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29. Juni 2017, 11:38

Gut möglich, dass auch bei den Eisels die Äpfel nicht weit vom Stamm fallen werden. "Ich kann ja nichts anderes, werde meinen Kindern nicht viel beibringen können", scherzt Bernhard Eisel. Der Steirer, dessen Leidenschaft auch mit 36 noch ungebrochen ist, fährt mittlerweile seine 17. Saison als Radprofi durch die Welt. Ab Samstag steigt der Vater von zwei Kindern neben den Österreichern Michael Gogl (Team Trek) und Marco Haller (Katjuscha) zum zwölften Mal bei der Tour de France in den Sattel, damit baut er den österreichischen Rekord weiter aus.

Arbeit? "Ich habe noch nie gearbeitet. Ich kann mir gar nicht vorstellen, jeden Tag in die Arbeit zu gehen."

"Kaufen kannst du dir nichts dafür. Es ist schön, aber lieber wäre mir gewesen, ich wäre nur drei Etappen gefahren und hätte eine gewonnen. Ich weiß, was ich damit erreicht habe. Ich kann mich schon erinnern, dass ich einiges erleiden musste um zwölf Teilnahmen zu erreichen. Einem Etappensieg renne ich trotzdem immer noch nach", sagt Eisel, der sich als Teamplayer in der Szene einen Namen gemacht hat.

Die Helferrolle habe ihm immer Spaß gemacht. "Ich war nie jemandem einen Sieg neidig, oder hatte ein Problem, weil jemand mehr verdient. Ich habe eigentlich alles erreicht. Ich bin 36, habe noch nie gearbeitet. Ich kann mir gar nicht vorstellen, jeden Tag in die Arbeit zu gehen."

foto: dimension data/richard tanzer
"Ich bin in der glücklichen Lage, dass es mir jedes Mal Spaß gemacht hat, auch wenn Leid dabei war."

Oftmals besteht sein Arbeitstag aus lediglich drei Stunden Training, doch das hat es in sich. Danach kann er sich ein paar Stunden nicht mehr bewegen. "Weil ich so hin bin. So geht es aber auch vielen anderen, die einem normalen Beruf nachgehen. Ich bin in der glücklichen Lage, dass es mir jedes Mal Spaß gemacht hat, auch wenn Leid und Drama dabei waren."

Eisel sieht seine lange Profikarriere, die 2001 begann, als "Privileg". Es gibt wenige, die so viele Saisonen auf höchstem Level bestritten haben. "Ich habe mir letztes Jahr das Schlüsselbein gebrochen, musste aber ansonsten nur wenige Rennen auslassen."

Der Wahlklagenfurter, der im Winter in Südafrika trainiert, kann getrost behaupten, dass er bei einem Tour-de-France-Sieg seine Beine maßgeblich im Spiel hatte, 2012 nämlich, als seine britischen Teamkollegen abräumten, Bradley Wiggins die Gesamtwertung und Mark Cavendish die Schlussetappe gewann. "Das war perfekt. Es gibt nichts Schlimmeres, als dass du nach Paris kommst und nichts gewonnen hast."

foto: reuters/charles platiau
Beste Freunde: Eisel und sein langjähriger Weggefährte Mark Cavendish.

Eisel leistete bei den meisten Etappensiegen von Cavendish in Frankreich wertvolle Dienste als Zugmaschine vor den Zielsprints. Der exzellente Sprinter von der Isle of Man schraubte sein Tour-Erfolgskonto bei der letzten Auflage mit vier Tagessiegen auf 30, zog damit am Franzosen Bernard Hinault (28) vorbei und näherte sich dem Belgier Eddy Merckx (34).

Wäre bei dem Briten nicht erst im April Pfeiffersches Drüsenfieber diagnostiziert worden, müsste wohl der belgische "Kannibale" um seine Spitzenposition bangen. Doch eben erst langsam wieder auf Touren gekommen, rechnet nun keiner mit Wunderdingen des 31-Jährigen. "Ich bin es mir, meinem Team und der Tour schuldig, mein Bestes zu geben", teilte der Brite via Twitter mit.

