Dicke Luft in Russlands Fußballverband

26. Juni 2017, 17:24
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Neue Dopingvorwürfe – diesmal gegen die Nationalmannschaft. Dazu das Ausscheiden in der Vorrunde des Confed Cups: Die Stimmung in Moskau ist mies

Wjatscheslaw ist schwer geknickt. Eigentlich hatte sich der Moskauer das Wochenende so schön vorgestellt: Grillen auf der Datscha bei Freunden, dazu am Abend gemütlich vor dem Fernseher das entscheidende Vorrundenspiel der Russen gegen Mexiko schauen. Doch zuerst machte die Antenne schlapp und dann auch noch die Sbornaja. Am Handy verfolgt Wjatscheslaw die letzten Sekunden des Spiels über das Internet, ehe er trotz zwischenzeitlicher 1:0-Führung betrübt die 1:2-Niederlage konstatiert.

Knapp daneben ist auch vorbei

"Es ist doch wie immer", klagt er anschließend. "Erst große Hoffnungen und dann wieder eine Pleite ", sagt er und macht sich enttäuscht auf die Heimfahrt. Tatsächlich sind die Erfahrungen der russischen Fußballfans beim Confed Cup exemplarisch für die Achterbahn der Gefühle bei vergangenen Großereignissen. Nach Erfolg verheißendem Start – dem Sieg gegen Neuseeland oder der Führung gegen Mexiko – scheint den Kickern regelmäßig die Luft auszugehen. Das war bei der EM im vergangenen Jahr – nach dem erkämpften Unentschieden gegen England – ebenso wie bei der WM 2014, wo das Weiterkommen im letzten Gruppenspiel gegen Algerien trotz früher Führung verpasst wurde.

"In die Fresse"

Immerhin; Randale gab es diesmal nicht. Während die Fans ihre Emotionen unter Kontrolle behielten, brannten aber bei einigen Offiziellen die Sicherungen durch: Igor Lebedjew, Duma-Abgeordneter und Vorstandsmitglied des russischen Fußballverbands; forderte nach dem Spiel, Mittelfeldspieler Juri Schirkow "in die Fresse" zu geben. Schirkow hatte im Spiel die Gelb-Rote Karte gesehen. Lebedjew, der Sohn des kremlnahen Skandalpolitikers Wladimir Schirinowski, machte daher ihn und Torhüter Igor Akinfejew explizit für den neuen Misserfolg der umformierten Sbornaja verantwortlich. "Einer macht Patzer, der andere lässt uns hängen und nachher schimpft wieder das ganze Land auf die Buben, die echt gekämpft haben", dabei hätten die zwei alles "verdorben", hatte Lebedjew die Schuldigen ausgemacht.

Russlands Fußball-Oberster Witali Mutko wollte die Kritik nicht so stehen lassen: Schirkow sei ein "Weltklassespieler" und Lebedjew solle sich wie ein Mann verhalten. "In die Fresse geben? Komm und versuch's, mal sehen, was dabei herauskommt", konterte er den Ausfall seines Verbandskollegen. Für den soll die verbale Entgleisung noch ein Nachspiel haben. Im Verband wird ein Ethik-Verfahren gegen Lebedjew angestrengt.

Doping? Unmöglich

Die Querelen um die aktuelle Elf sind allerdings nicht das einzige Problem Mutkos. Der Vizepremier muss sich nun auch noch mit Dopingvorwürfen gegenüber der Nationalelf auseinandersetzen. Die englische "Daily Mail" hatte berichtet, die FIFA verdächtige die russische WM-Mannschaft 2014 des Dopings, darunter auch Schirkow und Akinfejew. Englische Zeitungen solle man grundsätzlich nicht lesen, die schrieben seit 2010 nur schlechtes Zeug über Russland, empfahl daraufhin Mutko.

Was nicht bedeutet, dass die medial erhobenen Dopingvorwürfe gegen russische Sportler in der Vergangenheit aus der Luft gegriffen waren; gerade in der Leichtathletik musste Moskau deswegen mit schmerzhaften Sanktionen leben. Doch für die Kicker gelte das nicht, zeigte sich Mutko (wieder einmal) überzeugt. "Im Fußball gab es nie Doping und wird es nie geben – unsere Auswahl wird permanent kontrolliert, Dopingproben gibt es bei jedem Spiel", sagte er.

Fifa: Proben negativ

Dies hat die Fifa zumindest bestätigt. Alle Proben russischer Spieler, sowohl bei der WM als auch beim aktuellen Turnier, seien negativ ausgefallen, teilte die Fifa-Pressestelle mit. Völlige Entwarnung für Moskau bedeutet das nicht: Der Fußballverband sei in engem Kontakt mit der Wada, um die Vorwürfe aus dem McLaren-Bericht über flächendeckendes staatlich gedecktes Doping auch im Fußball zu klären, fügte ein Sprecher hinzu. Das Thema wird die Sbornaja also noch eine Zeitlang beschäftigen. (Andé Ballin, 26.6.2017)

  • Russlands Juri Schirkow (Mitte) im Match gegen Mexiko: Dem Flügelspieler sollte, geht es nach Polit-Funktionär Igor Lebedjew, "in die Fresse" gegeben werden.
    foto: reuters/sibley

    Russlands Juri Schirkow (Mitte) im Match gegen Mexiko: Dem Flügelspieler sollte, geht es nach Polit-Funktionär Igor Lebedjew, "in die Fresse" gegeben werden.

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