Weinlauf Gols: Der Lauf knapp neben dem Montblanc

Blog28. Juni 2017, 07:00
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Von einem gecancelten Flug, einem versäumten Bergklassiker und der um lediglich 1.520 Höhenmeter weniger intensiven und 29.700 Teilnehmer kleineren Alternativveranstaltung im Burgenland: dem siebenten Golser Weinlauf

foto: thomas rottenberg

Eigentlich war es ganz anders geplant, aber dann stand ich am Samstag 1.100 Kilometer östlich meines vorgesehenen Startplatzes. Statt 23 Kilometern bin ich nur 10,5 Kilometer gelaufen, und auf die anvisierten 1.600 Höhenmeter fehlten mir nach der Ziellinie noch 1.526. Französisch habe ich auch kein Wort gesprochen – aber eigentlich ist das nicht weiter verwunderlich: Schließlich ist Gols nicht Chamonix, und der siebente Golser Weinlauf hat mit den "23 km du Mont Blanc" wenig gemein: Ich wollte nach Frankreich – und lief im Burgenland.

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foto: salomon/ philipp reiter

Der Reihe nach: Rund um den oder auf dem Montblanc zu laufen gehört zu den Träumen vieler Läuferinnen und Läufer. Dementsprechend laut jubelte ich, als mich die PR-Agentur von Salomon fragte, ob ich Lust hätte, am 24. Juni bei jenen 30.000 zu sein, die einen der angesagtesten Trail-Spielplätze besuchen: Es gebe Bewerbe über 80, 42, 23 und 10 Kilometer – ich dürfe wählen und müsse nur laufen.

So was klingt nicht nur geil, es ist es: Zu reisen und zu laufen und dann davon zu schwärmen ist nicht das Schlimmste, was einem passieren kann – auch wenn meine Woche reichlich voll war: Donnerstagnacht würde ich von einer anderen Reise heimkommen. Der Freitag wäre mit Büro- und anderen Terminen voll, und am Abend ginge es dann über Genf nach Chamonix. Samstag um 8 Uhr wäre der Start "meines" Laufes: 23 Kilometer, 1.600 Höhenmeter.

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thomas rottenberg

Doch manche Dinge sollen nicht sein: Als ich am Freitag gegen 17 Uhr in Schwechat durchs Check-in-Gate wollte, blieb das Tor zu. Der Gate-Wächter schnauzte mich an. "San Se blind? Sie fliegen ned. Steht eh do. Und jetzt gengan S' weg." In Wien gilt so etwas als "Service". Fairerweise: Die Dame am AUA-Ticketschalter war umso freundlicher. "Der Flieger ist mit einem Vogel kollidiert und schaut nicht so gut aus." Und der Vogel? "Ich fürchte, dem geht es auch nicht besonders." Es gebe noch einen späten Flug, aber der sei – logisch – komplett überbucht.

Ich rief die Salomon-Leute an. Wir fluchten mehrsprachig – und ich nahm die S-Bahn zurück nach Wien. Enttäuscht, aber nicht wirklich sauer. Auf wen auch? Klar: Hätte ich ein halbes Jahr auf das Rennen hintrainiert, mir alles selbst organisiert und gezahlt, wäre das anders gewesen: Ich weiß sehr gut, dass ich privilegiert bin. Da dann auch noch zu toben oder zu schmollen oder sich zu ärgern bringt nur eines: mieses Karma.

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foto: thomas rottenberg

"Kommst halt morgen nach Gols", schrieb mir Harald Fritz. Fritz (stehend, links, in der hellen Hose), das dürfte mittlerweile bekannt sein, ist mein Trainer. Weniger bekannt ist, dass er gemeinsam mit seinem besten Freund Gerald "Max" Moser (stehend, ganz rechts) den Golser Weinlauf organisiert. Seit sieben Jahren. Der Weinlauf ist eine der zahllosen Laufveranstaltungen, die in 1.001 Gemeinden und Orten stattfinden – ein Stück gelebter Sport- und Gemeindekultur. Das, was Politiker jedweder Couleur in Sonntagsreden auf der Zunge führen, wenn es um Jugend, Sport, die "tägliche Turnstunde" oder das Funktionieren (dörflicher) Gemeinschaften durch das Engagement von Freiwilligen geht. Stimmt alles: Solche Veranstaltungen gibt es nur, weil die Organisatoren sich da mit viel Herzblut, all ihrer Liebe zum Laufsport (oder was auch immer da getan wird) und vor allem mit einer Unmenge unbezahlter Arbeitsstunden aufopfern.