Tagessiege sind das Ziel des Teams

Etappensiege sind nach fünf Tageserfolgen 2016 aber auch heuer wieder das Ziel des südafrikanischen Eisel-Teams Dimension Data, das 2015 noch unter dem Namen MTN-Qhubeka firmierte. "Selbst in einer perfekten Saison ist es nahezu unmöglich, den Rekord zu brechen, unter den aktuellen Umständen ganz unmöglich. Trotzdem werden wir versuchen, uns so gut wie möglich zu verkaufen."

foto: epa/yorick jansens belgium out
2010 ließ Eisel als Sieger des Klassikers Gent–Wevelgem die Korken knallen.

Die Vorzeichen sind allerdings alles andere als gut, denn auch für zwei weitere Teammitglieder lief es zuletzt nicht gut. Der Australier Mark Renshaw war verletzt, der rekonvaleszente Brite Steve Cummings, Sieger der Tour-Etappe am Nelson-Mandela-Tag 2015, "brach sich alles, was man sich brechen kann": Schlüsselbein, Schulterblatt, Brustbein, drei Rippen. "Das hat alles durcheinander geworfen."

Eisel selbst hat bislang 24 Profi-Siege gefeiert, auch wenn diese schon ein Zeiterl her sind. So gewann er zwei Etappen bei der Tour de Suisse (2005 und 2009), deren fünf bei der Algarve-Rundfahrt, 2003 stand er bei zwei Giro-Etappen als jeweils Dritter am Stockerl, 2006 war er Fünfter bei Paris–Roubaix und 2011 Siebenter. Seinen größten Erfolg aber landete er beim Frühjahrsklassiker Gent–Wevelgem, den er 2010 überraschend gewann.

Mittlerweile kann Eisel, der sich nach perfekter Vorbereitung in "sicherlich bester Form der letzten Jahre, Weltklasse", wähnt, völlig stressfrei an die Sache herangehen. Seine Erfahrung macht's möglich, er ist immerhin bereits elfmal in Paris angekommen. Georg Totschnig, 2005 Sieger der 14. Tour-Etappe zur Bergankunft in Ax 3 Domaines, verzeichnete acht Starts in Frankreich, Peter Wrolich und Peter Luttenberger deren fünf. Internationale Rekordhalter sind Jens Voigt (GER), Stuart O'Grady (AUS) und George Hincapie (USA) mit je 17, für Eisel unerreichbar.

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Interview mit Eisel über einen seiner härtesten Tage als Profi.
foto: ap/aso
Die Etappenübersicht für die 104. Auflage.
Eisels Rennmaschine mit Details. (Foto: Stiehl-Photography)

Würde er heuer in Frankreich eine Etappe gewinnen, dann "wäre es eher Zufall. Es muss wirklich sehr viel passieren, dass ich in eine Fluchtgruppe komme und eine Chance habe. Es ist gut, wenn man sich im Hinterkopf damit beschäftigt, weiter davon träumt, um mental bereit zu sein. Nicht, dass man plötzlich vorne ist und sich fragt: Uh, und was jetzt?"

Humor? "Der Schmäh rennt, auch wenn er nicht immer auf höchstem Niveau ist."

Die 104. "Große Schleife" wird mit einem Einzelzeitfahren in Düsseldorf gestartet und führt via Belgien und Luxemburg nach Frankreich, wo drei Wochen später und nach 3.540 Kilometern traditionell auf den Champs-Élysées in Paris das Ziel erreicht wird. Eisels Favoriten sind die üblichen Verdächtigen: "Chris Froome, Richie Porte, Fabio Aru, Nairo Quintana. Es wird keine Überraschung geben."

Neben fünf hügeligen und fünf bergigen stehen nicht weniger als neun Flachetappen auf dem Programm. Ideale Voraussetzungen für Eisels Team, das auf Tagessiege im Flachland aus ist und dabei natürlich auf Cavendish setzt.

Tour de France heißt drei Wochen volle Konzentration. "Wenn du einmal nicht aufpasst, dann passiert vielleicht ein Fehler. Im schlimmsten Fall liegst du auf der Pfeife", sagt der an Erfahrung reiche Eisel, der einmal mehr als Road-Captain jede Menge Verantwortung auf seine Schultern lädt.

Die Mission des "Road Captains"

Damit alle Rädchen ineinandergreifen können, Cavendish als Erster die Ziellinie passieren kann, braucht es auch fitte Kollegen, den Teammanager Rolf Aldag und den sportlichen Leiter Roger Hammond im Begleitfahrzeug. "Wir wissen, was erwartet wird, und der Schmäh rennt, auch wenn er nicht immer auf höchstem Niveau ist." Mit Aldag beliebt er zu scherzen: "400 Starts bei der Tour, und keine einzige Etappe gewonnen."

