Literatur in Zeiten virtueller Überforderung. Oder: Fack ju Göhte

    23. Juni 2017, 16:25
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    Ich gehöre einer vermutlich aussterbenden Spezies Mensch an: Ich habe keinen Facebook- oder Instagram-Account. Ich finde es der Literatur abträglich, wenn zwei Autoren – wie später analog in der Zeitung nachzulesen war – einander "Rollmops", "Krawallnudel" und andere Despektierlichkeiten an die digitalen Köpfe werfen. Das Daumen-rauf-Daumen-runter-Bewertungssystem finde ich albern, Snapchats – so ich deren Sinn richtig verstanden habe – ebenso und Twittern nicht erst seit Trumps die Psychohygiene gefährdenden Sprechdurchfall. Ich lese Literatur in Buchform, selbst Elfriede Jelineks im Internet publizierten Privatroman "Neid" habe ich ausgedruckt und die Blätter in eine Mappe geheftet. E-Books? Um es mit Melvilles Bartleby zu sagen: "Ich möchte lieber nicht."

    Einerseits.

    Werch ein Illtum

    Andererseits: Während des Schreibens immer wieder (und nicht nur zu Recherchezwecken) im Internet gesurft, in Online-Zeitungen zwischengestoppt, Nachdenkpausen mit weiterführenden Links sowie dem Checken von E-Mails und Whatsapp-Nachrichten gefüllt. Nur keine digitale Stille aufkommen lassen. Nennt sich euphemistisch digitales Stimulans; besser trifft es "digital distraction", digitale Ablenkung, genauer: digitale Zerfahrenheit.

    "Nirgendwo ist der, der überall ist", schrieb der römische Dichter und Philosoph Seneca in seinen "Epistulae morales". Meine Kinder haben in der Schule übrigens Seneca nicht gelesen. Wie viele andere Dichter, Schriftsteller und Denker auch nicht, statt Literatur werden Textsorten eingeübt, streng nach Vorlage, Lesen ist zur elitären Luxusbeschäftigung von Kindern bildungsnaher Eltern geworden. Wenn zu Hause Bücher herumstehen, wird danach gegriffen. Eine Bildungsreform, die diesen Namen verdiente, würde hier gegensteuern. Tut sie aber nicht. Noch mehr Textsorten, am besten in Digitalhäppchen verfüttert. Literatur? Braucht man offenbar nicht, um zukunftsfit zu sein.

    Als eine amerikanische Highschool vor etwa zehn Jahren ihre Bibliothek auflöste und stattdessen Computer für die Schüler installierte, schien dies maximal extravagant: Lehrer als Surflehrer für angehende fachgerechte, zielorientierte User? Kein Zukunftsmodell. Werch ein Illtum! (Wüssten die Kinder, von wem dies stammt? Natürlich nicht, weil: Ernst-Jandl-Gedichte? Kein Stoff für die Schule.)

    Nun will die österreichische Bildungsministerin nicht erst jugendliche Gymnasiastinnen und Gymnasiasten oder Mittelschülerinnen und Mittelschüler mit Tablets versorgen, was schon sinnvoll wäre. Sondern sie will diese Bildungsgabe bereits allen Volksschulkindern angedeihen lassen. Ausgerechnet jenen Menschen, die mehrheitlich – noch – gern und anrührend konzentriert in Büchern blättern? Die der Magie der Worte, die sich zu Geschichten fügen, erliegen? Gälte es nicht im Gegenteil, Kinder dieses Alters, auch und gerade aus bildungsfernen Schichten, für das Buch, für das Lesen zu begeistern? Sie zu lehren, welch großer persönlicher Erfolg es ist, eine Seite zu lesen und dann noch eine und noch eine und so, Seite für Seite umblätternd, geduldig eine eigene kleine Fantasiewelt erschließen zu können, statt schnell wegzuklicken, wenn das Buchstabieren anstrengend wird?

    Sicher, es gibt vermutlich Kinder, denen nie vorgelesen wird; andere, die bereits mit drei Jahren ein eigenes Smartphone und mit fünf ein Tablet besitzen. Und ja, nun eben alle, schon aus sozialen Gründen, verständlich, alle dürfen wischen und drücken und bunte Zeichen setzen. Angeblich sind Emojis die am schnellsten wachsende Sprache weltweit, weshalb ein Londoner Übersetzungsbüro zwecks richtiger Deutung der Zeichen bereits einen "Emoji-Übersetzer" sucht. Seneca muss er/sie dazu nicht übersetzt haben im Lateinunterricht.

