auf in neue Lande. Dabei begibt man sich in "Elex" gleich auf einen interstellaren Sprung zum fiktiven Planeten Magalan. Das Leben der dortigen Menschheit wird von einem Kometeneinschlag kräftig durcheinander gewirbelt. Und es liegt am Spieler, im aufgeblühten Chaos die Welt zu retten.

Erscheinen wird das Action-Rollenspiel am 17. Oktober für Windows, Xbox One und Playstation 4. Der GameStandard hat eine frühe Version von "Elex" bei einem Besuch bei Publisher THQ Nordic eine Stunde lang anspielen können.

Ein Komet und seine Folgen

Zunächst zur Handlung: Der Komet hat nicht nur für einschlagsbedingten Tod und Zerstörung gesorgt, sondern den Menschen auch ein neues "Spielzeug" beschert. Und zwar das Material Elexit, das seither überall am Planeten verstreut ist und mannigfaltig genutzt wird. Während es universal als Zahlungsmittel dient, pflegen die vier in der Folge des Einschlags entstandenen Fraktionen einen unterschiedlichen Zugang.

Die Berserker etwa betrachten den Einschlag als Chance auf einen natürlichen Neustart. Sie betreiben die Wiederbepflanzung von Magalan und verzichten auf fortgeschrittene Technik. Stattdessen wandeln sie Elexit in Mana um und praktizieren damit ihre eigene Form von Magie. Die Kleriker wiederum setzen alles daran, die Technologien von früher wieder zu beleben, beten den Gott Calaan an und sehen den Gebrauch von Elex abseits des Zahlungsmittels als Sünde an. Die Outlaws hingegen sind weder an Religion, noch dem naturgewandten Leben der Berserker interessiert und pflegen eine weitgehend darwinistische Lebart. Was gebraucht wird, wird geklaut oder in Ruinen gefunden. Und Recht hat prinzipiell, wer dem anderen erfolgreich "auf’s Maul" gibt.

thq nordic
Trailer zu "Elex".

Ein Crash-Pilot mit Namen

Einen Sonderfall stellen die Albs dar. Diese haben begonnen, das Elexit zu konsumieren und festgestellt, dass es in der richtigen Dosis übermenschliche Fähigkeiten verleiht. Allerdings unterdrückt es auch Emotionen, was die Mitglieder dieser Fraktion zu erbarmungslosen Kriegern macht, die von den anderen Parteien auf Magalan nicht übermäßig viel halten.

Das gilt allerdings nicht für den Helden, der diesmal auch einen Namen bekommen soll. Denn der crasht bei einer Mission mit seinem Gleiter. Doch die standrechtliche Hinrichtung, die die Albs für ein derartiges Versagen vorsehen, klappt nicht ganz. Stattdessen wird man von einem Berserker unsanft wachgerüttelt und in die Basics der Welt eingeführt. Der Elexit-Entzug hat freilich Folgen: Die übermenschlichen Kräfte und die totale Gefühlsblockade sind dahin.

Auf dem Weg in die Berserker-Hauptstadt Edan erlernt man die Steuerung und sammelt auch einen wichtigen Ausrüstungsteil ein: Das Jetpack. "Elex" bietet mehr Bewegungsfreiheit als alle bisherigen Rollenspiele von Piranha Bytes, denn der Raketengürtel lässt sich einsetzen, um höheres Terrain zu erreichen oder in die Tiefe zu gleiten – gutes Timing vorausgesetzt. Der Sprit ist allerdings begrenzt, ein Flug über das ganze Land ist daher nicht möglich. Der Tank lädt sich aber von selbst wieder auf.

No risk, no fun

Wie "Gothic" und "Risen" bringt auch dieses Game eine offene Welt mit, in der man sich von Beginn an frei bewegen kann. Weil Gegner nicht mitleveln, muss man selber bessere Risikoeinschätzung betreiben. Neben etwaigen menschlichen Feinden und gefährlichen Maschinen wird die Landschaft auch von Überdosis-bedingt mutierten Elexit-Zombies und allerlei unfreundliches Getier bevölkert. Wer sich als Anfänger abseits der Hauptpfade bewegt, stößt mitunter auf Widersacher, die binnen Sekunden mit dem Helden kurzen Prozess machen. Im Zweifel empfiehlt es sich also, die Beine in die Hand zu nehmen.

In den Auseinandersetzungen zeigte sich das Kampfsystem dabei prinzipiell gut umgesetzt, fallweise aber etwas träge und ungenau. Der Spieler kann Magie wirken, verschiedene Schusswaffen einsetzen und mit allerlei Hieb- und Stichwaffen – bis hin zum elektrischen Sägeschwert – zuhauen. Was man einsetzen kann, hängt von den eigenen Charakterfertigkeiten ab. Ein Teil davon kann nach Levelaufstiegen einfach verbessert werden, manche Sonderfähigkeiten verlangen allerdings nach einem Mentor, den man zuerst aufspüren und in der Regel auch für seine Dienste bezahlen muss.

Über das eigene Handeln kann man sich mit den verschiedenen Fraktionen gut stellen oder sich ihren Zorn auf sich ziehen. Im Verlauf ist auch der Beitritt und Rangaufstieg möglich, was Zugang zu bestimmten Ausrüstungsgegenständen ermöglicht. Genauere Details der Handlung gab man freilich nicht preis, eine wichtige Aufgabe des Spielers wird es aber sein, die zerstrittenen Gruppen gegen den Vormarsch der Albs zu vereinen.