Als Road-Captain hat man viel zu tun. Es beginnt mit einer Rede vor den Kollegen, mit Organisatorischem, damit, dass alle pünktlich sind. "Während des Rennens geht es darum, jede Etappe, jeden Berg im Kopf zu haben. Durch Erfahrung jene Passagen zu kennen, wo es windig ist. Im Hinterkopf zu haben, was in den nächsten Tagen daherkommt, damit man planen kann, weiß, was man riskieren kann. Man muss die Karenzzeit und die Gegner im Auge behalten, versuchen, die Taktik der anderen zu durchschauen, zu überlegen, wer auf Klassement fährt."

Seine Aufgabe ist auch, die Kollegen aus dem Gröbsten herauszuhalten, vor Stürzen zu bewahren und "nicht von einer Kante fliegen zu gehen oder zu einem unnötigen Zeitpunkt abgehängt zu werden". Und die Kommunikation zwischen sportlichem Leiter und dem Team.

foto: brian hodes
Als Road-Captain hat Eisel jede Menge Verantwortung für sein Team.

Oftmals birgt der nicht immer störungsfreie Funkverkehr über die kleinen Stöpsel im Ohr aber seine Tücken, lässt jede Menge Raum für Interpretationen. "Der sportliche Leiter versteht oftmals nur einzelne Wörter." Ein anderes Mal regiert überhaupt "großes Rauschen". "Es ist auch schon vorgekommen, dass jemand gefragt hat: 'What’s the gap?' Zwei Minuten später kam das Begleitfahrzeug: 'There’s your cap!'"

Daten? "TV-Moderatoren müssen nicht mehr über das Essen der verschiedenen Regionen philosophieren."

War es früher das Gewicht, so ist in den letzten Jahren die Aerodynamik im Radsport extrem wichtig geworden. Und die Digitalisierung ist der nächste Schritt. "Um fit zu werden für das neue Publikum. Selbst aktiv sein und trotzdem informiert sein und die Tour miterleben, egal wo man ist."

foto: dimension data/richard tanzer
Dimension-Data-CEO Jürgen Horak zum Echtzeit-Tracking: "Ein ganz wichtiger Schritt für die digitale Zukunft des Radsports."

Fans an der Strecke und Fernsehzuschauer waren früher oftmals besser informiert als die Radprofis oder die Betreuer im Begleitfahrzeug. So soll es nicht unüblich gewesen sein, dass ein Teammitglied zu Hause die Tour mitverfolgte und dann mit dem sportlichen Leiter telefonierte, um wichtige Infos durchzugeben. Heutzutage werden nicht nur Fans, sondern auch die Fahrer mit den Live-Tracking-Daten der Firma Dimension Data versorgt. "Das hilft uns schon sehr."

Fanerlebnis in Echtzeit

Eisels Teamsponsor verfügt mit dem Tour-Veranstalter ASO über einen Fünfjahresvertrag zur Zusammenarbeit. Über diverse Kanäle wie soziale Medien und Apps soll das Fanerlebnis in Echtzeit gesteigert und so der Radsport auf den nächsten Level gebracht werden. Positionen, Abstände, Geschwindigkeiten, äußere Begebenheiten, die über auf den Rädern montierte Transponder in einen Truck und von dort in die Cloud übertragen werden, sind so schnell ablesbar.

"Ein ganz wichtiger Schritt für die digitale Zukunft des Radsports", sagt Jürgen Horak, CEO bei Dimension Data Austria. "Das Interesse daran ist explodiert, außerdem müssen TV-Moderatoren nicht immer über das Essen der verschiedenen Regionen philosophieren, sondern können nun auch gewisse Live-Daten vergleichen."

Möglichkeiten der Weiterentwicklung dieses Systems gebe es genügend. "Die Frage ist, was wollen der Radsport und die Verbände noch zusätzlich hineinbringen? Unser Ziel ist es nicht, den Fahrer noch gläserner zu machen."

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Kann man jemals genug Daten haben?
grafik: dimension data
Niemals!

Was man aber sehr wohl will, ist, die Firma über den sportlichen Erfolg zu positionieren und nebenbei die Qhubeka-Initiative, "eine Herzensangelegenheit", voranzutreiben. Unter dem Motto "Bicycles Change Lives" werden in Südafrika bis zu 5.000 Fahrräder pro Jahr zur Verfügung gestellt, die Kindern aus den Townships Schulbesuche ermöglichen oder auch Krankenschwestern helfen sollen, schneller zu den Patienten zu kommen.