    Faust statt Facebook

    Also wenn schon nicht Seneca, wie wäre es mit der etwas holprigen, aber nicht weniger zutreffenden Volksweisheit, man könne nicht mit einem Hintern auf zwei Kirtagen tanzen? Offenbar widerlegt. Heute ist Multitasking angesagt. Ich beobachte meine Kinder und ihre Freunde, junge Erwachsene also, Digital Natives, die schauen Netflix/Amazon-Serien, treffen gleichzeitig via Facebook Verabredungen für später, folgen Links zu Youtube-Clips, googeln, surfen gechillt auf dem Datahighway dahin und, wunderbar, entdecken dabei junge Schriftsteller, die nur im Netz publizieren. Vielleicht liegt sogar ein Buch aufgeschlagen daneben. Anfang – oder Ende – vom Lesen?

    Goethe, fasziniert und erschreckt gleichermaßen von den Möglichkeiten des damals neuen Mediums Zeitung, verschnürte mitunter die Ausgaben ungeöffnet, um der Versuchung zu widerstehen, sie auch zu lesen. Die täglich neuen Weltwirklichkeiten sollten ihn nicht vom Nachdenken und Schreiben ablenken. "Seit ich die Zeitungen nicht mehr lese, bin ich viel freieren Geistes", notierte er. Faust statt Facebook? Fack ju, Göhte!

    Nutzen ist das neue Lesen. Klug ist nicht der Mensch, smart ist sein handliches Gerät, das die virtuelle Welt allzeit auf Abruf bereithält. Demokratisierung von und freier Zugang zu Wissen: keine Frage, gute Sache. (Journalistische) Recherche ohne Internet? Kaum, nein: gar nicht mehr vorstellbar.

    Doch der Informatiker Jaron Lanier, Pionier in der Erforschung der virtuellen Realität, dessen VPL Research beispielsweise den ersten kommerziellen Datenhandschuh entwickelte, spricht mittlerweile von "digitalem Mob", den freien Wissenszugang nennt er eine "haluzinatorische Freiheit" und die sogenannte Schwarmintelligenz bezeichnet er als "digitalen Maoismus", als Ausbeutung der Kreativen: "Ich bin unter anderem zu dem ziemlich verstörenden Schluss gekommen, dass das Phantasiebild von den Musikern, Journalisten, Geistesarbeitern, die zwar durch Filesharing und soziale Netzwerke ökonomisch in Bedrängnis gerieten, aber so auch neue Geldquellen aufspürten, falsch ist", sagte er in einem "FAZ"-Interview (das ich, ja, im Internet gefunden habe). Aber wenn alle Texte, Musiken, alle Möglichkeiten der Kulturproduktion gratis im Netz abrufbar sind: Wie, ganz banal gefragt, wie schaut es mit der sowieso schon prekären Lage der Kunst- und Kulturschaffenden in Zukunft aus?

    "Masochismus" statt "Maoismus" träfe es daher auch ganz gut: Mit Anlauf schaffen wir sogenannten Geistesarbeiter uns in der durchmedialisierten, postfaktischen, von "alternative facts" geprägten schönen, gar nicht mehr so neuen Medienwelt selber ab. Vom Geistes- zum Geisterarbeiter, sozusagen.

    Scheingelehrte

    Das mit Informationsschnitzelchen übersäte globale Dorf ist von Doxosophen bevölkert, Meinungsträgern also, die Platon einst als wohl kenntnisreich, nicht aber als einsichtsreich bezeichnete: "Der Text-Leser glaubt nur zu wissen, das heißt, er meint." In der im "Phaidros" geäußerten Schriftkritik fürchtete er, das geschriebene Wort würde nicht Wissen vermehren, "... da die Leute im Vertrauen auf das Schriftstück von außen sich werden erinnern lassen durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch Selbstbesinnen. Also nicht ein Mittel zur Kräftigung, sondern zur Stützung des Gedächtnisses hast du gefunden. Und von Weisheit gibst du deinen Lehrlingen einen Schein, nicht die Wahrheit: Wenn sie vieles gehört haben ohne Belehrung, werden sie auch viel zu verstehen sich einbilden, da sie doch größtenteils nichts verstehen und schwer zu ertragen sind im Umgang, zu Dünkelweisen geworden und nicht zu Weisen."

    Pierre Bourdieu nahm Platons Begriff wieder auf und nannte Doxosophen "die Scheingelehrten der Meinungen oder der Scheinbarkeiten". Hauptsache mitreden können, unbekümmert von Blog zu Blog hüpfend wohlfeiles Meinungsreservoir anlegen: Ja, klingt furchtbar kulturpessimistisch. Und empörend konservativ.

    Laborratten

    Dabei ist der Begriff "Laborratten" noch gar nicht gefallen, den der Technologiekritiker Nicholas Carr für Menschen geprägt hat, die sich im Netz der immer weiterführenden Links verheddern.

    Lesen? Verinnerlichen? Zusammenhänge reflektieren? Verweilen? Konzentrieren?

