Football-Leaks: Viel Lärm, wenig Sprengkraft

24. Juni 2017, 16:40
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Stars in Steuernöten, geheime Machenschaften, bizarre Geschäftspraktiken schaden dem Profifußball wenig

Eine Verschnaufpause vom Fußball gibt es nicht mehr. Derzeit rollt der Ball zwar nicht in den großen Ligen, dafür ist der Fußball derzeit aber stark damit beschäftigt, sich selbst zu beschädigen. Zuletzt verschwanden die Übertragungsrechte für die Champions League ins Bezahlfernsehen und damit der hochexklusive Fußball-Zigarrenclub endgültig aus den Wohnzimmern des Otto Normalverbrauchers. Dann wurde Ronaldo des Steuerbetrugs verdächtigt, woraufhin der beste Fußballer des Planeten seine Portokassa öffnete. Ein Prozess bleibt abzuwarten. Und seit ein paar Tagen läuft auch der Confederations Cup, ein Symbol für den aufgeblähten und mit Spielen hoffnungslos überfrachteten Fußball-Jahreskalender.

Weil der Profifußball allein in Europa 20 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr macht und weil ein Ende der Geldregens nicht in Sicht ist, haben die Dinge auch einen (entfernten) Zusammenhang. Warum der Profikicker das renditeträchtigste Investment unserer Zeit ist, lässt sich in "Football-Leaks – Das schmutzige Geschäft mit dem Fußball" eingängig nachlesen. Unter Führung des deutschen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" hat das Recherchenetzwerk "European Investigative Collaborations" (EIC) Kontakt zu den "Football Leaks" gefunden, einem kleinen portugiesischen Blog. Und haben Einsicht bekommen in Millionen von Dokumenten über die geheimen Machenschaften im Profifußball, in dem Spieler wie Jetons im Fußballkasino herum geschoben und immer absurdere Gagen, Ablösesummen und Vermittlerprovisionen gezahlt werden.

Keine Anklage

Geändert hat sich im Fußballbetrieb seitdem wenig. "Football-Leaks" wollte ein Feuerwerk der Enthüllung abbrennen, am Ende gingen nur ein paar kleine Raketen in die Luft. Das "größte Datenleck der Geschichte" liefert mehr ein Sittengemälde des Sports als die große Anklage. Es blieb bis dato bei wenigen justiziablen Fällen, die schwere Konsequenzen hatten, wie im Fall von Twente Enschede. Der niederländische Verein wurde für drei Jahre von allen europäischen Wettbewerben ausgesperrt. Twente sicherte dem maltesischen Sportrechtevermarkter Doyen Sports vor zwei Jahren nicht nur die Transferrechte von fünf Profis für 5,5 Millionen Euro zu, sondern gleichzeitig eine Provisionszahlung für den Fall, dass Twente jene Spieler gar nicht weiterverkaufen wolle. Eine sittenwidrige Klausel, die der niederländische Verband bestrafte.

Was den Recherchen der Football-Leaks-Redakteure zu verdanken ist, sind Ermittlungen gegen Jose Mourinho, ein Steuerurteil gegen Angel di Maria sowie laufende Verfahren gegen Xabi Alonso, Ricardo Carvalho oder Radamel Falcao. Es soll auch Verfahren in England, Frankreich, Spanien, Holland, Kroatien und Argentinien geben.

Ein Mehrwert der "Football-Leaks" ist der lohnende Einblick in die wie Staatsgeheimnisse gehüteten Gehälterstrukturen und Klauseln im Fußball. Die Bandbreite ist selbst in finanziell schwächeren Ligen wie der deutschen Bundesliga sehr groß. Ein Beispiel: Zlatko Junuzovic, Leistungsträger bei Werder Bremen, verdient 65.000 Euro monatlich. Auf Schalke kommt ein gewisser Matija Nastasic auf 250.000 Euro Monatsfixum, dazu gibt es 30.000 Euro Einsatzprämie pro Punkt, plus zig weitere Sonderzahlungen.

Geheime Gehälter

Der Fußball arbeitet an seiner Selbstdemontage, auch weil er es noch immer nicht schafft, nach Vorbild der US-amerikanischen Profiligen seine Gehälter und Ablösesummen offen zu legen. Dann wäre ein Vertrag wie der von Real-Madrid-Trainer Zinedine Zidane vielleicht weniger bizarr. Weil der Franzose mit Real das Champions League Finale im Vorjahr gewann, verdoppeln sich seine Jahresgagen für die beiden Spielzeiten danach bis Juni 2018 von 5,5 auf über 11 Millionen Euro. Während Ronaldo in Mailand gegen Atletico also zum entscheidenden Elfmeter antrat, ging es für Zidane um nicht weniger als 11 Millionen Euro. Selbst Zidanes Vorgänger auf der Trainerbank Rafael Benitez verdiente an Ronaldos starken Nerven und dem Titel noch 600.000 Euro.

Ausstiegsklauseln und "Sonderkündigungsrechte" sind ein Fall für das Kuriositätenkabinett, aber nicht illegal. "Jeder auslaufende Kontrakt ist ein Kapitalvernichtungspapier" ("Football-Leaks") und was auf zig Seiten im Paragrafen-Dschungel immer noch nicht geregelt wird, endet im Streit wie in jüngsten Fall des Leipzig-Spielers Emil Forsberg.

Kleine Erfolge

Oft geht es auch darum, Spieler und Agenten von hoher Steuerlast zu befreien. Darum der Trick mit den Bildrechten, mit Einnahmen, die an Briefkastenfirmen auf den British Virgin Islands (30 000 Einwohner, 600 000 Firmen – Gründung ab 75 Euro möglich) oder nach Irland fließen. Deswegen muss ein Lionel Messi aber nicht ins Gefängnis. Solange die weltweiten Steueroasen nicht trocken gelegt werden, wird sich auch im Fußball, einer Industrie wie jeder anderen, nichts ändern. Nachzulesen ist das in einem der besten Bücher, die je zu diesem Thema geschrieben wurde: "Treasure Island – tax havens and the men who stole the world".

Einen aktuellen Erfolg konnten die "Football Leaks" verbuchen. Der 105 Millionen Euro-Weltrekordtransfer des Franzosen Paul Pogba hat Juventus Turin ein Disziplinarverfahren durch die FIFA beschert. Der italienische Agent Mino Raiola hatte beim Verkauf von Pogba von Juve zu Manchester United von allen Parteien insgesamt 49 Millionen Euro eingestrichen.

Dass Gleichgültigkeit die schlimmste Bestrafung für den Fußball ist, darf bezweifelt werden. (Florian Vetter, 24.6.2017)

  • Säumige Steuerzahler: Radamel Falcao, Lionel Messi und CR 14,7.
    foto: apa/afp/valery hache/jaime reina

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  • Football Leaks
Die schmutzigen Geschäfte im Profifußball
Rafael Buschmann und Michael Wulzinger
SPIEGEL-Buch; 288 Seiten; 16,99 Euro

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