Stadtplaner: "St. Pölten hat eine Chance verdient"

    Ansichtssache15. Juli 2017, 13:00
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    St. Pölten hat mancherorts einen schlechten Ruf. Doch die Stadt hat Potential und eine Chance verdient, das zeigte kürzlich ein geführter Stadtspaziergang

    foto: istock

    "Als Wiener sollte man seinen Horizont nach St. Pölten erweitern", sagt Stadtplaner Dominik Scheuch, während er vor dem zehn Hektar großen Areal der ehemaligen Glanzstofffabrik in St. Pölten steht. Sie ist der letzte Programmpunkt einer vom Architekturnetzwerk Orte organisierten Stadtführung durch die niederösterreichische Landeshauptstadt. Zahlreiche Interessierte haben sich, trotz hochsommerlicher Temperaturen, dem Rundgang an diesem Samstag im Juni angeschlossen, darunter Besucher von außerhalb und geborene St. Pöltener.

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    foto: bernadette redl

    Vor allem in Wien werde der Name St. Pölten häufig mit einem Schmunzeln gesagt, die Stadt im Allgemeinen wenig ernst genommen, sagt Scheuch. "Doch St. Pölten hat eine Chance verdient, ist komplex und spannend, hat sich unglaublich weiterentwickelt und ist viel mehr als nur die Barockstadt, als die sie bekannt ist", so der Stadtplaner.

    Und St. Pölten ist Vorreiter, etwa wenn es um Fußgängerzonen geht: Hier gab es eine der ersten Flächen Österreichs, in der Fußgänger Vorrang vor anderen Verkehrsteilnehmern hatten. Sie wurde 1961 eröffnet.

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    foto: bernadette redl

    Und auch in einem weiteren Punkt geht die Stadt mit der Zeit, wenn auch unbewusst, sagt Scheuch. "St. Pölten besteht aus zig Dörfern. Genau das ist die Tendenz, in die sich auch die Städte der Zukunft entwickeln: in dörfliche Strukturen." Sharing, etwa von Autos oder Gärten, sei der beste Beweis dafür. "St. Pölten zeigt, wie dezentrale Stadtentwicklung funktionieren kann. Die Stadt kann nur schwer als Einheit begriffen werden", sagt Scheuch.

    Kritik gibt es natürlich auch, Scheuch drückt sie aber als Wünsche an die Stadt aus. "Liebt eure öffentlichen Plätze", lautet der erste, er kommt einem in den Sinn, wenn man am Sparkassenplatz steht. Während der Rathausplatz fast überladen wirke, könnten andere öffentliche Orte durchaus noch etwas mehr Liebe vertragen, sind sich auch die Teilnehmer der Stadtführung einig. Tatsächlich scheinen hier auf dem Sparkassenplatz die Prioritäten verschoben: Trotz der lauschigen, hinterhofartigen Lage wird für Autos Platz gemacht. Mit hohem gestalterischem Aufwand wurde ein Mistplatz eingezäunt – zum längeren Aufenthalt lädt bis auf einen hohen Baum nur wenig ein. "Hier schlummert viel Potenzial", sagt Scheuch.

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    foto: bernadette redl

    Optimierungsbedarf herrscht auch am Neugebäudeplatz. In der Erdgeschoßzone der dort befindlichen Wohntürme zeigt sich ein düsteres Bild. "Hier erinnert mich alles an verfallene, aufgegebene kroatische Hotelanlagen", beschreibt Scheuch die Umgebung. Und er behält recht: Die Sockelzone, in der früher Geschäftsflächen untergebracht waren, wirkt wie eine Geisterstadt. Heute ist das Areal verfallen, ausgestorben und heruntergekommen. Das Problem dieses Bereichs, attestiert Scheuch, sei die Lage: Diese sei "nicht innerstädtisch und auch nicht draußen vor der Stadt, wo die Leute mit dem Auto zum Einkaufen hinfahren". Direkt nebenan soll ein neues Bauprojekt unter dem Namen "Leben am Fluss" entstehen, in dem wiederum Geschäftsflächen für Nahversorger geplant sind. "Obwohl nebenan Geschäftslokale leerstehen", sagt einer der Teilnehmer mit einem Kopfschütteln.

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    foto: bernadette redl

    Ein weiterer Wunsch an die Stadt St. Pölten tut sich während des Stadtrundgangs auf. An der FH St. Pölten soll zwar ein speziell für Fahrradfahrer optimierter Bankomat mit dem Namen Bikeomat Fahrradfreundlichkeit demonstrieren, auf einer nahegelegenen, wenig befahrenen Straße haben jedoch dennoch die Autofahrer Vorrang. Scheuch: "50 Prozent der Wege der St. Pöltener sind kürzer als drei Kilometer, dennoch werden 45 Prozent davon mit dem Auto zurückgelegt." Er fordert separate Fahrradwege, die nicht in den Gehsteig integriert sind, sondern auf der Straße verlaufen. Das könnte auch mehr Stadtbewohner zum Umstieg auf das Fahrrad motivieren, glaubt er.

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    Der Rundgang endet vor dem Eingang zum rund zehn Hektar großen Areal der Glanzstofffabrik, die im Jahr 2008 geschlossen wurde. Heute liegt hier das größte Stadtentwicklungsgebiet der niederösterreichischen Landeshauptstadt, die in Zukunft auch zunehmend Wiener anlocken will. Scheuch: "Mit dem Zug dauert die Fahrt nur mehr 22 Minuten, so wachsen Städte zusammen. Das Potenzial für einen Großraum St. Pölten-Wien- Bratislava ist groß." (Bernadette Redl, 15.7.2017)

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