"Mômes & Cie": Wenn wir das gewusst hätten, wären wir mitgekommen!

26. Juni 2017, 16:21
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Die Ausstellung in der Cinémathèque in Paris beschäftigt sich mit Kindern im Kino

François Truffaut behauptete, dass man Filmen mit Kindern keine Poesie hinzufügen müsse, da sie selbst schon genug in sich trügen. Tatsächlich ist die Welt für Kinder ein Reich der Möglichkeiten. Zugleich empfinden sie ihre Verantwortung als unwiderruflich: Ihr Schuldgefühl angesichts eines zerbrochenen Tellers lastet schwerer als das eines Erwachsenen aufgrund eines Seitensprungs.

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Der Regisseur von Sie küssten und sie schlugen ihn und Taschengeld sprach Kinder stets wie Erwachsene an, denn er wusste, dass sie die Dinge so besser begreifen. Dieser Blick auf Augenhöhe macht ihn zu einem idealen Paten der aktuellen Ausstellung, welche die Cinémathèque française noch bis Ende Juli den filmischen Erlebniswelten von Kindern widmet. Mômes et Cie (was so viel heißt wie "Gören und Co") erkundet dieses große Thema, ohne Schwellen zu errichten; nicht einmal für Erwachsene.

Die ersten Stationen der von Gabrielle Sébire kuratierten und dem Architekten Patrick Bouchain inszenierten Schau bieten Raum zum Herumtollen und Entdecken. Auch in den folgenden kann man sich autonom bewegen, obwohl sie einer dezent pädagogischen Spur folgen. Das Ausstellungskonzept orientiert sich dabei an dem Kunstgriff des Disneyfilms Alles steht Kopf, jede Emotion in ihr eigenes Recht zu setzen. Es operiert mit Gegensatzpaaren, mit Freude und Zorn, Lachen und Traurigkeit, um ihnen dann eine zusätzliche Dynamik zu verleihen. Angst und Mut beispielsweise werden ausdifferenziert in unwägbare Reisen, in die Sensation des Fliegens und der Verwandlung.

Das bewegte Bild hat immer Priorität. Filmausschnitte fächern das jeweilige Thema in pointierten, flotten und klugen Montagen auf. Die unmittelbare Begegnung mit der filmischen Reflexion kindlicher Erfahrungen wird sacht flankiert von Exponaten, die ihnen Hintergrund verleihen: etwa den verschmitzten Vorstudien zu Jacques Tatis Mein Onkel, Marjane Satrapis Storyboards zu Persepolis oder einem Brief, den eine Schulkasse an Louis Malle schrieb, nachdem sie Auf Wiedersehen, Kinder gesehen hatte. Die Szenografie wird dabei immer labyrinthischer, geheimnisvoller und erlebnisreicher.

Gefühlsräume

Im letzten Raum verlängert sich das Abenteuer der Schaulust schließlich zur Herstellung von Filmen: Hier kann man beim Blick hinter die Kulissen entdecken, wie Jean Marais in Jean Cocteaus Es war einmal (La Belle et la Bête) in die Maske des Ungeheuers geschlüpft ist, wie der kleine Jacques Demy in Jacquot de Nantes seine ersten Trickfilme drehte und wie die deutsche Silhouettenanimationsfilmerin und Illustratorin Lotte Reiniger aus einfachen Papierstreifen zauberische Märchenfilme gestaltet. Der feinfühlige französische Animationskünstler und Trickfilmmacher Michel Ocelot (Kiriku) hat Zeichnungen und Scherenschnitte eigens für die Cinémathèque hergestellt.

myskreen

Jeder Gefühlsraum trägt als Motto eine Aufforderung, von denen "Mach mir Angst!" zweifellos die erstaunlichste ist. Die Schau betrachtet Kinder als zuversichtliche Zuschauer, die bereit sind, sich im Kino schwierigen Emotionen auszusetzen und dabei die eigenen besser zu verstehen. Zugleich ruft der Appellcharakter sie auf, ihre Wünsche zu formulieren. Denn in der Filmgeschichte ist das eher die Ausnahme: Meist fungieren Kinder hier als Accessoires, die die Erwachsenen besser zur Geltung bringen sollen. Truffaut machte dafür nicht zuletzt die Marktgesetze verantwortlich, das Fehlen von Kinderstars.

In ihrem Vorwort zum Katalog nennen Frédéric Bonnaud, der Direktor der Cinémathèque, und Costa-Gavras, ihr Präsident, Chaplins The Kid als erstes Beispiel, das zeigt, dass das Innenleben von Kindern ebenso komplex wie das der Erwachsenen ist. Das Buch ergänzt die Ausstellung hervorragend: Es ist als ABC konzipiert, in dem u. a. Filmemacher, Kritiker und Schriftsteller die 130 faszinierendsten Knirpse der Filmgeschichte von Antoine Doinel bis Zazie einfühlsam porträtieren. (Gerhard Midding, 27.6.2017)

Cinémathèque, bis 30.7.

  • Sympathischster Bandenknirps des französischen Nachkriegskinos: Martin Lartigue als Petit Gibus in Yves Roberts Klassiker "Krieg der Knöpfe".
    foto: 1962 zazi films

    Sympathischster Bandenknirps des französischen Nachkriegskinos: Martin Lartigue als Petit Gibus in Yves Roberts Klassiker "Krieg der Knöpfe".

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