Die "Gothic"-Formel

Für Kenner früherer Piranha Byte-Games dürfte der Erlebnisbericht wie ein Déjà-vu klingen. Die Entwickler sind ihrer schon seit "Gothic" bekannten Formel treu geblieben, verpacken sie aber in eine futuristische Welt, die Erinnerungen an bekannte postapokalyptische Szenarien weckt und einige Abwechslung bietet.

Ob bei den Albs im hohen Norden, den üppig grünen Landen der Albs, der hochtechnologisierten Kleriker-Festung im Vulkan oder die weitestgehend aus Altmetall zusammengeschusterte Stadt der Outlaws – jede Location bringt ein einzigartiges Flair mit. Auch eine unabhängige Stadt findet sich auf der Karte. In der Outlaw-Hochburg Tavar finden sich unter anderem Konstruktionen, die an den "Thunderdome" aus Mad Max erinnern, eigentlich aber Pflanzenplantagen beherbergen.

Die Entscheidungen des Spielers sollen sich nicht nur auf die Fraktionen und ihren Machtkampf auswirken, sondern auch auf den Helden selbst. Immer wieder werden Fragen mit moralischem Dilemma aufgeworfen, deren Antwort ihn entweder näher zu den Menschen oder in Richtung Maschinenlogik der Albs rückt. Basierend auf dem Verlauf soll "Elex" mehrere Enden bieten.

In Dialogen kann man sich meist diplomatisch, aber auch als sarkastisches Raubein geben, was auch unmittelbare Folgen haben kann. Zudem sollen die meisten Charaktere auch getötet werden können, darunter auch wichtige Questgeber. Einzig Figuren, die für den Abschluss der Handlung unerlässlich sind, sind nicht sterblich.

Noch unfertig

In technischer Hinsicht setzen Piranha Bytes weiter auf Eigenbau. Zum Einsatz kommt eine jene Engine, mit der einst schon "Gothic" und "Risen" entwickelt wurden und die nach wie vor weiter gepflegt wird. Diese erfülle am besten die Anforderungen des Studios, weswegen man auf die Lizenzierung von Drittlösungen wie der Unreal Engine verzichtet.

Grafisch war dem Game im Hands-on seine Unfertigkeit teilweise anzusehen, die Qualität der Hersteller-Screenshots wird in Bewegung noch nicht erreicht. Einige Animationen wirkten noch hakelig. "Elex" sieht ordentlich aus, dürfte aber auch in fertigem Zustand nicht an Produktionen wie "Call of Duty: WW2" heranreichen. Fans sollte das nicht weiter stören.

Auch in anderen Belangen wurde offensichtlich, dass die Macher noch etwas Arbeit vor sich haben. So taten sich manche Computercharaktere noch schwer mit der Wegfindung und es war möglich, durch den massiven Einsatz eines Zaubers das Grafiksystem zu überfordern, was sich in permanent auftauchenden Luftbrechungseffekten zeigte, die das Geschehen zunehmend wie ein Ölgemälde aussehen und den Kopf des Protagonisten verschwinden ließen. Erst ein Neustart des Games behob die Schwierigkeiten. "Content complete" ist das Game jedoch schon, alle wichtigen Inhalte sind schon vorhanden.

Gefeilt wird neben technischen Aspekten noch an Nebenquests und dem Balancing von Ausrüstung und Waffen. Aufgrund der hohen Bandbreite an Kampfmitteln ist dies vermutlich keine einfache Aufgabe.

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Gameplay-Mitschnitt von "Elex"

Gute Aussichten

Das Erkunden verschiedener Teile der Welt sowie ein kurzes Eintauchen in einen fortgeschrittenen Spielstand hat jedenfalls Lust auf mehr gemacht. Wer eine Fülle an Innovationen erwartet, dürfte allerdings enttäuscht werden. Piranha Bytes bleibt seinen alten Stärken treu und versucht, mit ein paar neuen Elementen und kleineren Änderungen Schwächen wettzumachen. Das völlig freie Levelsystem von "Risen 3" wurde etwa wieder über Bord geworfen und durch einen Kompromiss an stets erweiterbaren Skills und über Mentoren erwerberbbaren Sonderfertigkeiten ersetzt.

"Gothic"-Fans der ersten Stunde werden sich im "Science-Fantasy"-Setting (so das offizielle Wording) von "Elex" schnell heimisch fühlen. Das Universum bietet einen interessanten, für manche aber sicher gewöhnungsbedürftigen Mischmasch aus Hightech und Magie. Sofern man die Handlung spannend halten, das Balancing gelingt und sich keine schwerwiegenden Bugs in die Releaseversion schmuggeln, darf man der Veröffentlichung optimistisch entgegen sehen.

Nur ein Spiel wäre "schade"

Einen Multiplayermodus wird es in dem Game übrigens nicht geben. Man habe sich bewusst dafür entschieden, wieder ein reines Einzelspielererlebnis zu schaffen, heißt es von den Entwicklern.

Über einen möglichen Nachfolger sprechen wollte man noch nicht. Allerdings habe man viel Zeit in die Entwicklung der "Elex"-Welt gesteckt, dementsprechend wäre es "schade", würde man diese nur für ein einziges Spiel heranziehen. (Georg Pichler, 5.07.2017)

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