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foto: thomas rottenberg

Der Weinlauf ist dafür ein schönes Beispiel: Mosers und Fritz' Mütter, Frauen und Partnerinnen und ihre Kinder machen all das, was kein Mensch sieht oder honoriert. Freunde und Verwandte helfen beim Aufbau, betreuen Labestellen, organisieren, was in letzter Sekunde noch organisiert werden muss, und kümmern sich drum, dass die Freiwillige Feuerwehr genug Freiwillige schickt, die Zeitnehmer Zeit fürs Zeitnehmen haben, Sanitäter und Polizei keinen Hitzschlag bekommen, jeder Sponsor sein Logo auch wirklich dort findet, wo es sein soll, und so weiter.

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foto: thomas rottenberg

Zu verdienen gibt es da nix. Zu gewinnen aber viel: Ich kenne meinen Coach mittlerweile ganz gut. Und ich weiß, dass es keine hohle Phrase ist, wenn er sagt, dass ihm das Herz aufgeht und er eine Gänsehaut bekommt, wenn er die Kinder starten und laufen sieht.

Nicht weil irgendwer sie zwingt. Schon gar nicht, weil (die Bilder der ihre heulenden Kinder in Linz hinter sich herschleifenden Eltern sind ja noch sehr präsent) es um Ehrgeiz oder neue Sporteliten geht. Sondern weil es Kindern Spaß macht, sich zu bewegen. Weil Kinder glücklich rennen, wenn sie wollen – und es ebenso glücklich bleiben lassen, wenn sie keinen Bock haben. Erstaunlicherweise wollen sie aber meist, wenn man sie nicht zwingt, tritt oder fordert, sondern einlädt. Und die, denen es tatsächlich taugt, dann fördert. Sanft. Ohne Zwang. Spielerisch.

So wie hier beim Weinlauf in Gols. Und vermutlich – hoffentlich – bei vielen ähnlichen Events.

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foto: thomas rottenberg

Wenn Sie mir jetzt unterstellen, nicht objektiv zu sein, weil ich ein sportliches Naheverhältnis zum Veranstalter habe, werde und will ich Ihnen gar nicht widersprechen: Das stimmt. Na und? Soll ich es, nur weil Fritz meine Trainingspläne schreibt, für schlecht halten, dass für Kinder die Teilnahme am Weinlauf grundsätzlich gratis ist?

Als die Kids an mir vorbeiflogen, hatte ich eine Gänsehaut. Und fand das großartig. Als die ersten nach ein paar hundert Metern zurück ins Ziel kamen, applaudierte ich, als wären es meine eigenen. Als als Allerletzte ein kleines Mädchen an der Hand ihres Papas (nein, er schleifte sie nicht) weinend, aber eben doch ins Ziel kam, weil sie bei der Wende gestolpert war und sich das Knie aufgeschlagen hatte, zog sich mein Herz zusammen. Und nicht nur meines. Siege? Zeiten? Pokale? Rekorde? Bestzeiten? Vollkommen egal.

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foto: thomas rottenberg

Natürlich waren da auch noch die anderen Läufe. Zwischen fünf und zehn Kilometern (und einem bisserl was) hatte man bei der Anmeldung wählen können. Laufend oder nordisch walkend. Alle starteten gleichzeitig. Hier beim Weinlauf war die Mischung von Läufern und Gehern (und natürlich -innen) unproblematisch. Das war vor allem der Kleinheit geschuldet: Bei insgesamt – inklusive der Kinderläufe – 300 Starterinnen und Startern kommt man auf einem fünf Kilometer kurzen Rundkurs locker aneinander vorbei.

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foto: thomas rottenberg

Erst recht, wenn der Veranstalter Minuten vor dem Start das Reglement ändert: Start des Hauptlaufs war um 16 Uhr. Da hatte es in Gols angeblich 32 Grad im Schatten. "Gut, dass wir nicht im Schatten laufen – das wäre dann ja mühsam!", feixte irgendwer. Aber weil klar war, dass derartige Bedingungen nicht ohne sind, erklärten Fritz und Moser, dass es heute auch den für zehn Kilometer Angemeldeten freistehe, nach der der ersten Runde ins Ziel zu wanken. "Ihr müsst dann zum Zeitnehmer gehen und ihm das sagen, sonst seid ihr nicht in der Wertung." Viele taten das: Nur 40 Läuferinnen und Läufer liefen die volle Distanz – da an den Walkern vorbeizukommen, die in der zweiten Runde noch auf dem Golser Weinweg unterwegs waren, war absolut machbar.