Eisel weiß Südafrika wegen der Trainingsbedingungen, aber auch die Regionen in Frankreich, die Gerüche in der Provence zu schätzen. "Ich bin ein Fan von Frankreich, und darf jetzt wieder drei Wochen dort Urlaub machen. Die Tour ist mit Abstand das Größte, aber auch purer Stress, beim Giro ist es relaxter. Die Italien-Rundfahrt ist zwar nicht organisiert, aber irgendwie kriegen sie es trotzdem hin."

Wenn er sich etwas wünschen dürfte, dann, dass seine Kinder gesund bleiben und dass er bei Paris–Roubaix einmal auf dem Stockerl steht. "Maximal zwei Chancen habe ich noch dafür, sonst nehme ich alles, wie es kommt."

Die Gefahren im Radsport

Wirklich arge Erfahrungen sind ihm persönlich bisher zum Glück erspart geblieben. "Mich selbst hat es eigentlich nie so schlimm erwischt über die Jahre. Aber ich habe schon viele Freunde verloren, die es im Radsport zu etwas bringen hätten können." So zum Beispiel Andreas Matzbacher, der 2007 bei einem Autounfall ums Leben kann. "Das verfolgt dich länger. Er war einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort." Eisel hat aber auch selbst Fehler gemacht und auch Vorfälle gesehen, bei denen er sich dachte, froh sein zu können, dass er noch am Leben ist.

Gefahren? "Es ruckelt am Lenker, ich schaue nach links, und Georg ist weg."

Brenzlige Situationen gibt es im Leben eines Radprofis zahlreiche. Als Eisel 2003 mit Georg Totschnig seinen ersten Giro d'Italia fuhr, hätte es auch zu einer Tragödie kommen können. "Wir fahren am ersten Tag an letzter Position im Feld nebeneinander und reden. Plötzlich ruckelt es an meinem Lenker, ich schaue nach links, und Georg ist weg. Sein Bremshebel hatte sich in meinem Lenker verhängt. Ich sehe ihn den Hügel raufschießen und runterfallen. Und dann kam er zunächst nicht mehr, und ich dachte mir, das schaut nicht gut aus. Später kam er dann doch wieder. Ein Finger war luxiert, musste eingerenkt werden. Dann ist er drei Wochen mit Schiene gefahren und Fünfter geworden."

Motivationsprobleme machen auch oder gerade Spitzensportlern manchmal zu schaffen. "Die hat man immer wieder, daher ist es gut, wenn man auch ein bisserl Talent mitbringt." Über die Jahre werde man zum Glück entspannter. "Früher habe ich manchmal begonnen, quasi ein Loch zu schaufeln, wenn es nicht lief und ich nicht motiviert war. Dann kommt man aber schnell in einen Teufelskreis, aus dem man nicht mehr leicht rauskommt, weil man noch schlechter wird, wenn man nicht trainiert. Heute sage ich mir, geh halt einmal nicht trainieren, die Motivation wird schon wiederkommen."

Zukunft? "Wenn es peinlich wird, ruf mich an, dann höre ich auf!"

Die genaue Zahl der bestrittenen Rennen kann Eisel nur abschätzen. Gut 1.300 dürften es bisher gewesen sein, wenn man die einzelnen Etappen berücksichtigt. Zwischen 35.000 und 41.000 Kilometer bewältigte er pro Jahr, er hätte die Erde mit einem Umfang von knapp über 40.000 Kilometern also zigmal umrunden können.

Irgendwann aber muss Schluss sein, sein Vertrag läuft noch bis Ende 2018 mit 2019 als Option. Danach gebe es einige Möglichkeiten, noch nichts Konkretes. "Ich bin selbst noch am Sondieren, wo ich hinwill. Alles ist noch offen, aber es wird definitiv im Radsportbereich sein, weil es das Einzige ist, wovon ich eine Ahnung habe. Wenn ich das Niveau nicht mehr halten kann, dann bin ich raus."

Der Steirer hat George Hincapie, der seine Karriere bereits 2012 beendete, schon vor Jahren mehrmals gebeten: "Wenn es peinlich wird, ruf mich an, dann höre ich auf!" Noch aber hat der US-Amerikaner nicht angerufen, also fährt Eisel weiter. (Thomas Hirner, 29.6.2017)