    "Wenn wir ständig durch Computer und Mobiltelefone abgelenkt und unterbrochen werden, strömen Informationen durch unser Kurzzeitgedächtnis, ohne je in unserem Langzeitgedächtnis verfestigt zu werden. Unser Gehirn ist nicht in der Lage, die starken neuronalen Verbindungen herzustellen, die unserem Denken erst Tiefe und Klarheit verschaffen. Unsere Gedanken werden zusammenhangslos, unser Erinnern flach", beschrieb Carr in seinem Buch "Wer bin ich, wenn ich online bin ... : ... und was macht mein Gehirn solange? – Wie das Internet unser Denken verändert" ein verändertes, sprunghafter gewordenes Leseverhalten, das er auch an sich selbst festgestellt habe. Das Gehirn passe sich daran an und verändere sogar seine zelluläre Struktur: "Aktuelle Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen, die mit Links gespickte Texte lesen, weniger verstehen als diejenigen, die gedruckte Worte auf einer Papierseite lesen. Menschen, die ständig von E-Mails, Terminhinweisen oder anderen Nachrichten abgelenkt werden, verstehen weniger als die, die sich ohne Unterbrechung konzentrieren können."

    Belustigungstool

    Also, Literatur im Netz.

    Wenn junge Schriftstellerinnen einen – mag sein, literarisch nicht durchgängig gelungenen – Text in Buchform veröffentlichen, setzt sich damit ein Literaturkritiker, eine Kritikerin auseinander, liest aufmerksam, vergleicht, wägt ab, ordnet ein, urteilt. Ein Denkprozess. Wenn die jungen Literatinnen denselben Text online veröffentlichen, bricht ein Shitstorm aus, die dümmsten, unbelesensten Trolle schreiben instant und im wahrsten Sinne des Wortes gedankenlos unsäglich schrille, gemeingefährliche Hasspostings. Das hat mehr mit Schauprozessen und Hängt-sie-höher-Rufen auf mittelalterlichen Marktplätzen zu tun als mit demokratischer Teilhabe aller an Literatur. Nebeneffekt ist, dass eine sachliche, inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Text nicht oder kaum mehr möglich ist. So aber verdirbt Literatur zum Belustigungstool. Schade. Daran ist primär nicht das Internet schuld, sondern dessen User.

    Der deutsche Schriftsteller Thomas Hettche, der für seinen Roman "Pfaueninsel" mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, handelte sich in Online-Foren schnell das Prädikat "reaktionär" ein, als er in einem Essay für die "FAZ" nachdachte, was passiert, "wenn Literatur sich im Netz verfängt". Dass er 1999 mit "Null" eine der ersten, vielleicht die erste Internet-Literaturzeitung ins Leben rief und damit, wie die Zeitschrift "Focus" schrieb, ein "Mammutprojekt der Netzliteratur" initiierte: vergessen! Was hatte er in der "FAZ" geschrieben?

    "Literatur hat mit der Schönheit zu tun, die Sprache nur dann entfaltet, wenn man sorgfältig oder leidenschaftlich oder wütend oder begeistert, auf jeden Fall aber gänzlich sich ihr anheimgibt, als Autor wie als Leser. Dem aber ist die Zerstreuung der Aufmerksamkeit auf viele Kanäle nicht dienlich ... Unsere literarische Kultur droht zu verschwinden. Die Auseinandersetzung mit dem Werk zwischen zwei Buchdeckeln wird ersetzt durch eine Literaturteilhabe, die von Event und Dauergeplauder geprägt ist."

    Zwitschere, Autor!

    Erschienen ist dieser Artikel vor ziemlich genau sieben Jahren, im April 2010. Die Debatte hat sich, scheint's, nicht maßgeblich verändert – abgesehen davon, dass noch mehr Kanäle und Ablenkungen und Möglichkeiten dazugekommen sind. Use it! Zwitschere, Autor! Suche den Kontakt zu deinen Lesern, setze dich aus, kommuniziere, interagiere!

    Offenbar bin ich hoffnungslos von vorgestern. Aber apropos vorgestern: Weder ist das Theater durch das Kino verdrängt worden, noch das Kino durch das Fernsehen. Und natürlich kann Internet unendlich vieles, auch Literatur (wenngleich mitunter nur in Form langer, ungestalter Wortwürste statt schön gestalteter Seiten). Wie schreibt Hettche noch: "Die aktuelle Debatte reduziert nicht nur das Buch auf ein begrenztes Behältnis, das verzichtbar geworden ist, sie ist auch blind gegenüber der Komplexität des 'Gesamtsystems Literatur' ... Wenn die Debatte nicht länger ideologisch geführt werden soll, gehört zur Begeisterung für das, was wir an Möglichkeiten im Netz gewinnen, die Anerkennung dessen, was wir verlieren, wenn mit dem Geschäftsmodell Buch auch die Literatur als Ort verschwindet, an dem ein Schriftsteller und ein Leser sich nicht bloggend und twitternd treffen, sondern tatsächlich und unüberwachbar in der Imagination. Und allzu viele utopische Räume hat diese Welt nicht zu bieten." (Andrea Schurian, 23.6.2017)

    Der Text ist in der 150. Ausgabe der Zeitschrift "Lichtungen" erschienen.

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