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foto: thomas rottenberg

Der Golser Weinweg ist zauberhaft: Man läuft – no na – durch die und entlang der Weingärten. Landschaftlich freundlich – und immer wieder schweift der Blick über die sanften Hügel hinab zum Neusiedler See: Burgenland eben. Und wenn es 32 Grad im Schatten ohne Schatten hat, fällt einem irgendwann auf, dass das Burgenland nicht ganz so flach ist wie sein Ruf: Die 74 Höhenmeter waren teils echt zaach.

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foto: thomas rottenberg

Ein Lauf, bei dem es um nix geht, hat einen Vorteil: Man kann blödeln. Als ich etwa bei Kilometer 9,5 – schon wieder im Ort und knapp vor der Zielgeraden – an einer der Gruppen im Schatten sitzender Golser vorbeikam, fiel mir ein Mann mit Startnummer in der Gruppe auf: Hans Schrammel, der Bürgermeister. Weil ich ein höflicher Besucher bin, blieb ich stehen, borgte mir ein Glas aus – und stieß mit dem Ortschef an. Zum Gaudium der Golser. Dann lief ich weiter – und ließ mich 300 Meter vor dem Ziel von der Feuerwehrjugend noch per Gartenschlauchdusche einweichen: Die Kinder hatten ihren Spaß, und die Erwachsenen sahen ihre Klischees über doofe Wiener bestätigt. Kurz: Alle waren glücklich.

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foto: thomas rottenberg

Ein paar Schritte später war ich im Ziel. Und konnte das für mich schönste Bild des Laufes einzufangen: Unterwegs – auf der ersten Hälfte der zweiten Runde – hatte ich Markus kennengelernt. Er ist von hier, trainiert gerade für seinen zweiten Triathlon (die Halbdistanz in Podersdorf) und kämpfte so wie alle massiv mit der Hitze.

Etwa bei Kilometer acht meinte er, ich solle ruhig mein Tempo gehen und nicht warten: Er werde einen Tick weniger Gas geben, es gemütlicher angehen – und schon ins Ziel kommen.

Ich sah, wie Markus auf den Zielbogen zulief – und plötzlich waren da seine Kinder. Eines links, eines rechts. Gemeinsam, mit vereinten Kräften, begleiteten und zogen sie Markus ins Ziel. Alle strahlten. Alle waren stolz. Schöner geht nicht.

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foto: thomas rottenberg

Epilog: Es war der siebente Golser Weinlauf – und wohl der letzte. Fritz und Moser würden auch einen achten, neunten und 107. Weinlauf nach dem Prinzip der kollektiv-familiären Selbstausbeutung organisieren, aber die Hauptsponsoren steigen aus. Einer davon: die Gemeinde. Wegen eines niedrigen vierstelligen Betrages. Ich bin ja kein guter Rechner – aber das Wort "Umwegrentabilität" verstehe ich: In Gols liefen 250 Leute. Mit Begleitung waren da sicher 350 Menschen. Jeder konsumierte, aß und trank. Viele blieben über Nacht ... Okay: Ich bin befangen.

Aber vielleicht wird ja eh alles gut: Bürgermeister Schrammel erklärte nämlich bei der Siegerehrung, er sei durch einen halbnackten Läufer, der unbedingt ein Foto wollte, so lange aufgehalten worden, dass er seinen sicheren Stockerlplatz verfehlt habe.

Ich bekenne mich schuldig – und habe einen Vorschlag: Im nächsten Jahr halte ich Schrammel nicht auf, sondern pace ihn. Das geht aber nur, wenn es den Golser Weinlauf weiter gibt. Und da liegt der Ball jetzt also wieder bei der Gemeinde. (Thomas Rottenberg, 28.62017)


Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise nach Chamonix und die Teilnahme am Mont-Blanc-Marathon wären eine Einladung von Salomon gewesen, die Teilnahme am Weinlauf in Gols erfolgte auf Einladung der Veranstalter.


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